Man spricht oft vom zornigen und strafenden Gott des Alten Testamentes. Dieses Bild ist jedoch zu einseitig. Es ergibt sich in erster Linie aus den Schriften der Priesterkaste (P), in denen der Mensch nur durch die Einhaltung der Gesetze vor JHWH bestehen kann und ihm bei Nichteinhaltung von JHWH fürchterliche Strafen angedroht werden.
Die Schreiber von J (JHWH Südreich), E (El Nordreich) und D (Deuteronomium) schildern dagegen eher einen persönlichen Gott, der sich umstimmen lässt und Barmherzigkeit walten lässt, wenn der Sünder Buße tut. Hierin geht es nicht so sehr um Gesetzeserfüllung, sondern um Gottesliebe und dem rechten Tun, das aus der Erkenntnis von Gut und Böse entspringt, die jedem Menschen zu Eigen ist.
„ Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu wunderbar und nicht zu fern … sondern das Wort ist sehr nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tun kannst.
Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse. Was ich dir heute gebiete, ist, dass du JHWH, deinen Gott, liebest und in seinen Wegen wandelst und seine Gebote, seine Satzungen und seine Rechte haltest.“ 11
Aber auch die priesterlichen Schreiber (P) betonten manchmal die Güte Gottes, so wie auch der Schreiber des Deuteronomium (D) schreckliche Drohungen bei Ungehorsam ausstoßen konnte:
„ Es wird aber geschehen, wenn du der Stimme des HERRN, deines Gottes, nicht gehorchst … so werden all diese Flüche über dich kommen und dich treffen. Verflucht wirst du sein in der Stadt und verflucht auf dem Lande. Verflucht wird sein dein Korb und dein Backtrog. Verflucht wird sein die Frucht deines Leibes, die Frucht deines Landes, der Wurf deiner Rinder und die Zucht deiner Schafe. Verflucht wirst du sein, wenn du eingehst, und verflucht, wenn du ausgehst. (…).
Der HERR wird dir die Pest anhängen, bis er dich vertilgt hat aus dem Lande … . Der HERR wird dich schlagen mit Schwindsucht, mit Fieberhitze, Brand, Entzündung, Dürre, mit Getreidebrand und Vergilben … . Der HERR wird dich schlagen mit Wahnsinn und mit Blindheit und mit Verwirrung der Sinne … usw. usw. “ 12
Worte des lebendigen Gottes? Sicher nicht! Aber vielleicht war es nicht anders möglich, die Menschen der damaligen Zeit zu einem gedeihlichen Zusammenleben zu disziplinieren. Da im Judentum zu dieser Zeit keine konkrete Jenseitsvorstellung existierte, bezogen sich die Flüche alle auf das diesseitige Leben.
Aus der Erfahrung heraus, dass es dem „Schlechten“ auf Erden, trotz der Flüche meistens gut geht, verlagerte das Christentum später die Strafandrohung ins Jenseits und drohte den Unbotmäßigen ewiges Höllenfeuer an.
Die Folge dieser verschiedenen Sichtweisen im frühen Judentum war, dass sich jeder seinen Gott aus der Schrift aussuchen konnte, was natürlich immer wieder für Diskussionen und Streit sorgte. Es gab auch Gegenpositionen zu manchen in der Schrift enthaltenen Forderungen. Einzelne Rabbiner wie später auch Jesus, kritisierten zum Beispiel die Unzahl der priesterlichen Vorschriften über den Sabbat, die den Menschen nur unnötige Lasten auflegen würden.
Einige Jahrzehnte vor dem Auftreten Jesu fragte ein Nichtjude den berühmten Rabbi Hillel (gest. 7. n. Chr.) nach der Essenz der jüdischen Schriften: „Wenn du mir die Lehre des Judentums vermitteln kannst, solange ich auf einem Bein stehe, werde ich konvertieren." Die Antwort des Rabbi lautete: „Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora und alles andere ist nur Erläuterung; geh und lerne sie.“ 12a
Ist Ihnen in dieser Anektode etwas aufgefallen? Der Rabbi hat in der Kürze der Zeit eine Stelle aus dem 5. Buch Mose vergessen und zwar die, die Jesus das größte Gebot nennt: „ Du sollst den HERRN , deinen Gott , lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit aller deiner Kraft!“ 15Vielleicht hat der Frager, als er auf einem Bein stand, schon zu sehr gewackelt, dass Rabbi Hillel diesen Satz nicht mehr anbringen konnte. Schnelle Antworten sind eben nicht immer die besten. Gekannt hat er das Gebot mit Sicherheit.
Die Schriften des Alten Testamentes sind wie das menschliche Leben, ein Konglomerat von Unsinn und Weisheit, egozentrischem Machtstreben, Gerechtigkeitsdenken und letzten Endes Sehnsucht nach dem Reich Gottes auf Erden, in dem alles Gute verwirklicht und das Böse ausgerottet wird. Wir dürfen daher nicht annehmen, die jüdischen Schriften spiegelten die Eigenschaften Gottes wieder. Sie entsprechen vielmehr den Erwartungen, die der Schreiber an JHWH stellte. Gott wie er wirklich ist, entzieht sich menschlicher Beschreibung; er kann nur persönlich erfahren werden.
Das Christentum hat die Bücher des Tanach übernommen und als Altes Testament kanonisiert, d.h. als Maßstab für den Glauben festgelegt. Ursprünglich eine jüdische Sekte, okkupierte das Christentum die biblische Tradition und damit auch die jüdische Historie. Es sah sich als „Neues Israel“.
Dem Judentum wurden damit zwar nicht die Schriften gestohlen – es besitzt sie nach wie vor – aber man könnte es nach heutigen Kriterien als Raubkopie bezeichnen.
Jedenfalls verursachte das Alte Testament im Römischen Reich und darüber hinaus einen positiven Kulturschub religiöser Art. Vor allem, wenn man es mit den germanischen Überlieferungen vergleicht wie der nordischen Heldensage Edda oder der Nibelungensage, wo es fast nur um Streit, Kampf, Vernichtung und Heldentum geht.
Wenden wir uns nun den Schriften zu, die einem jüdischen Bauhandwerker, Wundertäter und Endzeitprediger gewidmet sind.
Neues Testament, Schriftenkanon
Das Neue Testament ist eine Sammlung von 27 Schriften über Leben und Sterben des Jesus von Nazareth, den sie als den zur Rettung der Welt gekommenen Messias und Sohn Gottes verkünden.
Diese Schriften wurden in einem längeren Prozess, der bis Ende des vierten Jahrhunderts andauerte, von verschiedenen Kirchenlehrern aus einer großen Zahl von Schriften über Jesus als authentische Überlieferungen angesehen und im vierten Jahrhundert zur verbindlichen Grundlage des christlichen Glaubens erklärt (kanonisiert).
Sie basieren nicht nur auf den Lehren Jesu, sondern auch auf den jüdischen Schriften, dem Alten Testament.
Die Bezeichnung Testament stammt ursprünglich aus dem Hebräischen bzw. Griechischen, und meinte übersetzt „Bund“. Das griechische Wort wurde später im lateinischen mit Testamentum übersetzt.
Nach den Schriften des Tanach schloss der Gott Israels JHWH einen Bund mit seinem Volk. Aus christlicher Sicht wurde dieser durch Jesus mit einem Neuen Bund abgelöst, der nicht nur das Volk Israel, sondern alle Menschen umfasst.
Das Neue Testament besteht aus den vier Evangelien, die das Leben Jesu erzählen, der Apostelgeschichte und 21 Briefen an christliche Gemeinden, vor allem von Paulus, sowie der Apokalypse oder Geheimen Offenbarung.
Evangelien
Die vier Evangelien des neuen Testamentes wurden lange nach Jesu Kreuzigung im griechisch römischen Kulturraum in griechischer Sprache verfasst. Die Schreiber, allgemein als Matthäus, Markus, Lukas und Johannes bezeichnet, sind unbekannt. Keiner von ihnen hatte Jesus kennengelernt.
Außer dem Lukasevangelium, der Apostelgeschichte und den echten Paulusbriefen stammen sie nicht von dem Schreiber, nach dem sie sich benennen.
Unter Bibelwissenschaftlern wird angenommen, dass als erstes das Markusevangelium um das Jahr 70 entstand. Die Evangelien des Matthäus und Lukas folgten etwa 10–20 Jahre später. Als letztes entstand das Johannesevangelium nach dem Jahr 100 n. Chr., also über 70 Jahre nach Jesu Öffentlichem Auftreten.
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