Wenn Benedikt als Papst die Jungfrauengeburt geleugnet hätte, hätte er sich selbst entweder exkommunizieren oder aber dieses Dogma aufheben müssen. Letzteres wäre ein weiteres mutiges Novum neben seinem Rücktritt gewesen. Schade, dass er sich nicht getraut hat!
War Jesus unehelich?
Verschiedene Quellen geben Anlass zu der Theorie, Jesus wäre ein unehelicher Sohn Marias gewesen.
So zitiert zum Beispiel Markus die früheren Nachbarn und Bekannten Jesu, als dieser in seiner „Vaterstadt“ lehrte, wie diese untereinander tuscheln: „ Ist er nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria , …“. 16Matthäus orientiert sich daran, dreht es aber so hin, dass hier niemand auf falsche Gedanken kommt: Ist er nicht eines Zimmermanns Sohn? Heißt nicht seine Mutter Maria? 17
In Israel wurden die Söhne normalerweise nach dem Vater genannt, wobei dies mit dem Wort bar bezeichnet wird (zum Beispiel: Simon bar Jonas = Sohn des Jonas oder Johannes und Jakobus bar Zebedäus = Söhne des Zebedäus). Wenn die Leute ihn nun als Jeshua bar Myriam (Jesus, Sohn der Maria) bezeichnen, sieht dies so aus, als ob die Unehelichkeit Jesu allgemein bekannt gewesen wäre. Sicher ist dies allerdings nicht, da diese Bezeichnung auch verwandt wurde, wenn die Söhne von einem Vater, aber von verschiedenen Müttern abstammten oder bei Mischehen zwischen Heiden und einer jüdischen Frau. Dies waren allerdings seltene Ausnahmen.
Die Indizien für eine Unehelichkeit Jesu sind jedoch nicht zwingend. Es ist nicht mehr zu klären, wieso Markus ihn als „Sohn der Maria“ bezeichnet. Er war bei dem Auftritt Jesu in dessen „Vaterstadt“ sicher nicht dabei. Und dass die Überlieferung eines Getuschels nicht zuverlässig ist, dürfte selbstverständlich sein. Markus könnte auch eine Sprachformel der Urgemeinde übernommen haben, die damit die Jungfrauengeburt bekräftigen wollte.
Gegen eine Unehelichkeit spricht auch, dass Jesus offenbar in einer Großfamilie aufwuchs, wie weiter unten noch dargelegt wird.
In diesem Zusammenhang darf jedoch ein Gerücht nicht unerwähnt bleiben, das bei den Juden in Umlauf war: Der christliche Theologe und Schriftsteller Origenes (185–254) gibt eine Erzählung wieder, die einige Jahrzehnte vor ihm der alexandrinische Philosoph Celsus/Kelsos überliefert hatte. Kelsos berichtete in seiner heute verlorenen Schrift über Aussagen eines jüdischen Gewährsmannes. In Origenes' Entgegnung wird die Behauptung dieses Gewährsmannes erwähnt, die Jungfrauengeburt sei von Jesus selbst erdichtet worden. In Wahrheit sei er ärmlicher Herkunft gewesen und entstamme einer ehebrecherischen Beziehung seiner Mutter, einer Handarbeiterin, mit einem römischen Legionär namens Panthera.
Im „Toledot Jeschu“ wiederum, einer jüdischen Sagensammlung aus dem achten Jahrhundert, ist geschildert wie ein Josef Pandera, Nachbar der Maria, die mit einem Mann namens Jakobus verlobt war, diese des Nachts aufsuchte und sich als deren Verlobter Jakobus ausgab. Aus dieser Verbindung soll dann Jesus hervorgegangen sein. Als Maria ihren Irrtum erkannte, hätte sie sich einem Rabbi anvertraut, der dies dann später weitererzählt hätte.
Auch unter kritischen Exegeten werden diese Geschichten als jüdische Polemik gegen die Abstammung Jesu angesehen. So meint Augstein: „Je höher diese am Anfang anonyme Frau in der christlichen Lehre betrachtet wird, desto hässlicher und verletzender wird ihre Legende im jüdischen Schrifttum (Liebchen eines römischen Legionärs namens Panthera, darum „Pantherkatze“, „Friseuse“, den unehelichen Sohn hat sie während der Menstruation empfangen, er ist ein Bastard und Sohn der Unreinheit, ein sogenannter Mamser ben Nidda etc.).“ 18Diese Geschichten sind allerdings ein weiteres Indiz dafür, dass Jesu Vater nicht bekannt war.
Was wissen wir über ihn?
Josef, Vater Jesu?
Die Evangelien schweigen sich über Jesu Vater fast völlig aus. Matthäus und Lukas nennen ihn Josef und geben seinen Beruf in Griechisch als Tekton an, was einen Bauhandwerker bezeichnet. Ansonsten ist über ihn nichts bekannt. Markus und Johannes haben für Jesu Vater überhaupt kein Interesse. Andererseits muss ein Familienvater existiert haben, da, wie wir noch sehen werden, in den Evangelien noch vier namentlich benannte Brüder und einige Schwestern Jesu erwähnt werden.
Kurz gesagt, er bleibt ein Phantom. Wenn in den Evangelien Mitglieder der Familie Jesu in Erscheinung treten, sind dies immer nur seine Mutter, seine Brüder und nebenbei auch mal seine Schwestern. So, in der Episode, als ihn seine Familie nachhause holen wollte, weil sie dachten, er sei übergeschnappt, als er vor allen Leuten predigte.
Und sie sagten zu ihm: „Siehe, deine Mutter und deine Brüder sind draußen und suchen dich.“ 19
Normalerweise blieben die Aufgaben und der Einfluss der Frauen in der antiken Welt auf den häuslichen Bereich beschränkt.
Solch heikle Angelegenheiten wie einen Sohn, der sich offensichtlich auf unkalkulierbare Abwege begeben hat, wieder nachhause zu holen, wäre auf jeden Fall Sache des Vaters gewesen. Wohl, weil der Vater nicht mehr da war, versuchte dies stattdessen Jesu Mutter. Zur Verstärkung hatte sie ihre anderen Söhne mitgenommen.
Auch auf der Hochzeit zu Kana wird Josef nicht erwähnt. Möglicherweise ließ er sich scheiden oder arbeitete als Bauhandwerker in einer anderen Stadt und kam nur selten nachhause. Unter Fachtheologen neigt man allerdings am ehesten zu der Ansicht, dass er bereits vor Jesu öffentlichem Auftreten verstorben ist.
Familienverhältnisse
Nach Markus und Matthäus hatte Jesus vier Brüder und eine nicht genannte Anzahl von Schwestern: „Ist er nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria, der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Und sind nicht seine Schwestern hier bei uns?“ 20
Auch Johannes spricht mehrfach von „Brüdern Jesu“: Nach der Hochzeit zu Kana zog er hinab nach Kapharnaum, er und seine Mutter und seine Brüder und seine Jünger… . 21
Denn auch seine Brüder glaubten nicht an ihn. 22
Nachdem aber seine Brüder zum Fest hinaufgegangen waren … . 23
Ebenfalls sind seine Angehörigen in der Apostelgeschichte erwähnt: Die se alle verharrten einmütig im Gebet, samt den Frauen und Maria , der Mutter Jesu, und seinen Brüdern. 24
Die „Herrenbrüder“ Jakobus und Judas wurden nach Jesu Tod Mitglieder der christlichen Urgemeinde in Jerusalem. Jakobus leitete diese bis zu seiner Ermordung. Der Jakobus- und der Judasbrief sind nach diesen beiden benannt.
Um die Jungfrauengeburt zu stützen, hatte man schon in der frühen Kirche diese Geschwister zu Cousins und Cousinen umgedeutet, da solche angeblich im damaligen Israel ebenfalls als Brüder und Schwestern bezeichnet wurden. Dagegen wendet sich die jüdisch-schweizerische Philosophin und Schriftstellerin Salcia Landmann: „Dabei sind gerade Orientalen in diesem Punkt sehr pingelig. Speziell die hebräische und aramäische Sprache unterscheidet bei Vettern und Basen sogar ganz genau, ob die betreffenden von einem Bruder oder einer Schwester eines der eigenen Elternpartner stammen!" 25
Ohnehin gibt es keinen logischen Grund, wieso Jesus keine Brüder und Schwestern gehabt haben sollte.
Wie dem auch sei, wir kommen nicht daran vorbei, zu sehen, dass Jesus mit großer Wahrscheinlichkeit in einer normalen Familie mit Brüdern und Schwestern aufgewachsen ist.
Die Benennung der Brüder, nach dem Stammvater Jakob und einigen seiner Söhne, Joses (eine Form von Joseph), Judas und Simon lässt auf eine fromme jüdische Familie schließen.
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