»Und du verlierst heute noch beim Fangen«, neckte Fenjin ihn und trat ihm gegen den Stiefel, womit er ihn aus seinen Gedanken riss. »Genug geschlafen, lass uns gehen, bevor dein Bruder uns wieder zusammen sieht und ich um mein Leben fürchten muss.«
Letzteres sagte er so zynisch, dass Vaaks sich veranlasst sah, zu seufzen.
»Dass er dich nicht mag, liegt allein daran, dass er niemanden leiden mag.«
Fenjin schnaubte herablassend, aber nicht über Vaaks, sondern über seine Behauptung. Er wandte sich ab und ging zur Leiter. Als er sich auf die erste Sprosse schwang, konterte er: »Von allen Personen bist du derjenige, der ihn am Schlechtesten kennt, glaub mir.« Vaaks runzelte verständnislos seine Stirn, aber Fenjin ging nicht weiter darauf ein. Traurig sah er Vaaks in die kastanienbraunen Augen. »Er hält mich für unwürdig, dein Freund zu sein. Er bewacht dich!«
»Du irrst dich, er kann mich nicht mal richtig leiden. Und er mag dich, er kann es nur nicht zeigen.«
Fenjin verdrehte die Augen, als wollte er sagen: »Hast du eine Ahnung.« Doch er ließ das Thema fallen, sie hatten es schon zur Genüge diskutiert.
»Jetzt komm, spute dich, mein Prinz.« Fenjin grinste herausfordernd. »Oder willst du wieder Letzter sein? Ich habe allmählich das Gefühl, du findest Gefallen daran, zu versagen.«
Vaaks` Augen blitzten seinem Freund schelmisch zu. »Vielleicht habe ich dich über all die Jahre ja auch immer gewinnen lassen.«
Fenjin zog anzüglich eine Augenbraue nach oben. »Aha! So ist das also. Wollte der pflichtbewusste Prinz mir etwa den Hof machen?« Er legte keck den Kopf schief und blinzelte so übertrieben wie eine Bühnendarstellerin.
Vaaks nahm eine Handvoll Heu und warf sie nach ihm.
Lachend duckte Fenjin sich hinter die Leiter.
»Von wegen!« Vaaks stand auf. »Ich wollte dich nur nicht wie ein Mädchen weinen sehen!«
Als er auf die Leiter zu ging, ließ Fenjin sich geschickt hinabrutschen und lachte unten im Stall voller Dreistigkeit. »Ha! Schon wieder entwischt.«
Als Vaaks amüsiert zu ihm hinabsah, verlor sich augenblicklich sein Lächeln.
Fenjin runzelte verwirrt die Stirn, doch bevor er nachfragen konnte, was Vaaks den heiteren Moment vermiest hatte, landete eine Hand auf seiner Schulter, und er fuhr erschrocken herum.
»Warum so ängstlich, Fenjin?«, fragte der dunkelhaarige Stallbursche. Argwöhnend sah er von Fenjin zu Vaaks und wieder zurück. »Hab ich euch bei etwas erwischt, hm?«
Vaaks` Miene blieb hart, er mochte den Kerl nicht sonderlich, aber er gehörte zu Fenjins Freunden.
»Klay!« Fenjin schlug sich die Hand flach auf die Brust, als wollte er sein Herz dort halten. »Hast du mich erschreckt, ich dachte schon, es wäre…«
»Die Großfresse, die Vaaks Bruder nennt?« Klay sah mit seinen bösen, kleinen Augen zu Vaaks auf und zog herausfordern seine dunklen Brauen in die Höhe. »Hat man deinen irren Bruder endlich an die Leine gelegt? Oder ihn im Fried eingesperrt, weil man der Öffentlichkeit seine unansehnliche Fresse nicht zumuten kann? Ich habe ihn hier nicht mehr gesehen, seit diesem … hässlichen Gerücht«
Vaaks sprang vom Dachboden, er wollte nicht vor dem Großmaul die Leiter runter klettern. Direkt neben Klay kam er auf und starrte diesem hart ins Gesicht. »Kein Wort über einen meiner Brüder«, warnte er ohne die Stimme zu erheben oder zu drohen. Es war schlicht ein gut gemeinter Rat.
Klay verengte die Augen, schätzte ab, wie weit er gehen konnte. Er war ein Widerling, ein richtiger Kotzbrocken. Vaaks wusste nicht, warum Fenjin mit ihm befreundet war. Aber vermutlich aus dem Grund, weshalb die halbe Festungsstadt mit ihm befreundet war. Er sah gut aus und war beliebt bei den jungen Damen. Er musste also auch eine charmante Seite besitzen, diese hatte Vaaks nur leider nie gesehen.
»Hört auf! Lasst uns in die Schenke gehen«, versuchte Fenjin, die Stimmung aufzulockern.
Vaaks sah ihn an und trat einen Schritt zurück. »Ich muss gehen, bevor sie sich sorgen.«
Klay höhnte, auf seine Mistgabel gestützt: »Muss das Möchtegern-Prinzchen sich füttern und den Arsch abwischen lassen? Ist dir der Wein der Bauernschenken nicht gut genug?« Seine Stimme wurde ernst, geradezu wütend. »Was kommst du eigentlich immer hier runter? Bleib auf deiner Festung und bade in goldenen Wannen.«
Vaaks rollte innerlich mit den Augen, Klay hatte eine völlig falsche Vorstellung. Aber was wollte er auch erwarten, er musste sich Klay nur kurz in seinen lumpigen, alten und dreckigen Leinenkleidern ansehen, um zu wissen, woher dessen Neid herrührte. Sie waren gleich alt, aber nur einer von ihnen musste Mist schaufeln. Dass Vaaks dafür andere Pflichten besaß, das wollte niemand sehen.
»Hör auf, Klay.« Fenjin schlug dem neidischen Stallburschen gegen den Arm. »Vaaks ist nicht so, das weißt du.«
Klay hörte das Pfeifen des Stallmeisters und sah sich über die Schulter, dann stieß er schnell die Gabel ins Heu, als würde er arbeiten. »Ich kenne seine Brüder«, murrte er verbittert, »Riath hält sich für den größten Hecht im Teich, und Xaith glaubt, er sei eine Art Gott. Der Weißhaarige hält uns nicht mal für würdig genug, uns zu beachten, ich glaub, er war noch nie in der Stadt. Und das Mädchen? Die Schwester…«
»Wage es nicht…«, fiel Vaaks ihm ins Wort.
Klay lächelte zynisch. »Sie hält sich für männlicher als all ihre Brüder zusammen. Vielleicht hat sie ja recht.« Herausfordernd musterte er Vaaks` Körper. »Man hört ja so einiges. Lässt die Weiber links liegen – vielleicht wärst du ja lieber selbst das Weibchen, hmmm?«, höhnte er und schielte dann zu Fenjin.
Vaaks ballte die Fäuste, doch er hielt seine Wut zurück. Der Streit würde nur eskalieren, wenn er darauf einging.
Fenjin schüttelte den Kopf. »Lass Vaaks in Ruhe, Klay, er kann auch nichts dafür, dass die Fräuleins dich stehen lassen, sobald er den Raum betritt!«
Wütend fuhr Klay zu ihm herum, aber Fenjin entwaffnete ihn mit einem neckischen Lächeln. Freundschaftlich schlug er dem Stallburschen noch einmal auf den Arm. »Sei nicht so ein Griesgram, nur weil du hier schuften musst und wir auf dem Heuboden ein Nickerchen machen konnten.«
Klay entspannte sich, er schüttelte mit einem Schnauben den Kopf. Dann nickte er Vaaks zu, der ihn noch immer argwöhnisch beobachtete. »Wenn der Prinz mir einen Becher Wein spendiert, werde ich ihm verzeihen, dass er vom König höchstpersönlich aufgenommen wurde, während wir anderen Nichtblaublüter unsere Hände blutig arbeiten.«
Es war ein unterschwelliger Seitenhieb. Klay deutete die Tatsache an, dass Vaaks nur der Ziehsohn von König Desiderius war, und nicht sein Fleisch und Blut.
Lange starrte Vaaks ihn reglos an, ehe sich langsam ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete und er gemeinsam mit Klay und Fenjin zu lachen anfing.
Klay war ebenso, er konnte gar nicht anders, er wurde als mürrischer Bastard geboren, wie er sich selbst immer betitelte. Wenn er schlechter Laune war, suchte er sich gern einen Sündenbock, den er für sein Leid verantwortlich machen konnte. Das Leid des einfachen Lebens.
Klay hatte ja keine Ahnung, dass Vaaks manchmal gerne mit ihm tauschen würde. Mistgabeln schwingen, statt auf dem staubigen Platz gegen seinen eifrigen Bruder Riath zu bestehen, der alles daran setzte, der beste Schwertkämpfer, der beste Bogenschütze und der beste Reiter weit und breit zu werden, um dem König zu imponieren. Riath wollte stets dafür sorgen, dass alle wussten, dass er der stärkste und geschickteste Prinz war, dass er seine Brüder alle übertrumpfte und besiegen konnte. Dafür trainierte er hart. Und seine Verbissenheit zahlte sich aus, er war wirklich gut, und er wusste das. Er war sich auch nicht zu schade, sich in diesem Ruhm lächelnd zu sonnen.
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