1 ...8 9 10 12 13 14 ...23 Inzwischen hatte sich die Lage aber dramatisch verschärft, und es drohten sogar zivilrechtliche Anzeigen durch die hessische Heimaufsicht in Darmstadt und potenzielle Strafanzeigen des Gesundheitsamtes in Erbach. Die beiden lokalen Führungsoffiziere der ‘Gesellschaft’ waren einhellig der Meinung, konsequent dagegenhalten zu müssen, um nicht am Ende sogar den Status der Gemeinnützigkeit und damit den Steuervorteil zu verlieren.
Vitali Klimachow hatte als Anführer der ‚Bratwa‘ und Hauptkommanditist einen Großteil seines in Europa verdienten Geldes zur Nachfolgeregelung in die Stiftung Jungbrunnen GmbH & CoKG eingebracht. Genauso wie sein Minderheitspartner, ein gewisser Leonid Demchokovsky. Beide saßen vor den Bildschirmen ihrer Computer und nahmen aus ihren Büros in Kaliningrad an der Online-Besprechung teil.
In Groß-Umstadt hatte sich Frank Koch in seiner Luxusvilla, und in der Seniorenoase ‚Jungbrunnen‘ der Maxim Mutsonow eingeloggt. Maxim moderierte die Videokonferenz.
Der Statthalter, Frank Koch, als die aktuelle Nummer 1 der lokalen Organisation war als junger Mann von der Welle der Öffnung der innerdeutschen Grenze im Jahre 1991 aus Karl-Marx-Stadt nach „hessisch“ Sibirien gespült worden. Mit Brutalität und Schläue hatte er sich zum Betreiber einer gut geschmierten Geldwaschmaschine in Form einer Drogenküche hochgearbeitet. Diese Drogenwerkstatt für die Massenproduktion von ‚medizinischen‘ Opium Derivaten war in Darmstadt angesiedelt.
Maxim Mutsonow, der als die Nummer 2 der lokalen Organisation auftrat, war neben seiner Tätigkeit als kaufmännischer Heimleiter der drei Pflegeheime noch als Seniorpartner einer Anwaltssozietät in Frankfurt tätig. In diesem Rahmen war er für die vertraglichen Belange von Leiharbeiterverträgen für die Sparte Menschenhandel zuständig. Die Sozietät arbeitete im Wesentlichen mit Werkverträgen und betreute den Handel mit Menschen vorzugsweise Sexarbeiterinnen aus arbeitsrechtlicher Sicht. Sie rekrutierte junge Frauen und Mädchen quer durch Osteuropa, die dann mit gefälschten Zeit-Arbeitsverträgen in Pflegeheimen als Pflegekräfte oder Servicekraft angestellt waren. Maxim Mutsonow hatte den Status des ‚Wory‘ von seinen Eltern geerbt und war stolz darauf.
Der Logistiker, Oliver Wolff, nahm an der Videokonferenz nicht teil und ließ sich wegen eines wichtigen Geschäftstermins entschuldigen. Tatsächlich steckte er mitten in den Vorbereitungen für einen Überfall auf einen Geldautomaten in einer kleinen Odenwaldgemeinde. Als Nummer 3 geführt, betreute er über die gesellschaftseigene Transportfirma, die wiederum im Handelsregister als Gebrauchtwagenhandel eingetragen war, die illegalen Drogentransporte und den Menschhandel der Bande.
Vitali beobachtete entspannt, wie sich die beiden anstrengten, um die Geschäfte der ‚Gesellschaft‘ voranzutreiben, und er war auf ihre Vorschläge gespannt.
Maxim hatte auf Bitten von Leonid, die gefährlichsten Angriffe auf das Pflegeheim zusammengestellt, bei deren Berücksichtigung die öffentliche Hand die Seniorenheime drastisch sanktionieren könnte. Vor allem hatte er eine Liste derjenigen Personen und deren Umfeld erstellt, welche hinter den Beschwerden und Anzeigen standen, und die es auszuschalten galt, und die er jetzt den Anführern einzeln vorstellte.
Maxim begann mit der staatlichen Heimaufsicht, „da gibt es einen gewissen Martin Silbermann, der als Gutachter bisher für die Inspektion der Seniorenheime zuständig war. Er ist 63 Jahre alt, geschieden, allein lebend und hat aktuell keine Beziehung. Dafür hat er ziemlich hohe Spielschulden und steht auf unserer Liste für Bestechungsgelder. Er hat das Heim bisher zweimal inspiziert und jedes Mal für ‚im Wesentlichen‘ mängelfrei erklärt. Aber er nähert sich dem Rentenalter, und wir haben keine Ahnung, wer ihm nachfolgt, wenn er zum Jahresende die wohlverdiente Pension antritt. Das Problem aktuell ist, dass die Heimaufsicht, als die zuständige Behörde, jetzt zum zweiten Mal innerhalb des laufenden Geschäftsjahres auf der Basis unterschiedlicher Anzeigen von Angehörigen eine komplette Inspektion der Seniorenoase angekündigt hat. Und wir wissen nicht, wen sie schicken werden.“
Maxim machte eine kurze Pause und wartete auf eine Reaktion, aber die blieb aus.
Er erläuterte danach, warum er Georg Jährling für gefährlich hielt und stellte den freiberuflich arbeitenden Investigativ-Journalisten vor.
„Der nächste Fall ist unser Hauptproblem, denn der Georg Jährling ist ein ernstzunehmender Störenfried, der keine Ruhe gibt, wenn er sich einmal in einen Fall verbissen hat. Er ist dreiundvierzig Jahre alt, Witwer mit einer fünfzehnjährigen Tochter, welche die Realschule in Fürth besucht, und bei ihrer Großmutter mütterlicherseits wohnt. Georg Jährling ist einfach ein anderes Kaliber. Er hat die Organisation schon zu Zeiten des florierenden Drogenhandels vor zehn Jahren unangenehm begleitet, als er daran arbeitete, die einzelnen Stationen der Transportrouten des Opiums zurück zu den Drogenbaronen in Afghanistan zu eruieren. Nach dem Tod seines Kollegen Mummert hat er sich auf andere Gebiete der Recherche verlegt. Er war zweimal als Kriegsberichterstatter in der deutschen Zone in Afghanistan im Einsatz und musste seinen Aufenthalt wegen einer Verletzung nach einem Taliban-Überfall abbrechen.“
Er trank einen Schluck Wasser, bevor er fortfuhr.
„Vor einigen Jahren hat er sich dann aus den Nachforschungen zum Rauschgiftschmuggel zurückgezogen. Er hat sich auf weniger aufregende Themen wie den Sozialbetrug spezialisiert, und damit rührt er wieder Schmutz in unserem Revier auf. Wir haben einmal versucht, ihn zu kaufen, aber der Versuch scheiterte.“
Last but not least berichtete er über eine gewisse Steffi Schwaiger, 35 Jahre alt, rothaariger Typus „widerspenstige“ Hexe und ihres Zeichen Beauftragte des Gesundheitsamtes Michelstadt. Sie repräsentierte den schrillen Typus einer modernen jungen Frau, die sich absolut resistent gegen jeden Versuch, sie zu beeinflussen, gezeigt hatte. Sie war alleinstehend, hatte bereits mehrfach im Auftrag ihrer Behörde die Seniorenoase ‚Jungbrunnen‘ besucht und mit harter Kritik massive Missstände angeprangert. Erschwerend kam dazu, dass sie nebenberuflich als Hilfsermittlerin für einen Bestatter arbeitete, der wiederum im Nebenjob als Privatermittler in der Schmutzwäsche seiner Klienten wühlte.
„Was in ihrem Fall noch wichtig ist, wenn wir überlegen, wie wir uns vor ihren Ermittlungen schützen, betrifft die Tatsache, dass vor kurzem der Sohn des Ermittler-Bestatters mit seiner Tochter bei ihr eingezogen ist“, ergänzte der Syndikus. Er hatte seine Spürhunde schon auf die drei angesetzt, um die Möglichkeiten für eine Einschüchterung auszuspähen. Das Ganze klang ausbaufähig, wie er schmunzelnd hinzufügte.
Zusammengefasst erklärte der Syndikus das Risiko für nicht unerheblich, dass umfassende behördliche Strafmaßnahmen gegen die Seniorenoase und deren Geschäftsverantwortliche sowie das Aufheben der Steuerbefreiung oder im härtesten Fall die Schließung der Heime verhängt werden könnten. Das würde naturgemäß auf die operativen Geschäftsfelder der ‚Gesellschaft‘ durchschlagen, wie den Vertrieb von Opium Derivaten genauso wie die Edel-Prostitution mit sehr jungen Damen. Und es beträfe den großflächigen Menschhandel ganz allgemein, mit dem sie Asylsucher und billige Saisonarbeiter aus den osteuropäischen Staaten für die Spargel- und Apfelernte oder das Baugewerbe ausbeuteten.
Vitali, der Boss der ‘Gesellschaft’, nahm den Bericht aufmerksam zur Kenntnis und richtete an die beiden hinter den hessischen Bildschirmen die Frage, „ich habe eure Bedenken verstanden, was schlagt ihr jetzt konkret vor, um das Risiko aus der Welt zu schaffen“.
Außerdem ließ er sich zu einem knappen Statement bezüglich seines Streits mit Oliver Wolff und über dessen ungenehmigte Nebentätigkeit hinreißen, „bis zu meinem nächsten Besuch im Stiftungsheim Jungbrunnen möchte ich ein Ende dieser dämlichen und plump inszenierten Einbruchserie sehen, die unser aller Existenz gefährdet“.
Читать дальше