„Als zweites interessiert sich das Parlament für den Stand der internationalen Kooperation unserer Dienste mit den Diensten unserer Verbündeten. Kann man davon ausgehen, dass unsere Nachrichtendienste in das westliche Netz eingebunden sind oder muss man unterstellen, dass aufgrund der Spannungen mit den Vereinigten Staaten von Amerika wir derzeit isoliert und in unserer Handlungsfähigkeit eingeschränkt sind? Die Militärexperten der Fraktionen, dass brauch ich ihnen nicht zu sagen, halten diesen Aspekt für entscheidend hinsichtlich der augenblicklichen Verteidigungsbereitschaft.“
Sie blickte in versteinerte Gesichter. Hatte die Wehrbeauftragte denn nicht die Position der Kanzlerin zur Kenntnis genommen. Niemand hatte die Kanzlerin bisher so schamlos mit den Konsequenzen ihrer Außenpolitik konfrontiert. Henny ließ sich nicht durch die Stille und die Feindseligkeit irritieren.
„Wir haben gerade im Rahmen des Berichts des Präsidenten des Verfassungsschutzes andeutungsweise eine Problemsituation vernommen. Das Parlament möchte hierzu weitere und umfassende Hintergrundinformation und eine Einschätzung hinsichtlich unserer Gefährdungs-lage.“
Das war zu viel. Arendt fuhr dazwischen:
„Haben sie’s eben nicht gehört. Wir sind nicht gefährdet. Teilen sie das dem Ausschuss mit!“
Henny schoss zurück: „Das wäre auch zu wünschen, denn in unserer jetzigen Situation, könnten wir noch nicht einmal Helgoland verteidigen!“
„So ein Unfug, und das von einer Soldatin“, kanzelte Höse sie ab.
Es entstand eine gebannte Stille.
Die Kanzlerin sah Henny kalt mit ihren stahlblauen Augen an. Die Wehrbeauftragte würde unter ihr jedenfalls keine Karriere machen. Henny hatte die Grenze politischer Räson überschritten. Was sie gesagt hatte, war zwar NATO-Mehrheitsmeinung, aber leider auch ein politisches Tabu in Deutschland. Henny nahm sich ihr Glas zur Hand und gönnte sich einen erlösenden Schluck – gleich war es geschafft.
„Als Drittes möchten die Parlamentarier eine Einschätzung der Gefährdung unserer Wehrfähigkeit durch Dritte, also nicht durch fremde Truppen oder fremde Agenten sondern z. B. durch Terroristen oder Saboteure. Insbesondere zielt diese Anfrage auch auf die anderen Sicherheitsorgane, also auf die Bundes- und Landespolizei.“
Sie rückte ihren Stuhl etwas näher an den Tisch, um eine gänzlich aufrechte Position einnehmen zu können und ihrer Forderung dadurch eine gewisse Nachdruck zu verleihen.
„Ich würde sie bitten, meinem Büro diesbezüglich die notwendigen Berichte rechtzeitig vor der nächsten Sitzung des Gremiums in vierzehn Tagen zu übermitteln. Danke dafür im Voraus!“
Henny lies ihren Blick schweifen. Von der Innenministerin, Petra Döring, bekam sie ein anerkennendes Lächeln und ein unauffälliges, für sie bestimmtes Nicken – gut gemacht!
Otto lächelte sie immer noch an. Sein Lächeln schien zu sagen. „Na, mit dir werde ich ja meinen Spaß haben!“
Henny lächelte zurück. „Ja, das wirst du!“
Der Kanzleramtschef versuchte den Eklat zu überbügeln und nahm ohne zu zögern das Wort an sich: „Danke Frau Majorin für ihre Anfrage. Aus zeitlichen Gründen möchte ich die Frage- und Antwortrunde überspringen und sofort an den Präsidenten des BND übergeben, der seine Zusammenfassung und eine Handlungsempfehlung vortragen wird.“
Otto räusperte sich und nahm seine Akte vor.
„Vielen Dank Herr Porzig. Zusammenfassend lässt sich Folgendes feststellen: Es werden im Nahen Osten vermehrte Agententätigkeiten von Seiten Chinas wahrgenommen. Die beobachten Aktivitäten schlossen bekannte Terrororganisationen ein. Gegenwärtig wird noch kein eingrenzbarer Gefährdungsbereich deutlich. Der BND, der BfV und der MAD werden jeweils in ihren Ressorts alle denkbaren Anstrengungen unternehmen, um schnellstmöglich Gegenmaßnahmen in die Wege zu leiten und Personen zu verhaften, sobald eine Gefährdung im Inland erkennbar wird. Darüber hinaus werden wir mit unseren ausländischen Partnern zusammenarbeiten, um im Falle einer Gefährdung ihrerseits, alles Nötige zu tun, um sie bei der Gefahrenabwehr zu unterstützen.“
Er ließ das Gesagte einen Augenblick wirken.
„Jedenfalls, kann eine derzeitige Gefährdung unserer territorialen Integrität durch Drittstaaten ausgeschlossen werden. Die augenblicklichen Spannungen konzentrieren sich auf den fernen Osten. Die Amerikaner und ihre asiatischen Verbündeten haben alles im Griff. China konnte zwar vor drei Jahren Taiwan besetzen, doch erwarten wir keine weitere großangelegte Invasion, z. B. von Südkorea oder Vietnam. Aus Russland wird keine Bedrohung wahrgenommen. Die Verlegung von Jägerstaffeln nach Leningrad entspricht reiner Routine. Die Piloten müssen auch im unbekannten Terrain ihre Tiefflugübungen abhalten können. Wir machen genau das Gleiche. Russland hat zwar im östlichen Grenzbereich der EU etwa 60.000 Mann stationiert, doch erkennen wir keinerlei signifikante Aktivitäten, die auf ein Manöver oder gar auf eine feindliche Operation schließen lassen würden.“
Er wendete langsam das Blatt. Auf der Rückseite waren, sehr zu Erleichterung der Sitzungsteilnehmer, nur wenige Zeilen gedruckt.
„Demzufolge werden wir die verfügbaren Ressourcen zuvorderst auf die Sicherungsmaßnahmen im Rahmen der Feierlichkeiten zum 35. Jahrestag der Wiedervereinigung konzentrieren. Zweite Priorität hat die Beobachtung von verfassungsgefährdenden Elementen aus dem extremen rechten und linken Spektrum. Dritte Priorität hat die Observierung von ausländischen Geheimdiensten und Terrororganisationen. Und zu guter Letzt, werden Auslandstätigkeiten in meinem Hause zur Gefahrenabwehr einerseits und zu gemeinschaftlichen Sicherungsbemühungen im Kreise befreundeter Dienste andererseits erfolgen.“
Er legt das Blatt vor sich auf den Tisch. Er sah der Kanzlerin in die Augen und ließ sein warmes freundliches Lächeln einen Augenblick wirken.
„Derzeit sehe ich keine Veranlassung, ihnen, meiner sehr verehrten Frau Bundeskanzlerin, eine Handlungsempfehlung mit Hinblick auf die Nachrichtendienste zu geben.“
Dann war es für eine Zeit lang still.
Henny dachte sich: Das war’s jetzt? Ist denn niemand beunruhigt?
Höse und Arendt schauten sie feindlich an. Die Kanzlerin wendete sich an Otto.
„Vielen Dank für ihren Bericht, lieber Otto. Ich danke allen hier Anwesenden für ihre Teilnahme und den anderen Präsidenten des MAD und des BfV für ihre Berichte. Auch der Wehrbeauftragten des Bundestages danke ich für ihre Anfrage.“
Nun war der Kanzleramtschef dran. „Meine Damen und Herren, ich schließe mich der Danksagung der Kanzlerin an und wünsche ihnen allen einen produktiven Nachmittag. Die nächste Kanzlerlage findet heute in vierzehn Tagen, am 26. September um 10:00 Uhr statt.“
Die Sitzungsteilnehmer begannen ihre Akten zusammen zu räumen und aufzustehen. Henny konnte sich der Ahnung nicht verschließen, dass dieses Resümee zu sorglos erschien. Die Gefahr war genannt worden, sie stand im Raum. Aber der Kreis hat entschlossen diesbezüglich vorerst nichts zu tun, sie zu ignorieren. Als Soldatin gefiel ihr diese Herangehensweise ganz und gar nicht. Der Feind konnte nun agieren, vorerst ungestört, und seine Plan aushecken, was immer der auch sei.
Otto kam auf sie zu und lächelte. „ihre Anfragen sind notiert, Majorin Nadenau. Den Bericht erhalten sie in einer Woche. Sie schauen etwas betrübt drein. Hat ja etwas gerumst eben. Aber machen sie sich keine Sorgen. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Apropos Essen, meine Leute und ich werden etwas essen gehen. Wollen sie mitkommen, ein paar Bekanntschaften auf der Arbeitsebene machen?“
Henny sammelte ihre Unterlagen zusammen und steckte sie in ihre Tasche. „Nein, vielen Dank Herr Präsident. Das holen wir nach, wenn’s recht ist. Ich habe noch Arbeit im Büro und meine Mitarbeiter müssen instruiert werden." Sie nahm ihre Tasche über den Arm und wandte sich in Richtung des Ausgangs.
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