Ihr folgend, betrat ich eine bordeauxrote und vermutlich komplett ausgestattete Küche. Mitten in diesem kleinen Kochparadies sah ich meiner atemberaubenden Freundin in die Augen, die ihre Mutter genüsslich und sehr vertraut herzte. Samantha zwinkerte mir dabei aufmunternd und auch ein wenig flehend zu, nichts zu sagen. Ihr Lächeln schien ihr schon oft die Kraft gegeben zu haben, den Anfeindungen ihres Vaters und Schwagers zu begegnen, wie ich von ihrer Schwester die hiesigen Probleme gerade vorhin beim Mittagessen im Kreise ihrer Arbeitskollegen und des Chefs erfahren hatte. Ihre dunkel geschminkten Augenlider betonten diese wundervollen hoffnungsvollen klaren Pupillen. Als leuchtende Sterne, in denen ein Hauch von Angst flackerte.
Die kleinere Frau mit einem recht modernen Bob-Haarschnitt war noch gut in Form, wie auch meine Mutter. Konfektionsgröße etwas größer als meine Mum. Aber Samanthas Mutter schätzte ich jünger. Die kastanienroten Haare brachten einem schon rücklings ihre Wärme näher. Samantha ließ sie langsam los und drehte ihre Mutter behutsam zu mir um. Schnell polierte ich meinen ganzen Charme auf goldenen Hochglanz. Das Profil von Frau Willer machte mich doch ein bisschen nervöser. Würde sie mich akzeptieren, mir eine Chance geben? Alles an dieser Dame ähnelte sehr Samantha. Ihre Augen hinter der randlosen Brille erfassten mich blitzschnell. Die Pupillen erweiterten sich zu einem Staunen. Ihre Musterung bewirkte bei ihr immer größere Pupillen und letztlich schlug sie beide Hände auf ihre Wangen. Der Mund dieser Dame formte ein unausgesprochenes O. Entweder beeindruckte diese Dame meine stolze Größe, meine Anwesenheit, meine Nase oder auch irgendwas anderes. Schiere Ahnungslosigkeit verbarg ich hinter dem aufrechterhaltenen gewinnenden Lächeln. Mein Charme ging in Startposition. Vielleicht freute sich Samanthas Mutter auch einfach nur, Besuch zu haben.
Samantha beugte sich zu ihr und flüsterte ihr dann auf Englisch hörbar zu: „Das ist George, Mama.“
Aufmerksam blickte diese sympathisch aussehende Frau nur in mein Gesicht. In ihren Jeans und dem beige und braun asymmetrisch gestreiften Sweatshirt bot sich mir eine hübsche Dame, die genauso intelligent auf mich wirkte, wie Samantha. Aber sie hatte warme, wache und braune Augen statt Sammys graublauen. Sowohl die Nase als auch das Kinn hatte sie an Samantha vererbt, während Patrizia ihre Augen und die Gesichtsform mit ihr teilte. Als ihre Hände von ihrem Gesicht nach den Händen ihrer älteren Tochter fassten, merkte ich, dass sie versuchte, sich zu beherrschen. Aha, der Plan der beiden Schwestern war gewesen, mich als Überraschungsmoment oder Geheimwaffe zu nutzen. Diese unglaublich spannende Mutter spielte wohl anstandslos mit, ohne auch nur einmal mit ihren Töchtern gesprochen zu haben. Das erzeugte die Erkenntnis in mir, dass eben jenes Verhalten eigentlich auch bei beiden Schwestern ausgeprägt sein musste, weil diese Kommunikation wortlos erfolgte. Inständig hoffte ich darauf, diese Eigenschaft bis ins hohe Alter miterleben zu können. Blöder Wunsch, wieso wollte ich so etwas Schwülstiges?
Eine Männerstimme von drinnen auf Deutsch: „Wo bleibt ihr denn? Hört auf, euch in der Küche zu verkriechen. Ich will essen.“
Diese fürsorglich wirkende Mutter mit dem weichen Gesicht reichte Patrizia gut gefüllte und liebevoll dekorierte Essensplatten. Dann kam sie auf mich zu und wurde ganz vorsichtig. Samanthas Mutter betrachtete mich von oben bis unten und ich ließ mich von ihr einnehmen. Kurz drehte sie sich zu ihrer Tochter um. Sie flüsterte eine Frage. Samanthas Gesicht zeichnete eine Geschichte voller Liebe. Natürlich bemerkte Samanthas Mutter die Regung im Gesicht ihrer Tochter. Meiner Traumfrau schoss als Reaktion einer Frage ihrer Mutter das Blut ins Gesicht. Die anmutige Schüchternheit meiner Lieblingsberlinerin sog mich in einen Strudel von Wagemut, Ritterlichkeit und unbändigem Stolz. Dem Stolz, heute diese Schöne zurückerobert zu haben. Samantha wäre bestimmt eine wundervolle Mutter geworden.
Samantha nickte ihr zu, nachdem ihre Mutter sie leise gefragte hatte: „Dein neuer Freund?“
Immer noch stand ich, wie ein Baum, einfach so herum. Diese gerührte Dame verunsicherte mich viel zu stark. Nicht einmal mich zu bewegen, getraute ich mich, weil ich diese liebenswerte Frau vielleicht verschreckt hätte. Gespannt wartete ich auf Samanthas Antwort, hoffte unglaublich gespannt auf ein Ja.
Samantha hauchte, mich ängstlich ansehend: „Ja, er ist mein …“
Sie verschluckte sich. Mit dem sympathischsten Lächeln, das ich hervorzaubern konnte, nickte ich.
„Liebhaber“, ergänzte ich frech.
Samantha errötete zusehends. Die Mutter wandte sich wieder mir zu. Als die Hände von Samanthas Mutter nach meinen griffen, bemerkte ich, dass diese warm waren und leicht zitterten. Dadurch wusste ich, dass sie sich genauso unsicher war. Vorhin hatte auch Samantha gezittert. Vermutlich half auch bei ihrer Mutter eine Umarmung? Leicht beugte ich mich vor, ließ meine Hände mit ihren hinter meinem Rücken verschwinden und sie begriff, dass ich sie umarmen wollte. Mir wurde warm um mein Herz, denn in dem kurzen Moment, bevor diese Frau meinen Rücken berührte, nahm ich im linken Augenwinkel das Schließen ihrer Augen wahr. Zwar wusste ich nicht, warum sie mich, einen Unbekannten, streichelte und mich liebkoste, aber es tat uns beiden sehr gut. Eingestehen musste ich mir hingegen, noch niemals so schnell eine Frau in mein Herz geschlossen zu haben. Ein kleines sanftes Stimmchen sagte immer meinen Namen.
„Es freut mich sehr“, brach ich mein Schweigen.
Als ich jetzt Samantha in ihre strahlenden Augen blickte, rannen beinahe Tränen über ihre Wangen. Was für eine tolle Situation. Schon die zweite heute.
Ich vernahm von Samantha beinahe unhörbar: „Claudia“.
Fest stand eines, diese Mutter hier vor mir, war mir sympathisch, ohne auch nur ein Gespräch mit ihr geführt zu haben. Samanthas liebenswürdige Art kam von ihr. Das war so klar, dass ich es sogar vor Gericht als Vererbungsmerkmal durchgehen lassen würde. Samantha stand da und träumte uns beide an. Allerdings freute sie sich vergeblich heimlich, für sich selbst. Bestimmt war diese Begrüßung ein Wunschtraum ihrerseits, mir ihre Mutter nahezubringen, jedoch rechnete sie mit mehr Problemen. Es erinnerte mich an Barbara, die durch ihren langen Aufenthalt in Frankreich solche Rituale auch mir jedes Mal nach einer Wiederkehr zuteilwerden lassen hatte. Anfangs konnte ich damit nicht umgehen, doch schnell wurde ich süchtig nach solchen körperlichen kleinen Kontakten. Meine Mutter würde Samantha bestimmt nicht so schnell in ihr Herz schließen. Da war ich mir sehr sicher. Respektieren ja, das stünde nicht zur Debatte. Zumal, bedachte ich, was sie schon für Jason getan hatte, würde meine Mutter sicherlich honorieren. Mich würde interessieren, wie beide Mütter miteinander auskommen würden. Vom Stand her wäre das vor fünfzig Jahren noch eine Titelzeile in der Sun wert gewesen. Deutsche Familie erobert im Blitzkrieg englische Elite. Ehrlich gesagt, wäre es auch egal, von der Wirkung Samanthas ausgehend, käme es Diana und der Königsfamilie gleich.
Ein Fels in der Brandung
Samantha Willer
Berlin, Oktober 2015, Mittwoch
George lag sich mit meiner Mutter in den Armen. Bei dem Anblick kribbelte meine Nase unaufhörlich und mich überkamen Schauer von warmen Sommerbrisen im Oktober. Solche bildlichen Assoziationen brauchte ich in der derzeitigen Lebensphase so dringend, dass ich erst zufrieden gewesen wäre, wenn ich die Zeit dieses Momentes angehalten hätte, um sie in einem Bild festzuhalten. Sogar seine Augen schloss er beim Umarmen.
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