Die Sonne stand schon relativ hoch am Himmel über Michelstadt an einem Tag, der sommerlich warm zu werden versprach, als Willy Hamplmaier zu seinem Stammcafé „Frühstücksträume“ schlenderte, am alten Rathaus und dem auf Elfenbeinarbeiten spezialisierten Souvenirladen vorbei in Richtung Obere Pfarrgasse.
Er setzte sich an sein gewohntes Tischchen neben dem Eingang, erwiderte die freundliche Begrüßung, die ihm als Frühstücksstammgast zustand, und bestellte das übliche Landfrühstück. Mit dem Kaffeekännchen kam auch die Zeitung und er überflog gelassen die regionalen Neuigkeiten, die das Leben im Odenwald so abwechslungsreich gestalteten. Bis er unter der Rubrik „Lautertal“ tatsächlich etwas Aufregendes entdeckte.
„Heiliges Kanonenrohr“, fluchte Willy. Sein Frühstücksbrötchen kauend las er den Beitrag im „Odenwälder Boten“ über einen erneuten Versuch, einen Geldautomaten im Ortsteil Lautern auszurauben. Diesmal betraf es den Automaten in einem Einkaufszentrum, welcher von den Einbrechern erfolglos gesprengt worden war. Erfolglos deshalb, weil es den Tätern zwar gelungen war, den oberen Teil des Automaten völlig zu zerstören, aber sie hatten es nicht geschafft an die Geldkassette im unteren Teil des Gerätes zu gelangen. Sie wussten jedenfalls, dass die Kasse an den Wochenenden zu Monatsbeginn voller gefüllt war, um die dann übliche Einkaufswelle mit Bargeld zu versorgen. Im Odenwald war ‚Bares-ist-Wahres‘ die bessere Alternative zu Kreditkarten und Plastikgeld, wie es abfällig genannt wurde. Und gerade in Coronazeiten waren die Einkaufszentren trotz Abstandsregeln und Maskenpflicht gut besucht, weil die übrigen Geschäfte geschlossen blieben. Wie üblich fehlte von den Tätern jede Spur, und es gab keine Zeugen, die den Überfall um 04:00 Uhr früh bemerkt hatten. Ein Fluchtfahrzeug war ebenfalls nicht zu ermitteln.
Der Zeitungsbericht passte perfekt in den Auftrag, den ihm zwei regionale Banken gegeben hatten, weil die Polizei trotz intensiver Nachforschung zu den vier erfolgreichen Überfällen in abgelegenen Bankfilialen in den letzten sechs Monaten noch immer keine heiße Spur hatte. Allerdings musste sich Willy eingestehen, dass auch seine Bemühungen bisher ergebnislos verlaufen waren.
Er nahm einen ordentlichen Schluck Kaffee und las den Artikel in Ruhe nochmals durch, dann frühstückte er seelenruhig zu Ende, bevor er auf dem Handy seinen Freund Manfred Dingeldein anrief, um ihn nach eventuellen Hinweisen zu fragen. Der KHK im Segment Gewaltverbrechen und Einbrüche und war seit seinem Eintritt bei der Polizei in der Polizeidirektion Erbach tätig. Willy hatte sein freundschaftliches Verhältnis zu Manfred seit der Schulzeit bewahrt. Er war wie Manfred nach der mittleren Reife in den Polizeidienst eingetreten, wobei er sich immer schon für die Drogenkriminalität interessierte, weshalb es ihn auch nach Frankfurt zum Drogendezernat der dortigen Kripo verschlug. Vor nunmehr fast dreizehn Jahren quittierte er den Dienst, ungern wie er später zugab, um das elterliche Bestattungsunternehmen zu übernehmen. Ab und zu tauschten Willy und Manfred hilfreiche Informationen aus, ohne ihren Berufskodex zu arg zu strapazieren. Der Stammtisch „Lebensfreude“ hielt die beiden Witwer zusammen.
Das Unternehmen, das er ungefragt und ungewollt von seinen Eltern geerbt hatte, plätscherte so dahin, und es lief erst besser, seit die Corona Pandemie ihre Opfer in den umliegenden Pflegeheimen fand und bei ihm ablud.
Profitabel war das Bestatter Geschäft trotzdem nur bedingt, also hatte er aus der Not eine Tugend gemacht und kümmerte sich um die beliebten ‚Flannerts‘[Fußnote 14] . Jeder ordentliche ‚Ourewäller‘ organisierte sein ‚Flannerts‘ rechtzeitig für seinen Tod, um seinen Angehörigen und Freunden in feuchtfröhlicher Trauerstimmung die Gelegenheit zu geben, sich nachhaltig von ihm zu verabschieden und ihn zu würdigen. Diese ‚Flannerts‘ waren so ganz nebenbei auch wichtige Elemente der lokalen Gerüchteküche und fütterten wegen der Missachtung aller AHA-Regeln durch die Trauernden gleichzeitig auch die gerade hochlaufende Corona Welle, was wiederum Willys Bestatter Geschäft ankurbelte.
Neben dieser semi-besinnlichen Tätigkeit hatte er sich über die Jahre und ausgelöst durch ein paar ungeklärte Todesfälle, die bei ihm zur Einäscherung gelandet waren, einen Namen als privater Ermittler aufgebaut. Es war ihm bereits mehrfach gelungen, wohlmeinenden Totenscheinen die Erkenntnis einer Fremdeinwirkung entgegenzustellen, was ihm den Respekt seines Kumpels und dessen Kollegen von der Polizeidirektion Erbach einbrachte. Er nahm nicht jeden Fall an und leistete sich den Luxus, wählerisch zu sein. Er nahm nur Fälle an, die zu ihm passten. Sie durften nicht zu langweilig und sollten ausgewogen spannend sein, ohne eine übermäßige Adrenalinausschüttung hervorzurufen. Meistens handelte es sich um Einbruchsdiebstähle, und ab und zu wurde es interessant, wenn er untreuen Ehepartnern hinterherspionieren durfte. Das waren dann später Geschichten, die man gerne bei den Flannerts zum Besten gab.
Aktuell war die Ermittlung in Sachen Geldautomat-Einbrüche im südhessischen Raum mit dem Schwerpunkt Reichelsheim und Fürth sein größter Auftrag, und der war fast schon wieder zu komplex für ihn. Und sein Unterhaltungswert ließ auch zu wünschen übrig. Deshalb war Willy richtig dankbar, dass sich sein Sohn nach langem Zureden nun doch entschieden hatte, ihn als privater Ermittler bei den trockenen Fällen zu unterstützen. Dem Junior schwebte vor, sich auf Versicherungsfälle zu spezialisieren, denn dort fühlte er sich kompetent aufgestellt, und da passte der Auftrag gut in sein Profil, denn die Sparkassen waren alle gegen Einbruchsdiebstahle hoch versichert.
Willy hatte seinen Sohn vor Jahren über seine Beziehungen, sprich seinen Polizeikollegen bei der Drogenfahndung in Frankfurt eingeführt, und er hatte auch gelegentlich mit ihm Fälle bearbeitet. Nach einem traumatischen Erlebnis im Zusammenhang mit einem großen Drogenfund und den damit verbundenen Ermittlungen im Milieu des Rauschgiftschmuggels, hatte der Sohn hingeschmissen. Als Selbständiger für große Versicherungen in der Schweiz hatte sich Hans Hämmerle, wie er sich nach seiner Flucht nannte, bei der Aufdeckung diverser Versicherungsbetrügereien einen Namen gemacht.
Willy trank den letzten Schluck seines Frühstückskaffees und wählte die bekannte Nummer im Kommissariat. Wie er schon befürchtet hatte, brachte ihn das Telefonat keinen Millimeter weiter, da sein Freund Manfred und seine Mannen im vertrauten Dunkel tappten.
Er bezahlte sein Frühstück und machte sich auf den Weg in sein Büro in der Erbacher Straße gerade gegenüber dem Gymnasium von Michelstadt, und grüßte die Leute, die er traf und fast alle kannte.
Es würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als sich selbst auf den Weg zu machen, um wieder einmal die Videokameras von Tankstellen, Supermärkten und öffentlichen Plätzen der näheren und weiteren Umgebung zu checken. Er nahm sich ebenfalls vor, Georg Jährling anzurufen. Er musste sich sowieso erkundigen, wie es dem Freund nach seinem Überfall durch zwei bisher nicht identifizierte Schläger ging.
Wie die meisten hier kannte er Georg seit vielen Jahren, der zufällig mit seinem Sohn Hans die Schulbank gedrückt hatte, als einen freiberuflichen Journalisten, der sich nach einigen heftigen Erlebnissen eher vorsichtig investigativ im kriminellen Milieu bewegte. Kriminalfälle waren sein Lebenselixier, das er als Investigativreporter kompetent und mit einer guten Spürnase ausfüllte. Vielleicht hatte Georg ein paar Erkenntnisse zu dem Einbruch für ihn, die ihm nutzen konnten. Er würde ihn im Gegenzug über Themen informieren, die von öffentlichem Interesse waren.
Davor rief er Steffi Schwaiger an, seine junge, wilde Assistentin 2.0, die ihm gelegentlich bei Recherchen aushalf, und die so unübertroffen fix war, wenn es um Computer und Online-Recherche ging. Sie war ein bisschen flippig, aber ihr offenes Wesen basierte auf einer inneren Stärke und Ausgewogenheit, die ihm ebenso gut gefielen, wie ihre Energie, mit der sie sich in seine Aufträge stürzte.
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