Eric blinzelte, als die Erinnerung verflog und eine zugeschlagene Tür ihn zurückholte. Verwirrt stellte er fest, dass kaum drei Sekunden vergangen waren, obwohl es sich anfühlte, als wäre er ewig lange abgedriftet. Nun stand Jan immer noch da, tatsächlich ziemlich stark und massig, blockierte den Eingang zum Duschraum und seine sechs Kumpel standen bedrohlich lächerlich hinter ihm. Fast alle groß, breit und dämlich, einer von ihnen zerlegte feixend mit offenem Mund einen Kaugummi. Doch die Unsicherheit in ihren Augen war noch immer nicht verschwunden, jeden Tag aufs Neue wurde das offensichtlich. Eric spürte sie wie einen Geruch, konnte ihre Angst fast schmecken. Ihre einzige Sicherheit bestand darin, dass sie Eric nicht allein gegenüberstanden und dass der nicht so war wie sie. Abgesehen davon, dass auch er mit den Jahren stetig stärker geworden war. Bevor sich Eric an ihnen vorbeischieben konnte, öffnete Jan den Mund.
»Morgenstunde hat Gold im Munde!«, rief Jan schrill und Eric war sich sicher, dass Jan ihn am liebsten mit einem harten Stoß am Weitergehen gehindert hätte. Doch das traute Jan sich noch nicht. Eric prüfte gelangweilt und routiniert Jans Begleitung, befand die Situation für ungefährlich. Er war müde und unaufmerksam, doch dieser Typ schaffte es jedes Mal, ihn aufzuwecken. Meistens sagte Eric gar nichts, doch gerade jetzt war es ihm so egal, dass er sich zu einer Antwort hinreißen ließ.
»Du bist aber nicht Morgenstunde und aus deinem Munde kommt den ganzen Tag nur Scheiß. Woran du meinetwegen ersticken darfst, du bist so langweilig. Jetzt lass mich durch, es gibt hier Leute, die wissen, dass man sich waschen sollte.«
Mit diesen Worten schob er Jan einfach beiseite und ging zur hintersten Kabine. Da hörte er Jan hinter sich:
»Nur dreckige Tiere waschen sich. Ach ja: Ich habe herausgefunden, was Xiaolong bedeutet!«
Eric hielt inne. Es nervte ihn schon, wenn Jack ihn so nannte, aber aus Jans Mundwerk klang das gleich noch ein paar Nummern provokanter. Und falls der es wirklich herausgefunden haben sollte, würde er es sicher nicht für sich behalten, denn er wusste, wie sehr Eric davon irritiert war. Aber Eric dachte an einen von Jans dämlichen Witzen: »Dein Name bedeutet Hundefutter« oder sowas in der Richtung. Das mussten Jans Freunde sich immer ausdenken und der musste es auswendig lernen. Denn kleine Spickzettel brachten ihm nichts, er konnte ja kaum einen Satz lesen. Eric drehte sich langsam um, sah Jan in sein blödes Gesicht und fragte, ehrlich interessiert:
»Ja? Sprich. Erleuchte mich. Lass mich raten … Hat es was mit meiner Hautfarbe zu tun?«
Jan lachte überlegen. Offenbar erfreut, dass die Nummer Früchte trug.
»Alle mal herhören«, dröhnte Jan und sah sich bedeutungsvoll um, »dieser Idiot da vorne nennt sich ›kleiner Drache‹. Ist das nicht süß? Oh, wir wussten alle, dass du schwul bist. Fick dich! Tragisch, ein Krüppeldrache! Hat ja nicht mal einen Schwanz … oh, doch, da! So klein, ich habe ihn übersehen. Sorry!«
Eric sah ihn erstaunt und ärgerlich zugleich an. Dann drehte er sich zu Haku um, der gerade mit Duschen fertig war und wartete, dass der Ausgang frei würde.
»Stimmt das? Weißt du, was es bedeutet?«
Haku sah ihn an, als wäre er sich nicht sicher, ob er antworten wollte. Dann meinte er:
»Ja. Es ist kein Japanisch. Hat bestimmt mehrere Bedeutungen. Altes Chinesisch. Frag Jack, der hat dir den Namen verpasst, oder?«
Eric hörte sich noch eine Weile stumm das Gekicher und den Spott der anderen an, beobachtete aus den Augenwinkeln, wie außer Jan und seinen Kollegen niemand ihn so recht beleidigen wollte. Schließlich drehte er sich um und betrat seinen Stammplatz, die letzte Duschkabine, in der sich auch ein Waschbecken und ein Spiegel befanden. Als er auf die alte Glasplatte blickte und einen Sprung darin erkannte, durchfuhr ihn ein leichtes Schaudern. Mit dem Finger berührte er die Beschädigung, fühlte die scharfe Kante und starrte auf das von Feuchtigkeit und Kondenswasser milchige, verzerrte Spiegelbild. Er erinnerte sich wieder an seinen Traum, dachte an die kristallartige, merkwürdige und unendlich wirkende Barriere und etwas Lebendiges dahinter, für ihn unbeschreiblich beängstigend.
Seit Jahren, eigentlich seit Anbeginn seiner Erinnerungen, hatte Eric nachts diese Träume. Sie entwickelten sich langsam weiter, wie der von letzter Nacht, ein anderer blieb sogar jedes Mal exakt gleich. Eric hatte gelernt, sie bedingt zu beeinflussen, konnte sich aber nicht gegen sie wehren. Sobald er einschlief, würden sie irgendwann kommen und ihn überfallen. Aufwachen war dann unmöglich. Nur durch den Tod würde er aus den Träumen herauskommen. Heute war das riesenhafte Ungetüm auf der anderen Seite erstmals kurz davor gewesen, die Barriere rechtzeitig zu durchbrechen, hatte es am Ende sogar geschafft. Eric schmunzelte müde. Hurra, ein besonderer Tag. Etwas Neues. Wollte es ihn ebenfalls töten? Eric spürte die Angst in sich, erinnerte sich an die Augen, sah seine eigenen im Spiegel und die kranke Müdigkeit, welche sich unmissverständlich in ihnen abzeichnete. Es wurde schlimmer. Die Schmerzen waren für ihn absolut real und er konnte nichts dagegen tun, hatte sich im Wachzustand daran gewöhnt, doch im Traum war jedes Mal das erste Mal. Er war froh, dass er nicht schrie oder sich zu sehr bewegte, während er im Bett lag. Alles blieb in seinem Inneren, kein Ruf oder Wort drang nach außen. Als wäre er in diesem Körper eingesperrt, für immer. Falls es so weiterginge, würde er irgendwann nicht mehr schlafen wollen. Bereits vor ein paar Jahren hatte Eric eine solche Phase gehabt und sich dem Schlaf insgeheim verweigert. Mühevoll war er wochenlang wach geblieben aus reiner Angst vor dem, was auf ihn wartete. Wie damals war es auch jetzt: Mit zunehmendem Schlafmangel wurde er unkonzentrierter. Ab und zu kam ihm einfach die Zeit abhanden, wenige Sekunden seines Lebens waren für immer fort und für ihn fühlten sie sich wie Minuten oder Stunden an. Nur die Konsequenzen all dessen, was er innerhalb solcher Blackouts getan haben mochte, boten eine Chance, die verlorene Wahrheit zu rekonstruieren. Oder Jacks Erklärungen. Jack war immer bei ihm … Eric blinzelte. Ohne Jack wäre er längst in großen Schwierigkeiten.
Ein lautes Geräusch riss Eric aus seinen müden Gedanken und er erschrak so heftig, dass er das Gefühl hatte, abermals von den messerscharfen Zähnen einer schweren Kreatur durchbohrt zu werden. Sein Atem stockte, das Herz raste. Jemand hämmerte lautstark gegen die Kabinentür.
»Ja, Mann! Was ist?«, rief Eric abwesend.
»Aufmachen oder beeilen, wie du wollen. Aber beides schnell! Ich muss duschen, auch schnell! In Viertelstunde frühes Stück, Essen! Und Jan hat alle anderen Duschen mit ein Münze abschließen! LOS!«
Jack, der immer leicht allergisch auf Menschen reagierte, die ihn von Broten mit Nutella und Bananen mit Honig abhielten, bearbeitete lautstark die Tür, als wollte er sie durchbrechen. Richtig, das Frühstück. Aber der Sprung im Glas des Spiegels und die damit verbundenen Bilder gingen Eric nicht mehr aus dem Kopf, wie eine Art Abkürzung in eine tote, für ihn jedes Mal tödliche Welt. Und da war das mit dem Namen.
Als Eric sich fertig angezogen hatte, beeilte er sich in den Essraum, wie ihn hier alle nannten. Die meisten hielten »Speisesaal« für spießig und man konnte mit Recht sagen, dass die Bezeichnung nicht richtig passte. Die fünfzig Stühle waren fast alle verschieden und der lange, alte Holztisch sah aus, als hätten all die Jahre ihn auch innerlich altern lassen. Bei jeder Bewegung wie etwa dem Abstellen eines schweren Topfes krachten die Holzbalken und man musste aufpassen, dass die Tischbeine immer im Gleichgewicht blieben, sonst würde die Tischplatte seitwärts herunterfallen. Vieles war verschlissen und an der Grenze zur Neuanschaffung, doch Mia kalkulierte präzise und sparsam. Nichts war unzureichend, nichts überflüssig. Trotzdem behandelten alle die Möbel und das Gebäude an sich dankbar. Niemand wollte hier ausziehen. Wohin auch? Sie waren alle hier, weil es für sie keine unmittelbare Alternative gab. Hier ging es ihnen gut und sie waren sicher.
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