»Du hast Eigenschaften, die keiner hat. Es wäre Verschwendung, wenn du sie nicht benutzen würdest. Ich bin mir sicher, du wirst schon bald erfahren, was Jack gemeint hat. Komme auf einen Tee in mein Büro, wenn du zu einem Schluss gekommen bist. Und der Name ist ein wichtiger Punkt, über den du ganz besonders nachdenken solltest.«
Sie machte sich auf den Weg in ihr Zimmer, doch dann drehte sie sich noch einmal um:
»Ach ja, heute werden wir einen Waldspaziergang machen. Wer will, kann ein wenig über die Natur lernen, die anderen können Fußball spielen oder sich in die Sonne legen. Dazu ist der Sommer ja da. Ich bitte euch, allen anderen Bescheid zu sagen, um drei werden wir fahren. Sie können sich in der Küche noch etwas Essen für unterwegs holen!«
Eric blickte ihr gedankenverloren nach, während er den heißen Tee langsam austrank. Jack hatte sein Frühstück bereits vernichtet, stellte sich auf seinen Stuhl und brüllte:
»Yo! Ohren auf! Ausflug, Wald, drei Uhr. Sommer! Ihr wissen, was los ist. Futter in der Küche abholen. Weitermachen …«
Als endlich die ersten Bäume in Sicht waren, packte Jan seinen Fußball aus und rief laut:
»Herhören! Alle Luschen, die Fußball spielen wollen, müssen sich bei mir melden. Es ist unser Platz! Ich denke, dass es nicht jeder mit mir und meiner Crew aufnehmen kann, aber ihr könnt ja einen Versuch wagen. Alle anderen sollen mit der Kräutertante mitgehen und von mir aus giftige Pilze essen …«
Seine Kumpels grinsten dämlich und ein paar andere lachten gekünstelt, es formten sich Teams unter jenen älteren, welche körperlich gute Chancen hatten, den bevorstehenden Krieg zu überstehen. Jack konnte kaum über die Sitzlehne gucken aber Eric war sich sicher, dass Jan den Stinkefinger knapp darüber schweben sah. Eric stieß Jack in die Seite und bedeutete ihm, das zu lassen. Er hatte keine Lust darauf, sich hinterher mit denen auseinandersetzen zu müssen, nur, weil sie Jack sonst kalt machen würden. Doch Jan hatte sich schon wieder abgewandt und entriss gerade einem der kleineren eine Zeitschrift. Jack sah Eric kurz an, dann meinte er:
»Mich du nicht müssen hindern, ihn zu beleidigen. Das ist Einzige, was ich mit ihm anfangen kann!«
Eric lächelte, dann sah er wieder aus dem Fenster.
Der Bus holperte über einen Feldweg und zog eine lange, staubige Wolke hinter sich her. Die Sonne schien direkt auf die große Wiese vor dem Wald, auf der man zwei Fußballtore abgestellt hatte. Sicher würden die anderen gleich mit dem nächsten Bus kommen und dann wäre diese Fläche nicht mehr wundervoll grün, sondern mit lauter kleinen Punkten besprenkelt, wenn sie alle ihre Handtücher und Decken ausgebreitet hätten. Neunzehn grad, sanfter Wind. Absolut perfekt. Eric hing seinem Traum nach. Hitze, Feuer, Licht. Schmerz … Vielleicht würde er wirklich einmal zu Mia gehen, um mit ihr zu reden. Bisher hatte er nie über seine Träume gesprochen. Etwas tief in ihm hielt ihn davon ab. Ihm war klar, wie die meisten darauf reagieren würden und das wollte er sich nach wie vor ersparen. Jetzt erst recht, nachdem Jan die Bedeutung eines äußerst befremdlichen Namens lautstark höhnisch ausgeteilt hatte.
Der Bus hielt, mit einem Zischen glitten die Türen auf und die ersten stürmten mit ihrem Gepäck auf die Wiese, alle wollten einen der besten Liegeplätze am Waldrand ergattern, in sicherer Entfernung zu den Kickern. Eric ging mit Jack neben sich langsam über das kurz gemähte, wilde Gras zu seinem Lieblingsplatz, etwa einhundert Meter weit in den Wald hinein, wo sich eine versteckte Lichtung befand. Hier konnte man nichts hören, bis auf die Vögel und Insekten, den Wind im hohen Gras und das ruhige Rascheln der Blätter. Vielleicht mal ein Eichhörnchen oder eine Maus, aber mit Sicherheit keinen Jan oder Fußballgeheul. Gedankenverloren beobachtete er einen kreisenden Bussard hoch über ihnen.
Sie setzten sich beide auf jeweils einen Baumstumpf, ihre Stammplätze. Jack starrte Eric erwartungsvoll an, schnippte belustigt eine Ameise von seinem Bein.
»Was?«, fragte Eric.
»Das,« meinte Jack, »na eben deine Fähigkeiten. Ich denken, du sollten was zu sagen haben, ich kann es dir ansehen. Du nicht wissen, ob glauben oder nicht. Du sehen scheiße aus. Müde, fertig. Wie damals, als nicht geschlafen. Heute Morgen du haben über eine Minute gebraucht bis realisieren, dass ich gegen Kabinentür getreten habe. Wenn du schläfst, ich manchmal hören, dass du nicht atmen. Das nicht normal.«
Eric sah auf den Boden. Es war nicht das erste Mal, dass er von Jack bei einer seiner Grübeleien entdeckt worden war. Es schien, als würde Jack daran teilhaben, als könne er Erics Gedanken lesen. Und offensichtlich war er nun darüber gestolpert, dass sein Freund überlegte, von den Träumen zu erzählen. Eric sah auf und dachte nach. Er blinzelte, als eine erstaunlich leuchtende Wolke die Sonne wieder freigab und sie ihm ins Gesicht strahlte. Er hatte nie daran gedacht, etwas Besonderes zu sein, hatte es auch nie gewollt. Wenn es um Dinge wie Mädchen oder gutes Aussehen gegangen war, hatte er sich immer Rat bei Jack holen müssen, denn er selbst war ziemlich schüchtern und unbeholfen in solchen Dingen und manchmal sogar abweisend, weil es ihn kaum interessierte. Überhaupt waren viele Menschen für Eric einfach nur anstrengend, laut und oberflächlich. Aber das, was Mia und Jack gesagt hatten, klang nach dem, was er nicht wollte: Besonderheiten, die auch noch derart übernatürlich klangen, dass sie einfach nicht zu glauben waren. Eric fehlte es keinesfalls an Fantasie oder der Freude daran, sich Unglaubliches vorzustellen. Es war auch nicht so, dass er nicht neugierig wäre oder fantastische Fähigkeiten aus Prinzip ablehnen würde, sollte sie ihm jemand anbieten. Das Problem war eher die Gewohnheit, sich ständig rational und analytisch von den Träumen distanzieren zu müssen, um nicht aus dem Blick zu verlieren, wo sie begannen und die Realität aufhörte. Es ging um eine Art Schutz davor, völlig den Verstand zu verlieren und schmerzvoll in den grausamen Welten zu versinken. Eric blinzelte. Vielleicht war es Zeit, einen Versuch zu wagen? Er sah Jack an und spürte das Bedürfnis, seinem Freund und Bruder wie so oft zu vertrauen und etwas preiszugeben, was so nahe an seinem tiefsten Inneren lag, dass er es kaum beschreiben konnte. Jack lächelte.
»Meine Träume sind finster. Schmerzhaft. Es gibt verschiedene, aber fast alle habe ich, seit ich denken kann. Ich bin nie so, wie du mich jetzt siehst. Meistens fliehe ich, immer nur in eine Richtung und ich kann niemals zurückschauen, da gibt es nur Finsternis und Schwärze und Angst. Ich weiß nie, woher ich komme oder wie ich dahin gelangt bin, wo ich aufwache. Oder ob ich ein Ziel habe. Die Träume entwickeln sich seit Jahren stetig weiter, sind bis zu einem neuen Abschnitt immer gleich. Ich kann sie zwar beeinflussen aber nicht kontrollieren. Aufwachen ist unmöglich, ich muss jedes Mal ganz durch und spätestens am Ende kriegen sie mich doch. Dann … sagen wir mal, ich sterbe. Und seit ein paar Wochen wird alles immer schlimmer. Letzte Nacht bin ich in einem der Träume weiter gekommen als jemals zuvor. Da ist etwas …«
Eric hielt inne. Er spürte, wie seine Augen feucht wurden und die Angst ihn erneut überkam. Doch er wehrte sich. Das war viel schwerer als er erwartet hatte. Er sah Jack unsicher an, aber der lächelte immer noch.
»Weiter«, sagte Jack.
»Ja …«
Eric riss sich zusammen. Was sollte er sagen? Alles? Ausgewähltes? Wo sollte er anfangen? Es war unmöglich zu entscheiden, was von Bedeutung war, da er nicht wusste, was all die Dinge zu bedeuten hatten. Er entschied sich, vorerst nur über den letzten Traum und das zu sprechen, was ihn gerade heute real belastete.
»Ich habe das Gefühl, so langsam die Kontrolle zu verlieren. Den Verstand. Ich schlafe zwar, aber es bringt nichts. Wenn ich wach bin gibt es Momente, in denen ich nicht zwischen Traum und Realität unterscheiden kann, falls beide zu nahe bei einander liegen, durch einfache Sachen wie Töne oder Gerüche oder andere Eindrücke … Früher gab es wenigstens noch Nächte, in denen ich ein paar Stunden normal schlafen konnte, aber das ist definitiv Geschichte. Sie verfolgen mich und gewinnen immer. Jedes Mal! Am Anfang sofort, später habe ich gelernt, wie ich fliehen kann. Vielleicht könnte das immer so weitergehen aber im letzten Traum stoße ich auf eine Grenze und kann nicht weiter. Wenn ich im Traum aufwache, ist mein Kopf sofort leer und ich weiß nicht, dass ich träume. Das wird mir immer erst später klar oder sogar erst, wenn ich wach werde. Ich bin lebendig begraben, von Asche und verbrannten Überresten von was auch immer. Ich kann natürlich so nicht atmen, also wache ich auf, bin fast am Ersticken. Sobald ich den Kopf aus der Asche raus habe und so einigermaßen atmen kann, sehe ich nur eine tote Welt, wo alles gleich aussieht. Eine Wüste aus Asche. Es ist unglaublich heiß, den Himmel kann man gar nicht sehen, weil die Luft voller Staub und Rauch ist, es regnet Asche und … naja. Es gibt kaum Licht, dazu ist der Staub zu dicht. Aber da ist diese völlig surreale Trennung zwischen dem, was vor mir ist, und dem, was hinter mir sein müsste. Ich sehe die Überreste meiner eigenen Fußspuren, sie kommen aus der Dunkelheit. Vor mir ist irgendwo Licht. Ich glaube, ich bin nackt. Meine Kleidung ist wahrscheinlich verbrannt, meine Haut ist verkohlt, weil in der Asche noch Glut ist. Und irgendwann spüre ich, dass diese Monster hinter mir her sind. Die Geräusche von ihnen haben mich aufgeweckt. Früher waren es sehr viele und ein besonders großes. Vielleicht ihr Anführer oder … Ach, keine Ahnung. Jetzt ist es nur noch das große Teil und glaub mir, du willst davor weglaufen. Also laufe ich, in Richtung Licht. Aber nach ein paar Schritten sehe ich, dass es kein heller Horizont ist, sondern eben diese Barriere, hinter der Licht ist. Ich bin gefangen. Zurück geht nicht, will ich ja sowieso nicht. Und vorwärts geht nicht, weil diese unendliche Kristallstruktur im Weg ist. Und dahinter …«
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