Die ältere wirtschaftshistorische Forschung zeichnete auch vom frühmittelalterlichen Handel gewöhnlich ein Bild des Niedergangs. Häufig wurde der Fall Roms mit einem Ende des internationalen Handels gleichgesetzt. Vertreter einer größeren Kontinuität zwischen Spätantike und Frühmittelalter votierten für einen allmählichen Rückgang des Handels, kamen aber dennoch zu einem ähnlichen Ergebnis. Andere Akzente setzte Henri Pirenne in seinem 1937 erschienen Buch Mahomet et Charlemagne. Laut Pirenne sei die kulturelle und wirtschaftliche Einheit der antiken Mittelmeerwelt erst durch die islamische Expansion im 7. und frühen 8. Jahrhundert zerstört worden. Im Merowingerreich und den anderen germanischen Königreichen auf römischem Boden sei das antike Wirtschaftsleben zunächst ohne große Veränderungen weitergegangen. Die arabische Eroberung der südlichen Mittelmeerküste und Spaniens habe den Handel im Mittelmeer dann zum Erliegen gebracht. Auf diese Weise habe sich im karolingischen Reich ein neues Wirtschaftssystem gebildet, das von wirtschaftlicher Autarkie und agrarischer Subsistenzwirtschaft gekennzeichnet gewesen sei. Fernhandel habe in dieser neuen mittelalterlichen Welt keine Rolle mehr gespielt. Die Pirenne-These ist weiterhin anregend, jedoch in doppelter Hinsicht überholt: Der Handel über das Mittelmeer kam niemals ganz zum Erliegen, und die arabische Expansion bildete daher keine totale wirtschaftliche Zäsur.
Heute wird die Handelsgeschichte des Frühmittelalters positiver und stärker als ein kontinuierlicher Prozess gesehen. Tatsächlich ist der Mittelmeerhandel bereits in der Spätantike zurückgegangen. Allerdings wurde der Warenhandel sowohl auf dem Mittelmeer als auch auf den Fluss- und Landwegen in verringertem Ausmaß fortgesetzt. Seit dem 7. Jahrhundert ist beispielsweise ein reger überregionaler Handel mit Keramik im Frankenreich nachweisbar und seit der Mitte dieses Jahrhunderts trafen sich englische, friesische und französische Kaufleute regelmäßig auf den Messen von Saint-Denis bei Paris, um vor allem Wein und Textilien zu kaufen und zu verkaufen. Über die Hafenorte Quentovic in Nordfrankreich und Dorestad am Niederrhein wurde eine Verbindung zwischen England und dem Kontinent hergestellt. So enthalten Londoner Statuten aus dem frühen 11. Jahrhundert Zölle, die von Kaufleuten aus Nordfrankreich und Flandern bezahlt wurden. Ein wichtiges Handelsgut bildeten seit dem 9. Jahrhundert die friesischen Wolltuche (pallia fresonica), die von friesischen Kaufleuten im fränkischen Reich vertrieben wurden. Ob diese Textilien indes in Friesland oder entweder in Flandern oder England hergestellt worden sind, ist unsicher. Bereits seit dem 6. Jahrhundert bildete das Rhône-Saône-Tal eine wichtige Verkehrsachse, die den Mittelmeerraum mit Nordwesteuropa verband. Der wichtigste Mittelmeerhafen der Merowingerzeit war Marseille. Aus Zolleinkünften von Fos-sur-Mer bei Marseille erhielt das nordfranzösische Kloster Corbie aus königlicher Schenkung 716 eine Reihe mediterraner Luxusgüter (Öl, Pfeffer und andere Gewürze, getrocknete Feigen, Pistazien, Reis, Papyrus u.v.m.). Der Import orientalischer Güter wie Papyrus, Textilien und Gewürzen in den Westen hörte zu keinem Zeitpunkt gänzlich auf. Arabische und byzantinische Luxusgüter und Münzen gelangten über die Alpen bis in das Frankenreich. In den Orient wurden dagegen Holz, Pelze, Waffen und Metalle geliefert. Sklaven bildeten ein weiteres wichtiges Handelsgut, sie wurden hauptsächlich in Osteuropa verschleppt und auf Märkten in Venedig, Verdun oder Marseille verkauft. Da es sich ethnisch vorrangig um Slawen handelte, entwickelte sich aus dem Volksnamen der in vielen europäischen Sprachen verwendete Begriff Sklave (lat. sclavus; engl. slave) für unfreie Menschen im späteren Mittelalter und in der Neuzeit. Auch an der Ostgrenze des Frankenreich wurde Handel getrieben und Sklaven spielten hier ebenfalls eine wichtige Rolle. Dies belegt unter anderem die Zollordnung von Raffelstetten (902 / 906) für den Donauhandel zwischen Bayern und den angrenzenden Gebieten donauabwärts.
Raffelstetten war eine Zollstation an der Donau in Österreich zwischen Linz und Enns. Zwischen 902 und 906 wurden die Zolltarife schriftlich fixiert. Privilegiert wurden einheimische Händler, während Juden und andere Kaufleute den vollen Tarif zu zahlen hatten. Die wichtigsten Handelsgüter waren Salz und Sklaven. Unter anderem wird festgelegt (Monumenta Germaniae Historica, Legum sectio II):
»Schiffe, die vom Westen kommen, sollen nach dem Verlassen des Passauer Waldes bei Rosdorf (bei Linz) oder an anderen Stellen, an denen sie anlanden wollen, einen Halbpfennig Zoll bezahlen. Falls sie nach Linz weiterfahren: Für jedes Schiff sind drei Scheffel Salz zu bezahlen. Für Sklaven oder andere Güter wird hier kein Zoll erhoben, und die Kaufleute erhalten die Erlaubnis, bis zum Böhmerwald anzulanden und Handel zu treiben, wo immer sie wollen. Falls ein Bayer Salz zum Eigenbedarf nach Hause transportieren will: Nachdem der Schiffsführer dies eidlich bestätigt hat, muss er nichts bezahlen und soll sicher reisen.«
Mitte des 10. Jahrhunderts wunderte sich ein arabischer Händler darüber, dass es auf dem Markt der Stadt Mainz nicht nur orientalische Gewürze gab, sondern dass obendrein mit arabischen Silbermünzen aus Samarkand bezahlt wurde. Zu erklären ist diese Internationalität des Mainzer Marktplatzes mit der Etablierung grenzüberschreitender Netzwerke des Sklavenhandels, die von Osteuropa auf einer östlichen Route entlang des Dnjepr oder der Wolga und durch das zum Judentum konvertierte Chasarenreich nach Bagdad und auf einer westlichen Route nach Córdoba führten. Umfang und Bedeutung des Sklavenhandels wurden unter anderem von Michael McCormick in Origins of the European Economy (2001) betont. In der detailreichen Studie zu den Verkehrs und Warenströmen zwischen Europa, Afrika und dem Nahen Osten gelangte der Autor zu der Ansicht, dass zwischen 775 und 825 eine starke Ausweitung des Handels erfolgt sei und dies als der »Aufstieg der europäischen Wirtschaft«, interpretiert werden könne. McCormicks Opus Magnum zeigt zweierlei: Erstens entfaltete sich die europäische Wirtschaft im frühen Mittelalter langsam, aber kontinuierlich auf einem gegenüber der Antike reduzierten Niveau weiter und blieb dabei mit dem östlichen und südlichen Mittelmeerraum verbunden. Der Fernhandel mit Sklaven aus Osteuropa, die an die islamischen Höfe in Córdoba und Bagdad verkauft wurden, war dabei von zentraler Bedeutung. Neue Forschungen zum Sklavenhandel bestätigen dieses Bild. Es hat sich nämlich gezeigt, dass die vielen archäologischen Funde islamischer Silbermünzen entlang der russischen Flüsse sowie in Nord- und Osteuropa als Beleg für ein riesiges Handelsnetz im 10. Jahrhundert gedeutet werden müssen und dass in diesem Handelssystem nicht Pelze oder Waldprodukte, sondern slawische Sklaven die wichtigsten Handelsgüter waren. Mehrere zehn Millionen Silbermünzen flossen in diesem Geschäft in den skandinavischen Raum. Zweitens machen die Ergebnisse von McCormick sowie neuere Studien zur frühmittelalterlichen Agrar- und Handelsgeschichte deutlich, dass die hochmittelalterliche Expansionsphase weder aus dem Nichts entstand noch als Gegensatz zu einem archaischen Frühmittelalter gesehen werden kann, sondern dass das Wirtschaftswachstum nach 1000 die Entwicklungen des 10. Jahrhunderts fortsetzte und intensivierte.
Als ein Indiz des Niedergangs der frühmittelalterlichen Wirtschaft und insbesondere des Handels wurde unter anderem der Wandel des Geldwesens interpretiert. Während im römischen Reich der Goldsolidus die Leitwährung gewesen war, wurde Silber im Frankenreich seit dem 7. Jahrhundert zur Grundlage des Münzwesens. Karl der Große brachte diese Entwicklung mit seiner Münzreform zum Abschluss und machte dadurch den Silberpfennig zur einzigen ausgeprägten Münze im Frankenreich. Inzwischen wird dieser Wandel nicht mehr als Zeichen des Niedergangs gesehen: Im Merowingerreich wurden an rund 800 Orten Gold-, Silber- und Kupfermünzen geprägt. Der fortschreitende Übergang zur Silberwährung und damit zu kleineren Münzen ist einerseits ein Zeugnis für die Reduzierung des internationalen Handels, andererseits aber auch eine pragmatische Veränderung, um den Klein- und Lokalhandel im Frankenreich und im westlichen Europa zu erleichtern. Der Übergang zum Silber hat zudem damit zu tun, dass im Westen keine Goldminen existierten und daher das Rohmaterial für die Münzprägung fehlte. Viele Transaktionen – vor allem im Rahmen der grundherrschaftlichen Abgaben – wurden allerdings nicht mit Geld, sondern in Form von Naturalien durchgeführt.
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