Es bereitete ihm Übelkeit und Zorn, wie leicht der Kleine war. Er wog nicht mehr als ein Sack voll Lumpen. Die Ketten, die noch um seine Gelenke lagen, rasselten bei jedem Schritt. Sie waren das einzige, spürbare Gewicht an ihm. Doragon hatte die unbestimmte Angst, der Kleine könnte ihm davonfliegen, wenn sie die Ketten von seinen Gelenken lösten.
Fen stellte sich Doragon draußen in den Weg und musterte den Sklaven mit fliegenden Augen. »Ist er ein Mensch?«
»Sieht so aus.«
»Siehst du das Mal auf seiner Stirn?«, fragte Fen schmallippig. »Ist er…?«
Doragon bugsierte den Sklaven an Fen vorbei und ging weiter. »Wir müssen ihn zum Lager bringen, er braucht Hilfe. Schnell.«
Fen murmelte hinter seinem Rücken etwas wie: »Mutter, steh uns bei, er ist ein Magier.«
Und ein Mensch. Doragon und Fen mussten es nicht aussprechen, sie wussten, wen sie befreit hatten. Das Schicksal hatte ihnen heute in die Hände gespielt.
Doch Doragon wusste ebenfalls, dass die Konsequenzen schrecklich sein würden. Der Feind würde alle Mittel aufbringen, um sein Hab und Gut zurückzufordern.
Und die drei Raben krächzten ein höhnisches Gelächter.
»Du solltest nicht hier sein.«
Der Eindringling richtete sich wie ein erschrockenes Kaninchen kerzengerade auf, das etwas gewittert hatte und mit aufgerissenen Augen Ausschau nach einem Raubtier hielt. Langsam drehte der Junge sich zu ihm um, die Sonne fiel durch die Blätter der Obstbäume und ließ dessen ahornroten Schopf wie einen seltenen Edelstein funkeln. Zimtbraune Augen blinzelten ihn verwundert an.
»Wie bitte?«, fragte der Rotschopf. Trotz seiner Haarfarbe besaß sein Gesicht nicht die dafür typischen Sommersprossen, noch die helle Haut. Sein Teint war rosig, leicht gebräunt von der Sommersonne, und ebenmäßig wie ein Gemälde.
»Du solltest nicht hier sein«, wiederholte Vaaks und strich dem Kaninchen auf seinem Arm beruhigend über den Kopf, Fremde machten die Tiere im Garten nervös.
Wie immer sprach er mit monotoner, wenig gefühlsbetonter Stimme. Weder tadelnd noch drohend, er hatte lediglich eine Tatsache festgestellt. »Das hier ist der königliche Obstgarten. Fremde haben hier nichts verloren«, erklärte er dem Eindringling.
Der andere Junge sah von dem Kaninchen zu Vaaks` darüber liegendem Gesicht, und wieder zurück, hin und her, bis er schließlich auf geradezu dreiste Art zu grinsen begann.
»Ich bin Fenjin.« Der Junge sprang auf und wollte ihm die Hand reichen.
Unwillkürlich trat Vaaks zurück, beinahe ängstlich.
Einen Moment lang starrten sie sich beide überrascht an.
Fenjin lachte verlegen und ließ zögernd die Hand fallen. »Ich kam mit meinem Vater zur Festung. Er ist Kaufmann und handelt mit dem König. Bist du ein Prinz?«
Vaaks fand, dass Fenjin zu schnell und ohne Pausen redete. Er antwortete nicht, für ihn schien es offensichtlich, dass er ein Prinz war – auch wenn er sich selbst nicht als solchen bezeichnete –, immerhin standen sie auf dem Rasen des königlichen Gartens.
Fenjin wirkte ein wenig verunsichert, da Vaaks nicht mit ihm sprach. Seine Augen blieben wieder an dem Kaninchen hängen. »Ein süßes Kerlchen. Dein Haustier?«
»Ein Wildtier.«
»Aber du hast es gezähmt.«
»Nein, es ist immer noch wild.«
Das verwunderte den anderen Jungen, er wölbte die Augenbrauen unter den roten Haarspitzen. »Aha…«
»Der König hat die Kaninchen in seinem Garten unter Naturschutz gestellt«, sagte Vaaks, nun klang er doch ein wenig tadelnd. Er ließ das Kaninchen auf dem Boden ab, es hoppelte davon. Als er sich wieder aufrichtete, sah Fenjin dem Tier nach. Vaaks sprach weiter: »Es ist nicht erlaubt, sie hier zu jagen.«
Fenjin fuhr zu ihm herum. »Ich habe sie nicht gejagt.«
»Du hast sie durch die Bäume beobachtet.« Vaaks hatte es gesehen und er ließ es den anderen durch seinen ernsten Blick und Tonfall wissen.
»Nur beobachtet«, erwiderte Fenjin aalglatt und grinste mit einem frechen Funkeln im Blick.
Als Vaaks ihn mit verengten Augen musterte, lachte er auf und hob die Arme, drehte sich einmal um sich selbst, und sagte: »Siehst du: keine Waffen.«
Vaaks musterte ihn eingehend. Einfache aber saubere Kleidung aus Leinen und minderwertigem Leder. Ein Gürtel, an dem weder Steinschleuder noch Dolch hing.
Etwas ernüchtert ließ Fenjin die Arme wieder fallen, die schmalen Schultern gleich mit. Er seufzte. »Ich weiß auch gar nicht, wie man jagt.«
Das machte Vaaks stutzig, er schüttelte den Kopf. »Hat es dir dein Vater nicht gezeigt?«
»Er ist Kaufmann«, lachte Fenjin und winkte ab. »Er hält nichts von Waffen, auch nicht vom Jagen. Und was und wo sollen wir schon jagen? Uns gehört kein Land.«
Das klang folgerichtig, musste Vaaks zugeben. Immerhin war es eine ernste Straftat, zu wildern.
Fenjin schien zu spüren, dass er ihm glaubte. Er strahlte und machte einen fröhlichen Satz auf ihn zu: »Wie heißt du?«
Vaaks lehnte sich nachhinten, als wollte er wieder einen Schritt zurücktreten, entschied sich dann jedoch anders. Etwas an der Art des anderen Jungen faszinierte ihn. Er war so aufgeschlossen, locker und fröhlich, es war beinahe ansteckend.
»Vaaks«, antwortete er und spürte ein Lächeln im Mundwinkel.
Fenjins zimtbraune Augen strahlten noch mehr. »Wollen wir spielen, Vaaks?«
»Was willst du denn spielen?«, fragte Vaaks amüsiert.
»Fangen!«, rief Fenjin aus und tippte ihm auf den Arm. »Du bist!« Damit rannte er lachend an ihm vorbei.
Verwirrt drehte Vaaks sich um und blinzelte dem aufgeweckten Jungen hinterher.
Fenjin winkte ihm. »Komm schon, komm schon! Fang mich, Vaaks, fang mich!«
Vaaks grinste und rannte los. Fenjin neckte ihn, ließ ihn rankommen, rannte um Bäume herum und versteckte sich hinter Büschen. »Vaaks«, rief er lockend, »Vaaks … Vaaks … «
…»Vaaks!«
Er schlug ruckartig die Augen auf.
»Vaaks, hörst du mich?«
Er blinzelte, bis sich seine Sicht klärte und das rote Schimmern im Halbdunkel des Heubodens Formen annahm.
»Hör auf, mich zu rütteln, ich bin wach«, sagte er mit noch dunkler, verschlafener Stimme.
Fenjin nahm die Hände von seinen Schultern und ließ sich neben Vaaks` gemütlichem Bett – das nichts weiter als ein Heuhaufen war – auf den Hintern fallen. »Du hast so tief geschlafen, ich dachte, ich würde dich nie wieder wach bekommen.«
Vaaks setzte sich langsam auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. »Ich habe geträumt«, gähnte er genüsslich und streckte sich anschließend. Seine breiten Schultern knacksten.
»Wovon?«
»Von unserer ersten Begegnung«, antwortete er trocken, strich sich die dunkelbraunen Locken aus dem Gesicht, um sie zusammen zu binden, und sah aus der Heubodenluke nach draußen. Die Sonne ging hinter den weißen Bergspitzen unter, in deren Schutz die Festung samt Stadt lag. Ziegeldächer und graue Turmzinnen tummelten sich vor der malerischen, bergigen Kulisse, es stieg Rauch von unzähligen Kaminen auf und schlängelte sich träge dem Himmel entgegen.
»Wie lange ist das jetzt her?«, fragte Fenjin. Ein breites Grinsen schwang in seiner melodischen Stimme mit.
Vaaks überlegte mit verengten Augen. »Wie alt waren wir da?«
»Du sieben und ich acht Sommer.« Der Heuboden knackste, als Fenjin sich erhob und sich das Heu aus dem roten, kurzen Haar zupfte.
Vaaks überschlug die Jahre im Kopf. »Zehn Sommer«, flüsterte er, als könnte er selbst kaum glauben, wie lange sie schon Freunde waren. Fenjin hatte sich kaum verändert, er war noch immer eine Frohnatur und noch immer für jeden Streich zu haben. Er war gewachsen, das waren sie beide, aber noch immer war er schlank mit schmalen Schultern und noch schmäleren Hüften. Feingliedrig und groß, die perfekte Statur für einen schnellen Reiter. Oder eben für einen Kaufmannssohn, der in die Fußstapfen seines Vaters treten würde. Kein Krieger, das war Fenjin nicht. Ganz im Gegensatz zu Vaaks, der beinahe wöchentlich neue Hemden und Hosen brauchte, weil sein Körper einfach nicht aufhören wollte, an Masse zu gewinnen. Er wuchs und wuchs, die Schultern gingen in die Breite, alles andere in die Höhe. Riath, einer seiner Brüder, nannte ihn bereits neckend einen Berg. Neben ihm sähe Fenjin mittlerweile wie ein dünner Grashalm aus.
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