Manche Forscher sind jedoch der Meinung, Nazoraios könne jemanden bezeichnen, der eine bestimmte Lehrtätigkeit ausübt. Andere wiederum meinen, es wäre eine Abwandlung von Nasir . Dies sind im Judentum Menschen, die einen Eid auf Zeit oder auch lebenslang geleistet haben, auf alkoholische Getränke und auf einzelne Speisen zu verzichten und sich die Haare und den Bart nicht zu schneiden.
Wie wir im Kapitel über das Grabtuch von Turin noch sehen werden, gibt es gewisse Anzeichen dafür, dass Jesus ein Nasiräer gewesen sein könnte.
Ohne hier Einzelheiten etymologischer Untersuchungen anzuführen, spricht einiges vom aramäischen Wortstamm her durchaus auch für Nazareth als Jesu Heimatdorf. Im Judentum werden die Christen zum Beispiel „Nozrim“ genannt, was „Die Nazarener“ bedeutet.
Es kann jedoch nicht mehr geklärt werden, wo Jesus geboren und aufgewachsen ist. Einiges deutet auch auf Kapharnaum, auch Kapernaum geschrieben, hin. Zumindest scheint er schon vor seinem öffentlichen Auftreten dorthin gezogen zu sein. So schreibt beispielsweise Matthäus: Und er verließ Nazareth, und ließ sich zu Kapernaum nieder, das am Meere liegt, im Gebiet von Sebulon und Naphtali; 7
Nach Markus scheint Jesus ebenfalls dort gewohnt zu haben: Und er kam nach Kapernaum ; und als er zu Hause angelangt war, … . 8
Und nach etlichen Tagen ging er wieder nach Kapernaum ; und als man hörte, dass er im Hause wäre, … . 9
Um Nazareth ranken sich allerdings auch einige Geschichten und Aussprüche, so dass wir der Einfachheit halber und da es für unsere Zwecke nicht bedeutsam ist, Jesu Geburtsort und den Wohnort seiner Familie in Nazareth belassen.
Geboren von einer Jungfrau
Der Matthäusevangelist bezieht sich bei seiner These, wonach Jesus von einer Jungfrau geboren wurde, auf den Propheten Jesaia, den er wie folgt zitiert: „ Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und man wird ihm den Namen Emmanuel geben; das heißt übersetzt: Gott mit uns.“ 10
In welchem Zusammenhang steht dieser Satz?
Ahas, der König Israels hat um das Jahr 730 v. Chr. schwere Sorgen, weil Jerusalem von Feinden umzingelt ist. JHWH schickt daraufhin Jesaia an das Ende der Wasserleitung des oberen Teiches, um Ahas zu treffen. Jesaia beruhigt Ahas mit den Worten: „ Darum wird euch der Herr von sich aus ein Zeichen geben: Siehe, die junge Frau (eine junge Frau die gerade vorbeigeht, der Autor) wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben.“ 11
Der Urtext spricht hier unverkennbar von Alma , einer jungen Frau . Eine Jungfrau würde auf Hebräisch Betula heißen.
Jesaia deutet dem König damit an, dass die junge Frau ihr Kind glücklich zur Welt bringen wird, und weil Jerusalem verschont bleibt, es dafür zum Dank Immanuel (Gott mit uns) nennen wird.
Ein Zusammenhang mit der Geburt Jesu ist völlig ausgeschlossen, wie auch aus der darauf folgenden Warnung des Propheten hervorgeht: „ Er wird Butter und Honig essen bis zu der Zeit, in der er versteht, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen. Denn noch bevor das Kind versteht, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen, wird das Land verödet sein, vor dessen beiden Königen dich das Grauen packt.“ 12
Das bedeutet, dass es dem Kind und damit auch Israel in den ersten Lebensjahren gut gehen wird. Und noch bevor das Kind Vernunft entwickelt, also nach etwa 6 Jahren, wird das Land der Feinde veröden und damit die Gefahr vorüber sein.
Der Ursprung der falschen Übersetzung (junge Frau zu Jungfrau) begann bereits 250 Jahre v. Chr. mit der Übersetzung der hebräischen Bibel ins Griechische, der sogenannten Septuaginta. Diese übersetzte das hebräische Wort Alma – eine junge Frau von der Heiratsreife an bis zur Geburt ihres ersten Kindes – mit Parthenos , das Jungfrau bedeutet.
Da der Evangelist Matthäus in Griechisch schrieb, entnahm er die Texte des Alten Testamentes aus der Septuaginta und übernahm damit auch das Wort Parthenos . So wurde aus der jungen Frau eine Jungfrau .
Im Neuen Testament – besonders bei Matthäus – werden immer wieder Passagen der jüdischen Schriften als Prophezeiungen auf das Leben Jesu gedeutet. An dieser Stelle betone ich nochmals, dass es in den vorchristlichen jüdischen Schriften keinerlei Voraussagen in Bezug auf Jesus gibt. Vielleicht verwundert Sie dies, da solche doch immer wieder zitiert werden.
Wenn Sie sich einmal die Mühe machen, diese Sätze im Zusammenhang zu lesen, werden Sie sehr schnell feststellen, dass diese sich immer nur auf die damals aktuelle Situation beziehen wie in dem vorstehenden Beispiel mit der Jungfrauengeburt. Für die Menschen damals war nur das Leben im Hier und Jetzt bedeutsam. Sie hatten nur eine sehr diffuse Vorstellung von einem Leben nach dem Tode oder von Reinkarnation und keinerlei Interesse daran, was einige Jahrhunderte später geschehen würde.
Zurück zur Jungfrauengeburt: In der antiken Welt – auch außerhalb des Mittelmeerraumes – war eine überirdische göttliche Abstammung, „ein Muss“ für höher gestellte Persönlichkeiten. Eine Art Adels- oder Doktortitel. So verlief zum Beispiel die Empfängnis Buddhas wie folgt: „Eines Nachts träumte Königin Mayadevi, dass ein weißer Elefant vom Himmel herabstieg und in ihren Schoß eintrat. Der weiße Elefant, der in ihren Schoß eingetreten war, war ein Zeichen dafür, dass sie in eben dieser Nacht ein Kind empfangen hatte, das ein reines und mächtiges Wesen war.“ 13
Auch Zoroaster, die persische Sagengestalt, Krishna, der legendäre indische König und Gott, Quirinus, ein berühmter Römer, Platon, der griechische Philosoph, andere bekannte Griechen wie Empedokles, Pythagoras, Alexander der Große sowie der römische Kaiser Augustus und noch etliche andere wurden von einer Jungfrau geboren – allerdings nur angeblich .
Mit der Geburt der Pharaonin Hatschepsut verhielt es sich wie folgt: „Bald darauf nun ging Gott Amun in den königlichen Palast. Er schlüpfte in die Gestalt des Königs. So konnte er unerkannt durch alle Türen ungehindert bis an das Lager der Königin vordringen. Diese aber erwachte, als sie die kostbaren Düfte und Gerüche wahrnahm, die von dem an ihrem Lager weilenden Gott ausgingen. Sie war entzückt von seinem Anblick und hieß ihn herzlich auf ihrem Lager willkommen. (…). Amun aber verhieß ihr, dass ihre Tochter Hatschepsut, die sie gebären würde, dermaleinst Königin über die beiden Länder Ägyptens sein würde.“ 14
Wir können daher annehmen, dass bereits in der christlichen Urgemeinde Legenden über eine Jungfrauengeburt Jesu erzählt wurden und Matthäus und Lukas diese in ihre Berichte einfügten, um Jesus auf Augenhöhe mit anderen Berühmtheiten der Antike darzustellen. Wollten sie der Botschaft Jesu Gehör verschaffen, mussten sie hier mitziehen. Die Menschen bewegte damals weniger die Realität, sondern viel mehr ein eindrucksvoller Mythos.
Von einer Legende, die sich in der jungen Christengemeinde im Laufe der ersten Jahrzehnte entwickelt hat, geht im Allgemeinen auch die Bibelwissenschaft aus. Paulus wusste noch nichts von einer Jungfrauengeburt. Katholische, kirchenabhängige Theologen, wie etwa Papst Benedikt, würden jedoch Probleme bekommen, wenn sie dieses Dogma leugnen würden. Normalerweise würde es den Verlust der Lehrbefugnis für katholische Theologie nach sich ziehen – so geschehen in 1987 bei Uta Ranke-Heinemann, der Tochter des früheren Bundespräsidenten Heinemann.
Frau Ranke-Heinemann wurde der Lehrstuhl entzogen, obwohl sie sich zu ihrer Verteidigung sogar auf den damals noch mutigen Joseph Ratzinger beziehen konnte, der in seiner „Einführung in das Christentum“ geschrieben hatte: „Die Gottessohnschaft Jesu beruht nach kirchlichem Glauben nicht darauf, dass Jesus keinen menschlichen Vater hatte; die Lehre vom Gottsein Jesu würde nicht angetastet, wenn Jesus aus einer normalen menschlichen Ehe hervorgegangen wäre. Denn die Gottessohnschaft, von der der Glaube spricht, ist kein biologisches, sondern ein ontologisches Faktum; kein Vorgang in der Zeit, sondern in Gottes Ewigkeit.“ 15
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