Jack sah nun ernst aus. Er kniete sich auf den Stuhl, um Eric ein wenig mehr Sitzkomfort zu ermöglichen. Schnell stopfte er sich noch was in den Mund und fing an zu erklären, ignorierte Erics Sarkasmus, während der sich ebenfalls etwas von seinem Toast in den Mund stopfte, als wäre er halb ausgehungert.
»Falls du bis zum Ende zuhören, dann ich dir alles sagen, aber falls du nicht offen für Neues, du besser gleich sagen, dann ich sparen Zeit und kann weiter essen. Also: Ich bin nicht einzig, der dich diesen Namen gegeben hat. Mia auch, sie finden, dass es für dich passen. Und Haku dich ganz nah gesehen, als du ihn gerettet. Und wir kennen uns besser als du denken. Ich haben Mia kennenlernt, bevor ich hierher kam. Sie hat mich gefunden, als meine Eltern mich ausgesetzt. Mia mich bei sich im Büro verstecken, damit mich niemand sehen, ich nicht besonders gesund. Dann hat sie von dich erzählt, dass du hier wohnen, und dass ich zu dir in Zimmer soll. Ich dich nicht kannte. Aber ich kannte Geschichte, die sie mir gesagt. Sie einmal gesagt, dass es eine Junge gibt, der alles in sich trägt. Sie mir gesagt irgendwas Schwachsinn von Element in ein großen Plan und sie sagen, er die Seele eines Drachen. Ich fragen, welcher Drache? Aber ich glaubte nicht an Geschichte. Meine Mutter immer gesagt, dass Glaube blöd und überflüssig sei, aber mein Vater war Lama. Aus Tibet. Er Mias Bruder, auch er kennen Geschichte, und er mich erzählt. Aber es nichts zu tun mit Religion, er immer gesagt. Als Vater von Terrorist ermordet, ich noch sehr klein, Mia hat gesagt. Meine Mutter war versoffen, irgendwann sie mich einfach auf Straße gelegt. Arschloch … Und dann, als ich dich kennengelernt, du haben dich so komisch benommen und alles heiß und blau und du haben gebrüllt wie Tier und Jan gepackt wie Beute. Du warst Wut! Jeder hier Angst, dich danach anzusehen, alle gespürt, etwas sehr Krasses in dir. Du wollten ihn töten. Warum hast du nicht? Da hatte ich Angst, mit dich in ein Raum zu gehen. Aber Mia gesagt, ich müssen. Quasi gezwungen. Und das war auch gut, oder? Das alles, mehr kann ich dir nicht sagen.«
Eric saß da wie ein Stein und überlegte, ob er lachen, schweigen oder schreien sollte. Er entschied sich fürs Nachdenken. Aber es kam nichts dabei raus. Ihm fiel auf, dass dies eines der seltenen Male im Wachzustand war, dass er mit seinem Verstand nicht weiterkam. So klar hatte Jack ihm nie von der Auseinandersetzung mit Jan erzählt. Die Art und die Details, welche er nun beschrieb, waren wie ein eiskaltes Bad. Eric spürte, wie er eine Gänsehaut bekam. War es wirklich so gewesen? Er selbst hatte ja keine Erinnerung daran. Falls auch nur ein Bruchteil stimmte, dann hatte er wirklich keine Ahnung, was eigentlich vor sich ging. Weder in ihm selbst, noch in allen, die ihn sahen. Nach dieser Beschreibung des Ereignisses stellte sich auch die Frage, woher er eigentlich diese angebliche Kraft genommen hatte, um Jan, der schon immer größer und schwerer gewesen war, derart zu überfahren. Töten? Wie kamen sie darauf?
Während Jack ihn abschätzend betrachtete, dachte Eric still nach. Er sah sich selbst in seinem letzten Traum, von innen heraus verbrennend. Träume, von denen niemand etwas wissen konnte. Er dachte an Mia, die ihn immer dazu bewegen wollte, sich einfach mal probehalber zu ihr zu setzen, wenn sie meditierte, um ihren Geist zu reinigen und zu schärfen. Hier, in diesem Heim, hatten alle mindestens einen der zwölf Betreuer oder Erzieher als Bezugsperson. Und Mia war für ihn immer wie eine Mutter gewesen, hatte ihn aufgezogen, obwohl sie ihn nicht einmal genau gekannt hatte. Aber dass sie einen Bruder hatte und der einen Sohn, hatte sie nie in einer Silbe erwähnt. Erst jetzt ging ihm ein Licht auf: Jack war sein Cousin, sie waren praktisch verwandte. Zumindest theoretisch. Diese Idee grub sich wie ein lärmender Bohrer immer tiefer in ihn hinein. Ein kurzer Impuls der Hoffnung zeigte ihm das Gefühl, nicht allein zu sein, eine Familie zu haben. Zwar nur eine Hoffnung, aber es fühlte sich trotzdem gut an.
Jack hatte sich wieder etwas in den Mund geschoben und er sah Eric eindringlich an.
»Ich glaube wissen, was du denken. Das nicht realistisch und du immer zu viel denkst. Aber es ist wahr, Mann, ich schwöre. Alles! Nur müssen du es sehen, wie ein Wahrheit, sonst du werden niemals verstehen. Ich glaube dir. Ich weiß, du dich nicht erinnern. Das nicht leicht für dich.«
Eric sah ihn an. Was sollte das schon wieder heißen? Nun, gut. Falls es stimmte, dass es plötzlich heiß geworden und die Wachsfigur auf dem Tisch geschmolzen war, dann müssten alle anderen es ja gesehen haben. Er drehte sich um und rief halblaut über den Tisch, quer zu Ingrid herüber, die schon wieder hinter einem Regal neben der breiten Schiebetür zum Essraum lauerte:
»Weißt du noch, was an dem Tag geschah, als Jan Haku ins Essen gerotzt hat?«
Sie sah ihn erschrocken an, meinte überrascht:
»Ja, ich glaube, du hast ihn geschlagen oder so. Und dann hat er noch von Mia eine gescheuert bekommen. Wieso?«
»Ich wollte nur wissen, ob an der Situation irgendetwas Besonderes war«, sagte Eric unbeholfen und musste schon im selben Moment daran denken, was Jack sagen würde, falls niemand sonst es gesehen hatte, »habe ich mich verändert? Hat sich sonst was verändert? Hast du jemanden schreien gehört oder so?«
Ingrids Erstaunen wuchs offensichtlich schier ins Unendliche und sie hopste erregt auf und ab, vielleicht, weil er ihr endlich ein paar Sätze wahrer Aufmerksamkeit schenkte. Eric spürte, wie einige andere ihre Aufmerksamkeit unvermittelt auf ihn und Ingrid richteten, fast schon auffällig unauffällig.
»Du dich verändert? Nö«, quiekte sie, »und geschrien hat nur Jan, als Mia ihm fast den Kiefer gebrochen hat, um ihn aufzuwecken. Er war mega K.O. Boah, er hat voll geheult danach. Bis der Arzt kam.«
Eric sah sie verdutzt an. Schließlich drehte er sich wieder weg, um einem längeren Gespräch vorzubeugen und sah seinen Teller an. Sie musste etwas völlig Anderes erlebt haben und wie erwartet, etwas deutlich Wahrscheinlicheres. Er hob langsam den Kopf und blickte in Jacks vergnügtes Gesicht. Beide verstanden einander wortlos. In Erics Blick lag Ruhe, doch er wirkte ein wenig giftig. Manchmal hatte sein Blick eine seltsame Kraft, etwas, das sich nicht deuten ließ und für die meisten verunsichernd wirkte, während es Eric nicht einmal auffiel. Es passierte meist dann, wenn er nachdachte oder jemandem nicht traute. Er sah Jack von oben herab an, aber nur, weil er keine Lust mehr hatte, sich zu ihm herunterzubeugen. Den störte das nicht und er sagte:
»Auch sie sich nicht genau erinnern. War auch noch klein. Alle Menschen leben auf Erde, aber nicht alle Menschen in einer Welt. Vielleicht du lesen ein Buch und du vergessen andere. Vielleicht du versuchen, jemand anderer sein, und vergessen dich selber. Die meisten Leute hier leben in Scheinwelt, gemacht aus falschen Erwartungen und zu oberflächlich. Aber zum Beispiel Mia, Haku, ich und du nicht. Wir sehen können, was passieren, aber niemand anders es sehen. Andere nur glauben, was sichtbar. Wir annehmen, was da ist. Aber du noch nicht gelernt, alles zu sehen. Denn du nicht glauben, dass Dinge sein, die du nicht kennen. Du nie versuchen, dich zu erlernen. Aber du solltest. Jan Arschloch und du trotzdem bereuen, ihn geschlagen zu haben. Verstehe ich nicht, aber ich wissen, du haben gutes Wesen. Du dich mal entscheiden, ob es vielleicht gut, zu suchen, was noch nicht gefunden. Und zu sein, was du sein. Vielleicht Menschen nicht das, was sehen, sondern anders. Vielleicht niemand sein, was zu sein glaubt. Entscheiden dich, ob du glauben wollen, was ich dich gesteckt, oder es zurückweisen.«
»Genau der Ansicht bin ich auch«, sagte eine warme Stimme hinter Eric. Er fuhr herum, blickte genau in das alte, liebevolle Gesicht Mias, die wie aus dem Nichts hinter ihm aufgetaucht war. Sie stand einfach da, sah ihrem Sohn in die Augen und es kam ihm vor, als würde sie aus ihnen lesen, wie aus einer Zeitung. Ihre langen, schwarzgrauen Haare trug sie offen und sie gaben ihrem Aussehen und der sonnengebräunten Haut etwas Besonderes. Sie reichte ihm einen Becher mit Tee.
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