Was er allerdings gesehen hatte, waren Nachtschattenkatzen. Das Wappentier seines Volkes. Eine Mischung aus Wolf und Raubkatze. Spitze Zähne und Krallen wie eine Katze, lange Schnauze und Ohren wie ein Wolf. Fiese, kleine Biester. Ihre Bisse waren giftig, ihre Krallenhiebe gingen tief und ihr Fauchen tat in den Ohren weh. Es war nicht klug, gegen sie zu kämpfen, sie waren zu schlau und zu schnell. Hörte man das Knurren einer Nachtschattenkatze, wendete man lieber sein Pferd.
Genau wie in diesem Moment, dachte Desiderius, als er die Wappen mit den eleganten Tieren darauf an der Burgmauer entdeckte. Er wäre gerne umgekehrt und hätte diese auf Stoff gestickten Nachtschattenkatzen hinter sich gelassen.
Doch stattdessen blickte er das große Tor hinauf zu den Wachen.
Sie riefen fragend zu ihm hinunter, wer er sei und zu welchem Zweck er dort war.
Die ruppige Begrüßung war er gewohnt und er war sich ganz sicher, dass sie wussten, wer er war. Doch die Wachen machten sich einen Spaß daraus, ihn sagen zu hören, was er war.
Also seufzte er entnervt und rief dann brav zu ihnen hinauf: »Ich bin Desiderius M’Shier, der Bastard. Euer Burgherr erwartet mich.«
Er hätte schwören können, ihr Gelächter zu hören, ließ es aber gelangweilt über sich ergehen. Schon lange hatte er kein Problem mehr damit, ein Bastard zu sein.
Liebevoll kraulte er die dichte Mähne seines Rappen, während er darauf wartete, dass man ihm das Tor weit genug öffnete.
Er ritt durch den Spalt hindurch. Dahinter befanden sich bereits der weitläufige Burghof und die Pferdeställe. Ein Stallbursche kam ihm entgegengerannt, um sein verschwitztes Pferd in Empfang zu nehmen.
Desiderius glitt aus dem Sattel und gab dem jungen Burschen die Zügel. »Gib ihm frisches Heu und eine Handvoll Hafer, er hatte kein Frühstück.«
Der Stalljunge nickte bestätigend.
»Und reib ihn mit Stroh ab«, rief Desiderius ihm nach.
Eine tadelnd schnalzende Zunge ertönte hinter ihm und verlangte ihm seine Aufmerksamkeit ab.
Sein Bruder, ein großer Mann mit schütterem, dunklem Haar und enormen Bauchumfang, kam kopfschüttelnd auf ihn zu. Er trug beste Kleidung, die sich gefährlich über seinen Wanst dehnte.
»Nun sieh dich einer an!«, seufzte er theatralisch. »Das Haar zerzaust, einen Bartschatten auf den Wangen, übermüdete Augen, die Kleider unordentlich und die Stiefel dreckig.«
Desiderius hob die Arme und sah an sich hinunter. Als er seinen Blick wieder zu dem runden Gesicht seines Bruders hob, erwiderte er: »Das sind keine Kleider, man nennt das Rüstung .«
Ohne ihm weiter Beachtung zu schenken, drehte sich Desiderius um und steuerte auf den Eingang zu.
Arerius, sein Bruder, folgte ihm prompt. »Immerhin bist du pünktlich.«
»Wann erwarten wir die Ankunft des Königs?«, fragte Desiderius desinteressiert, während er die vielen Stufen hinaufstieg, die ihn zur Eingangshalle der Burg führten.
»Er verspätet sich um einen Tag«, antwortete Arerius.
Desiderius war enttäuscht. Das bedeutete, er musste noch einen Tag länger hierbleiben als ihm lieb war.
Er trat in die Halle und war nicht verwundert, sie reichlich geschmückt vorzufinden. Alles war für die Ankunft des Königs vorbereitet. Alles war perfekt, nur er war der Schandfleck der Familie, den bisher noch niemand entfernen konnte.
Zielstrebig ging er in die oberen Etagen, um seine Kammer aufzusuchen. Er brauchte dringend ein Bad, um sich die letzte Nacht vom Körper zu waschen. Er wollte nicht warten, bis sein Bruder ihm die unangenehme Frage stellte, warum er nach fremdem Männerschweiß roch. Es würde seiner Familie gelegen kommen, ihm deswegen den Kopf abschlagen zu lassen. Dann hätten sie einen Grund, ihn loszuwerden. Einen besseren, als seine uneheliche Geburt.
»Er schickte unserem Vater gestern Abend einen Botenvogel«, erzählte sein älterer Bruder ungefragt und folgte ihm die Stufen hinauf.
Desiderius befürchtete, Arerius würde ihm bis zu seinem Zimmer begleiten und ihn eigenhändig waschen und ankleiden. Aber bevor er das zuließ, müsste Desiderius ihm leider die Nase brechen.
»Er bringt die Königin und all seine Kinder mit. Einige von Ihnen haben Dargard noch nie verlassen.«
»Was du nicht sagst«, brummte Desiderius desinteressiert.
»Wie es aussieht, haben sich zwei der Prinzen davongestohlen, um die Gegend auszukundschaften. Der König war amüsiert und schrieb unserem Vater, dass er leider erst weiterreisen könnte, wenn seine zwei abhandengekommenen Söhne sich ausgetobt und wieder zu ihm zurückgefunden haben«, plauderte Arerius unbeirrt weiter. Er klang wirklich schockiert über diese Entwicklung. Er hätte wohl nicht gedacht, dass die königliche Familie wusste, wie man Spaß hatte.
Desiderius schmunzelte nur in sich hinein. Es war eine amüsante Geschichte über zwei verwöhnte Bengel, die zum ersten Mal den Duft der Freiheit geschnuppert hatten. Wer sollte es ihnen verübeln? Desiderius bestimmt nicht.
Er kannte nicht alle Prinzen und Prinzessinnen. In den letzten Jahren kam der König stets allein zu den alljährlichen Treffen, bei denen Desiderius anwesend sein musste. Zuletzt hatte er eine der jüngsten Töchter und den Kronprinzen gesehen. Das war aber auch bereits sieben Jahre her. Und der König hatte viele Kinder. Vier oder sogar fünf Söhne und drei Töchter. Jedes von ein und derselben Frau. Wie gesagt, Luzianer lebten lange und hatten reichlich Zeit, Nachkommen zur Welt zu bringen.
Als er an seinem Zimmer ankam, das man ihm immer zuteilte, wenn er zu Besuch war, da es am weitesten von den anderen entfernt lag, drehte er sich zu Arerius um und sagte: »Da der König erst morgen hier erscheint, kannst du mich ja auch vorerst allein lassen.«
Sein großer Bruder betrachtete ihn mit ärgerlich gerunzelter Stirn, doch er nickte schließlich. Bevor er sich abwandte und Desiderius allein ließ, sagte er jedoch streng: »Das Mittagsmahl wird bald aufgetischt. Wasch dich, zieh dich ordentlich an und putz deine Stiefel!«
Desiderius war versucht, ihm eine Grimasse zu schneiden, aber er unterließ es und schlug lediglich die Tür zu seiner Kammer zu.
Er drehte sich um und stemmte seufzend die Hände in die Seiten. Er war noch keine Stunde auf der Burg, hatte noch nicht seinen Vater angetroffen, und hatte bereits nur Gedanken an seine baldige Abreise.
Ein Gutes hatte dieser Besuch jedoch. Es gab viel teuren Schmuck in den Zimmern, den Desiderius zu einem guten Preis an einen Schwarzmarkthändler verkaufen konnte. Wenn er also schon hier sein musste, würde er wenigstens dafür sorgen, dass es sich auch für ihn lohnte.
Am nächsten Tag war Desiderius erschöpfter als am Vortag. Er hatte in der Nacht nicht gut schlafen können, die nächtliche Ruhe auf der Burg war ihm unheimlich gewesen. Für jemand, der entweder unter einem Haufen schnarchender Räuber oder unter freiem Himmel am Lagerfeuer schlief, bedeutete nächtliche Stille immer Gefahr. Seine Instinkte hatten ihn nicht einschlafen lassen, denn obwohl er in einem Bett in einem geschlossenen Raum gelegen hatte, war er das Gefühl nicht losgeworden, von Raubtieren umkreist zu werden.
Nun holte er den Schlaf nach, während er unweit von der Familienburg entfernt im Schatten einer Eiche lag, den Kopf an den Stamm gelehnt und einen Hut mit breiter Krempe vor dem Gesicht. Er lauschte den Geräuschen im Wald, vernahm das Plätschern des kleinen Bächleins, das zu seinen Füßen entlang floss und ganz in der Nähe in einem kleinen Teich endete.
Nachdem Arerius ihn am frühen Morgen aus dem Bett geholt und ihm eine Rasur aufgezwungen hatte, die ein Diener mit einem hübschen Gesicht durchgeführt hat, war Desiderius vor seiner Familie geflohen und hatte seinen Rappen aus dem Stall genommen, um einen Ausritt zu unternehmen. Doch statt lange im Sattel zu bleiben, hatte er sich dieses Plätzchen für ein Nickerchen ausgesucht.
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