1 ...6 7 8 10 11 12 ...28 Vom heutigen Standpunkt aus gesehen, müsste man meinen, dass die Persönlichkeit Jesu auch ihren Niederschlag in anderen Schriften des frühen römischen Reiches gefunden hätte. Dem ist jedoch nicht so. Jesus und die Jesus Bewegung, war den nichtchristlichen Historikern in den ersten Jahrzehnten nach Jesu Tod offensichtlich nicht besonders aufgefallen. Vor allem käme hier Josephus Flavius, ein jüdisch-römischer Schriftsteller, in Betracht. Er wurde während des Jüdischen Krieges in den Jahren 66–70 als Militärkommandeur in Galiläa von den Römern gefangen genommen. Dabei wechselte er die Seiten und freundete sich sogar mit dem späteren Kaiser Vespasian und dessen Sohn Titus an. Dieser wurde später ebenfalls Kaiser. Nach dem Kriege ging er mit Titus nach Rom, wo er sich trotz seines Rufes bei den Juden als „Verräter“ für deren Belange einsetzte. Seine beiden Bücher, Bellum Judaicum (Geschichte des jüdischen Krieges) sowie Antiquitates Judaicae (Jüdische Altertümer) waren nach ihrem Erscheinen im römischen Reich Bestseller und sind auch heute noch wichtige historische Quellen.
Im Jüdische Altertümer findet sich folgende Passage über Jesus: „Um diese Zeit lebte Jesus, ein Mensch voll Weisheit, wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf. Er tat nämlich ganz unglaubliche Dinge und war der Lehrer derjenigen Menschen, welche gern die Wahrheit aufnahmen; so zog er viele Juden und viele aus dem Heidentum an sich. Er war der Messias. Auf Anklage der Vornehmen bei uns verurteilte ihn Pilatus zwar zum Kreuzestode; gleichwohl wurden die, welche ihn früher geliebt hatten, auch jetzt ihm nicht untreu. Er erschien ihnen nämlich am dritten Tage wieder lebend wie gottgesandte Propheten neben tausend anderen wunderbaren Dingen von ihm verkündet hatten. Noch bis jetzt hat das Volk der Christen, die sich nach ihm nennen, nicht aufgehört.“ 14
Es ist unmöglich, dass Josephus dies geschrieben hat, da er, als Freund der Römer, Jesus nicht als Messias bezeichnen konnte. Dieser war wegen dieses Titels von den Römern zum Tod am Kreuz verurteilt worden. Es besteht unter Exegeten kaum ein Zweifel über eine spätere christliche Einfügung dieses Textes, vielleicht im 3. Jahrhundert, da der älteste bekannte Text in dieser Fassung aus dem 4. Jahrhundert stammt. Auch die Meinung, dass ein ursprünglich von Josephus stammender Text im christlichen Sinne umgearbeitet wurde, halte ich nicht für wahrscheinlich, wenn man sich den Zusammenhang näher ansieht, in dem dieser Text steht.
Zunächst erwähnt Josephus die Niederschlagung eines jüdischen Aufstandes in Jerusalem durch Pilatus, weil dieser Tempelgelder für den Neubau einer Wasserleitung verwenden wollte. Die Schilderung endet mit den beiden Sätzen: „Gleichwohl ließen die Juden von ihrer Hartnäckigkeit nicht ab, und da sie den Bewaffneten wehrlos gegenüberstanden, kamen viele von ihnen um, während andere verwundet weggetragen werden mussten. So wurde dieser Aufruhr unterdrückt.“
Danach folgt der wohlmeinende Text über Jesus. Anschließend geht es übergangslos mit dem Satz weiter: „Gleichfalls um diese Zeit traf auch noch ein anderes Unglück die Juden, und zu Rom geschahen im Isistempel schändliche Dinge.“
Dieser Satz passt zwar zu der Niederschlagung des Aufstandes; in keinster Weise jedoch zu dem Abschnitt über Jesus, da dessen Auftreten nicht als „Unglück“ bezeichnet werden kann. Man kann daher davon ausgehen, dass dieser Abschnitt nachträglich und zudem recht unpassend eingefügt worden ist.
An anderer Stelle erwähnt Josephus, Jesus als Bruder des Jakobus, den der Hohepriester Ananos zum Tode verurteilen ließ:
„Ananos nun, der wild und draufgängerisch und von jener den Sadduzäern eigenen Härte in Gerichtsdingen war, hielt den Zeitpunkt für geeignet. (…). Er berief deshalb den Hohen Rat zum Gericht und ließ den Bruder Jesu, des sogenannten Christus, Jakobus mit Namen sowie einige andere, die er der Gesetzesübertretung beschuldigte, zur Steinigung führen.“ (Hervorhebung durch den Autor). 15Dieser Passus wird im Allgemeinen als authentisch angesehen. Auf den „Herrenbruder“ Jakobus werde ich an späterer Stelle noch näher eingehen.
Tacitus berichtet um 117 in seinen Annales von „Chrestianern“, denen Kaiser Nero die Schuld am Brand Roms im Jahr 64 zugeschoben habe, und notiert: „Der Mann, von dem sich dieser Name herleitet, Christus, war unter der Herrschaft des Tiberius auf Veranlassung des Prokurators Pontius Pilatus hingerichtet worden.“
Wenn wir die öffentliche Verkündigung Jesu näher betrachten, können wir erkennen, wieso er zu Lebzeiten für die damaligen Geschichtsschreiber keine beachtenswerte Größe war. Er predigte überwiegend außerhalb Galiläas, in den angrenzenden Provinzen, bevor er nach Jerusalem zog und gekreuzigt wurde. Wahrscheinlich erregte er dort beim Passahfest einiges Aufsehen, hinterließ aber aufgrund der Kürze seines Auftretens keinen bleibenden Eindruck im Bewusstsein der Allgemeinheit. Wieso er dagegen nach seinem Weggang von seinen Jüngern so euphorisch verkündet wurde, werden wir noch intensiv ergründen.
Exegese des Neuen Testamentes
Sie fragen sich vielleicht, wie man aus diesem Gewirr von verschiedenen Meinungen und sich oftmals widersprechenden Schriften den wirklichen Jesus erkennen kann. Generationen von Exegeten haben sich daran abgearbeitet und hunderttausende von Büchern hierüber geschrieben. Dann kommen Laien wie auch ich und geben noch ihren Senf dazu. Aber ich denke, der Blick des Nichtfachmannes erweitert den Blickwinkel. Viele Exegeten scheinen mir doch recht „betriebsblind“ geworden zu sein und sehen Jesus zu sehr nur aus der Sicht ihrer Fachrichtung.
Und doch gibt es aufgrund der heutigen Bibelwissenschaft mehr Klarheit über Jesus als in früheren Zeiten, in denen nur die dogmatische Betrachtungsweise zugelassen war. Von einer Einigkeit über die historische Person Jesus sind wir allerdings noch weit entfernt.
Die Bibelwissenschaftler widmen – aufgrund ihres Wissens über die damaligen Lebensumstände in Palästina – einen Großteil ihrer Forschungen der Frage, ob bestimmte Taten oder Aussagen Jesu tatsächlich von diesem stammten oder ihm nachträglich von der Christengemeinde oder den Evangelisten zugeschrieben wurden. Dabei gibt es zu fast jeder Meinung eine Gegenposition, wenngleich sich auch gewisse Grundzüge allgemein durchgesetzt haben. Die jeweilige Glaubenseinstellung spielt hierbei natürlich eine große Rolle.
In der exegetischen Literatur spannt sich der Bogen von konservativ Gläubigen über Agnostiker bis hin zu Atheisten, wobei jeder, ausgehend von seinem eigenen Standpunkt, schreibt.
Papst Benedikt sieht dies ebenso, wenn er schreibt: „ Die Fortschritte der historisch–kritischen Forschung führten zu immer weiter verfeinerten Unterscheidungen zwischen Traditionsschichten, hinter denen die Gestalt Jesu, auf den sich doch der Glaube bezieht, immer undeutlicher wurde… . Zugleich freilich wurden die Rekonstruktionen dieses Jesus … immer gegensätzlicher: vom antirömischen Revolutionär, der auf den Umsturz der bestehenden Mächte hinarbeitet und freilich scheitert, bis zum sanften Moralisten, der alles billigt und dabei unbegreiflicherweise selber unter die Räder kommt. Wer mehrere dieser Rekonstruktionen nebeneinander liest, kann alsbald feststellen, dass sie weit mehr Fotografien der Autoren und ihrer Ideale sind als Freilegung einer undeutlich gewordenen Ikone.“ 16
Aus seiner Formulierung: „ … hinter denen die Gestalt Jesu, auf den sich doch der Glaube bezieht, immer undeutlicher wurde …“, ist jedoch zu erkennen, dass er dem kirchlich dogmatisierten „Jesus des Glaubens“ nachtrauert, der natürlich durch die moderne Forschung so nicht mehr aufrechterhalten werden kann.
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