Sie hatte dem Junior und seiner Tochter eine vorübergehende Bleibe in ihrem für sie allein viel zu großen Haus in Erbach angeboten, und der Junior hatte die Offerte zögernd angenommen. Er schmunzelte bei dem Gedanken wie sich der Junior wohl entscheiden würde, wenn er erstmal die Vergangenheit mit seiner Sandkastenliebe aufgearbeitet und in eine neue Form gebracht hätte.
Online-Recherche war noch immer nicht sein Ding, und er vertraute seiner Assistentin 2.0 blind, wenn es darum ging an Steuerauskünfte, Melde- und Zulassungsdaten zu kommen oder irgendwelche Datenbanken nach seinen Vorgaben zu durchforsten. Steffi Schwaiger war für diese Art von Hilfestellung immer sofort zu begeistern, und er musste zugeben, dass ihre Trefferquote einen nicht unerheblichen Anteil an seinem Ermittlererfolg hatte. Sie verabredeten sich nach ihrer Mittagspause, sobald sie ihren Vormittagsjob im Gesundheitsamt der Stadt Michelstadt beendet hatte, in seinem Büro.
Willy schnaufte wie immer ein bisschen, als er über die steile Holztreppe zu seinem im 1. Stock des Hauses gelegene Büro hoch stapfte. Hans saß schon an dem Schreibtisch, den sie sich provisorisch teilten, und Willy sah, wie Hans einige Bilder in Willys unterster Schreibtischschublade betrachtete. Entweder hatte er etwas gesucht, oder er wollte ein paar persönliche Büroartikel dort ablegen und war dabei zufällig auf die Fotos gestoßen, die ihm Hans vor Jahren und vor seiner überstürzten Flucht anvertraut hatte. Er weigerte sich sie wegzuwerfen und mitzunehmen wagte er nicht. In Gedanken versunken hielt er gerade die Aufnahme in der Hand, auf der Alina die fünfjährige Emma auf dem Schoß sitzen hatte. Hans hatte ihm das Foto mit anderen sehr persönlichen Gegenständen übergeben, als er Alinas Leiche vorbeibrachte, die Willy heimlich und ohne Aufsehen zu erwecken bestatten sollte, bevor er sich mit unbekanntem Ziel in die Schweiz abgesetzt hatte.
„Ei guude Morsche “[Fußnote 15] , sollte Hans auf andere Gedanken bringen und Hans gab Willy das Bild und murmelte, „irgendetwas klickt in mir, wenn ich das Bild anschaue. Aber ich fasse es nicht!“, sagte Hans.
Willy betrachtete seinerseits das Foto, welches er, wie die anderen Bilder auch, immer unter Verschluss gehalten hatte. Eine strahlende Alina, in einem hübschen, hellroten Sommerkleid mit Spaghetti Trägern und tiefem Ausschnitt, das so perfekt zu ihrem dunklen Teint und den schwarzen Haaren kontrastierte. Um den Hals trug sie das einzige Schmuckstück aus ihrer Zeit vor Hans und das goldene Kreuz leuchtete auf der dunklen Haut. Emma lachte ebenfalls fröhlich in die Kamera und zu Hans dem Mann am Auslöser.
„Ich würde das Bild gerne später mitnehmen“ sagte Hans mit rauer Kehle und Willy nickte.
„Ich habe es ja nur für dich aufbewahrt.“
Hans stellt das Bild auf den Schreibtisch zurück, denn jetzt muss er es nicht mehr verstecken.
Dann fragte Willy, was er tun könnte, um bei diesen dämlichen Geldautomateneinbrüchen endlich einmal weiterzukommen?
Sie standen grübelnd vor Willys Wanderkarte für den Odenwald, auf der er alle bisherigen Überfälle mit Datum und Uhrzeit und Ausführungsdetails mit schwarzem Filzstift erfasst hatte. Man konnte kein Schema erkennen, außer dass die bekannten Fälle alle in Südhessen stattfanden und mit schöner Regelmäßigkeit zum Ultimo, wenn die Bargeldbestände hoch waren. Das Arbeitsmuster war immer gleich, und bis auf den letzten Überfall war die Bande bei ihrer Einbruchserie absolut effektiv und erfolgreich unterwegs.
Sie grübelten eine Weile, was bei der Suche nach den Fluchtautos der Bande weiterhelfen würde, und Willy bezweifelte, dass es sich um simple Privatfahrzeuge handeln könnte.
„Ich denke, das muss jemand sein, der frei über Autos verfügen und sie wahrscheinlich nach der Tat gleich wieder entsorgen kann. Niemand wäre so verrückt, Privatautos einzusetzen und mehrfach zu nutzen. Gestohlen gemeldet wurde nichts zur fraglichen Zeit. Abgesehen davon, hätte die Bande das entwendete Fahrzeug sicherlich sofort nach der Tat irgendwo stehen gelassen oder abgefackelt, um Spuren zu vernichten“, sinnierte Willy und Hans nickte.
„Vielleicht sollten wir Autoverleiher oder Autohändler mal unter die Lupe nehmen“, rätselte Hans, ohne davon überzeugt zu sein.
„Ich werde mir dann halt zum wiederholten Mal die Überwachungskameras der Umgebung vornehmen“, erklärte Willy, und machte er sich auf den Weg, um so schnell wie möglich die Videos an Tankstellen und im betroffenen Markt auszuwerten.
Aber es war so verhext wie bei den früheren Fällen. Sie checkten im fraglichen Zeitraum der Flucht alle verfügbaren Videoaufzeichnungen mit Schwerpunkt bei Tankstellen, die unglücklicherweise im ländlichen Bereich nachts geschlossen und unbesetzt waren. Weder dort noch bei dem betroffenen Einkaufsmarkt oder anderen im Umfeld verfügbaren Überwachungskameras ließen sich geringste Hinweise auf ein Fluchtfahrzeug oder eine Ähnlichkeit mit früheren Vorgängen erkennen. Er bat im Markt um Kopien der Aufzeichnungen über den gesamten Tag und die Wochen davor. Sie hofften auf irgendeine Auffälligkeit, ein verdächtiges Auto, das den Parkplatz mehrfach angefahren hatte oder Ähnliches.
Gegen 16:00 Uhr kam er mit leeren Händen in sein Büro zurück und kurz danach hörte man helles Lachen die Treppe herauf hüpfen, und Steffi und Emma haben ihre etwas verlängerte Vormittagsschicht im Gesundheitsamt hinter sich.
Sie wollen den Chefs bei den Ermittlungen helfen und Steffi entdeckt natürlich als Erstes das Foto auf Willys Schreibtisch.
„Ach wie süß, das muss Emma sein, als sie noch klein war. Und das ist ihre Mama?“, ruft Steffi erschrocken und neugierig zugleich, denn sie hat die Dame, die ihr den Hans ausgespannt hat, ja bisher niemals zu Gesicht bekommen.
„Oh mein Gott“, sagt Emma und ist sprachlos, denn Papa hatte in der Schweiz weder Familienfotos noch sonst irgendwelche Erinnerungen. Er müsste sehr vorsichtig sein nach dem Verschwinden ihrer Mama, hatte er immer betont, und ihr zwar jede Menge erzählt, aber ein Bild ihrer Mama sah sie jetzt zum ersten Mal. Sie betrachtete es lange und nachdenklich.
„Mama lacht auf dem Bild, aber es ist ein freudloses Lächeln“, stellte sie fest und Hans bewundert ihre Beobachtungsgabe. Er sieht im Geiste das Bild vor sich und wie angespannt Alina war, als er den Selbstauslöser des Fotoapparates für das Vater-Mutter-Tochter-Bild betätigte.
„Das Foto habe ich geschossen, wenige Wochen bevor sie so plötzlich verschwand, aber darüber werde ich euch mehr in einer ruhigen Minute erzählen. Das wird uns beide viel Kraft kosten“, tröstet Hans seine Tochter und Steffi lenkt sie ab, indem sie erzählt, was sie den Tag über alles erlebt haben.
Obwohl sich Steffi fast die Zunge abbeißen musste, um nicht herauszuschreien, dass es auch sie viel Kraft kosten würde, wenn Hans sie miteinbeziehen würde in diesen für beide so wichtigen Lebensabschnitt.
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