Von Politik verstand Desiderius nichts, aber er war klug genug, zu wissen, dass ein Mensch besser nicht bei wichtigen Entscheidungen mitwirken durfte. Es gab einen Grund, warum Luzianer und nicht Menschen herrschten. Diese Tatsache stieß vielen auf den Magen, zumal es oft zu religiösen Streitigkeiten kam. Menschen glaubten an Götter und an ihren Zorn. Sie fürchteten ihre Götter. Die Luzianer glaubten zwar ebenso an diese Götter, der Unterschied bestand jedoch daraus, dass die Luzianer die Götter als etwas Greifbares und Gleichberechtigtes ansehen. Luzianer knieten nicht vor Göttern. Beteten nicht. Opferten nicht. Das gefiel den Menschen nicht, die die Götter nun mal anbeteten und verehrten.
Davon ausgenommen waren die Menschen, die in den Sandhügeln weit im Westen Nohvas lebten. Dieses Volk betete nur einen einzigen Gott an, und in seinem Namen töteten sie und führten auf bestialische Weise Kriege. Ein schwieriges Volk. Leicht reizbar. Wer klug war, hielt sich mit Aussagen über ihre Religion zurück.
Aber das war allein Desiderius’ Meinung, dass wusste auch er. Jede Geschichte hatte zwei Seiten und jedes Volk hatte seine eigenen Ansichten. Was nun richtig oder falsch war, konnte Desiderius nicht beurteilen. Für ihn war es jedoch richtig, dass der König ein Luzianer war. Aber vermutlich war er, als Luzianer, etwas voreingenommen. Gegenüber Menschen war er recht kritisch eingestellt. Der König sah das wohl anders, denn er gab ihnen mehr Macht, als Desiderius für gut befand.
Es brodelte unter der ruhigen Oberfläche Nohvas. Die Lords der Menschen verlangten nach mehr Mitspracherecht, aber wenn die Luzianer es ihnen gewährten, würden sie nur Kriege führen und den Frieden in Nohva gefährden. König Wexmell sorgte für Religionsfreiheit, er fand von vielen Menschen Zustimmung, doch es gab auch jene, die dagegen waren, selbst Luzianer, die zum menschlichen Glauben konvertierten.
Man konnte also nicht sagen, Menschen wären im Allgemeinen die bösen und Luzianer die guten Geschöpfe. Es gab in Nohva kein Gut und Böse. Nicht ausschließlich. Es gab nur Ansichten. Je nachdem, an was man glaubte oder wonach man strebte, entschied darüber, zu welchem Volk man stand. Es war die freie Entscheidung eines Einzelnen.
In diesen Tagen musste der König besonders vorsichtig sein. Desiderius hoffte, dass die Königsfamilie sicher bei seinem Vater ankam und nicht Opfer eines Überfalls wurde. Zum Glück mussten sie die Tiefen Wälder durchqueren, um zur Burg der Familie M’Shier zu gelangen. In den Wäldern lebten ausschließlich die Waldmenschen, die mit ihren nahen Verwandten – den Menschen – wenig charakterliche Ähnlichkeiten hatten. Sie würden den König friedlich gewähren lassen und jeden Versuch, ihn zu töten, unterbinden.
Der Gedanke an die Tiefen Wälder erinnerte ihn daran, dass er sich ebenfalls auf den Weg machen musste.
Von der Küste aus war es nicht mehr weit bis zu dem lichten Waldgebiet, das seine Familie bewohnte. Die dunkle Burg lag in der Nähe hoher Klippen und war durch die Tiefen Wälder vom Rest Nohvas abgeschirmt. Desiderius musste nur dem Weg nach Westen folgen, am Rande der Tiefen Wälder entlang, und wäre dann im Gebiet seines Vaters.
Die Küste lag nah an der Familienburg, aber niemals würde ein anderes Mitglied seiner Familie die messerscharfen Klippen der Küste sehen – die im Sonnenlicht violett schimmerten – weil sie niemals freiwillig herkommen würden. Es war auch besser so. Einfältige Schnösel, wie sie es waren, überlebten nicht lange an der Küste.
Doch trotz der Gefahr, die hier drohte, drehte sich Desiderius noch einmal um und warf einen sehnsüchtigen Blick auf die halb eingestürzten Dächer der Schwarzen Stadt, wie sie genannt wurde, und schwor sich, so schnell er konnte, wieder her zu kommen.
Aber zuerst musste er seiner verhassten Familie den Arsch retten, indem er so tat, als wäre er ein geschätztes Familienmitglied und kein vertriebener Bastard. Und wenn das getan war, musste er sich eine neue Gruppe Diebe oder Söldner suchen, bei denen er einige Taler verdienen konnte, die er letzten Endes wieder hier an der Küste für Wein und männliche Dirnen ausgeben würde.
Es war ein ewiger Kreislauf. Der Kreislauf des einfachen Lebens, den er nicht aufgeben würde, selbst wenn man ihn mit vorgehaltener Klinge dazu zwingen wollte.
Lieber stürzte er sich über die Klippen.
Er wandte der abtrünnigen Stadt den Rücken zu und ging geradewegs in die Ställe hinein. Es gab niemanden, der hier ein Auge auf alles hatte. Man stellte sein Pferd hier ab und hoffte einfach, dass es am nächsten Morgen noch da und lebendig war. Es wäre nicht das erste Pferd, das Desiderius auf diesem Wege genommen worden wäre.
Dieses Mal war er sich aber sicher, dass sein Hab und Gut noch an Ort und Stelle war, denn seine Kameraden hatten den Stall als Schlafplatz genutzt und einen Jüngeren aus der Gruppe beauftragt, die ganze Nacht lang Wache zu halten.
Desiderius hörte die Schar Räuber schnarchen, während er seine Waffen, seine Lederrüstung und seinen Umhang aus ihrem Versteck holte und alles anlegte.
Es handelte sich dabei um eine leichte Rüstung, die ihm Bewegungsfreiheit gab, und einen bodenlangen Wollmantel, der bei Bedarf seine Gestalt und sein Gesicht verdeckte. Er befestigte seine zwei Dolche, die er immer überkreuz auf seine Brust geschnallt trug, schob den dritten Dolch in einen Stiefel und steckte zuletzt sein Langschwert in die Schwertscheide auf seinem Rücken.
Er führte seinen Rappen aus der nassen Box, in der kein Stroh lag, und legte ihm Halfter und Sattel an.
Ein letzter Blick auf die schwarze Stadt, dann schwang er sich vor den Stallungen in den Sattel und lenkte den Rappen in Richtung Westen.
Unter den Hufen des großen Pferdes knirschten die winzigen, kleinen Steinchen, die den Boden an den Küsten übersäten. Sowohl den Strand als auch den Boden oben auf den Klippen. Der schwarze Stein wirkte wie Schiefer, der zu kleinen Bruchstücken zertrümmert war, doch in der Sonne schimmerte er violett. Wegen dieses Gesteins hatte dieser Küstenabschnitt seinen Namen: Die Violetten Küsten.
Das hier war mehr seine Heimat als die, zu der er jetzt ritt.
Desiderius trieb seinen Rappen mit einem Schnalzen seiner Zunge an und beschloss, die Küste hinter sich zu lassen. Darüber zu jammern, nach Hause zurückkehren zu müssen, half ihm auch nicht.
***
Viele Reisen hatte er im Sattel verbracht. Er war ein geübter Reiter. So war es nicht verwunderlich, dass er und sein Rappe nur die Hälfte der eingeplanten Zeit benötigten.
Gut, Desiderius gab zu, dass der Hengst seinen Teil dazu beitrug. Es war ein edles Tier. Kräftig aber trotzdem ausdauernd. Sein Hals war muskulös, seine Beine lang und schlank. Sie trugen nicht viel Gewicht, dafür kamen sie schnell voran. Desiderius hatte den Rappen vor einigen Jahren aus einem Stall einer Adelsfamilie entwendet. Das Pferd war eine Mischung aus Gebirgspferd, die für ihren robusten Körperbau bekannt waren, und den wendigen Wüstenpferden aus den Sandhügeln, die sehr groß und schnell waren. Der Rappe war treu wie ein Hund, schnell wie kein anderes Ross und robust wie Desiderius selbst. Sie waren ein eingespieltes Team.
Als sich zwischen weit auseinander stehenden großen Trauerweiden eine düstere Burg emporhob, zügelte Desiderius seinen Rappen und ließ ihn langsam den Kiesweg entlang traben, der sie direkt zum Tor leiten würde. Desiderius bestaunte wie immer den hohen Turm, der zum Himmel emporragte und einen langen Schatten warf. Die Burg war einst aus dem Gestein der Küste erbaut worden. Hart und nicht schmelzbar. Einer Legende nach, soll diese Burg sogar einst dem Feuer eines Drachen standgehalten haben.
Allerdings konnte diese Geschichte haltlos erfunden sein, denn Desiderius hatte nie einen Drachen gesehen oder je jemanden getroffen, der einem begegnet wäre. Drachen waren für ihn auch nichts weiter als Legenden. Fabelwesen, die nicht existierten. So wie die Riesenkraken, die angeblich ganze Segelschiffe auf See verschluckten. Er glaubte an nichts, was er nicht selbst gesehen hatte. Und da er fast jeden Winkel Nohvas kannte – einschließlich vieler Höhlen und Ruinen von Völkern, die lange vor seiner Zeit ausgestorben waren – und noch keinem Ungeheuer wie einem Drachen oder einem Riesentier begegnet war, vermutete er, dass auch keines dieser Wesen existierte.
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