Die Mutter begab sich in die Küche und überließ Evi die Beseitigung ihrer Krümeleien. Evi hoffte, weitere Krümelchen mit Augen in dem Haufen zu finden. Doch so sehr sie auch ihre Augen anstrengte, sie fand keines mehr.
Ehe Evi noch zurück zum Krümelchen in ihrem Zimmer gehen konnte, rief die Mutter zum Abendbrot. Evi aß schnell und beantwortete alle Fragen ihrer Eltern so, dass daraus keine Nachfragen oder Diskussionen entstehen würden. Sie wollte zurück in ihr Zimmer zu ihrem kleinen Geheimnis. Sie war sich darüber absolut im Klaren, dass sie ihren Eltern nichts von dem Krümel erzählen konnte. Sie würden von zu viel Fantasie sprechen und sie ermahnen, lieber ihre Hausaufgaben zu machen und zu lernen, statt sich Geschichten von Krümeln auszudenken.
Als sie fertig war, gab sie vor, gerade ein spannendes Buch zu lesen und sagte ihren Eltern Gute Nacht.
Zurück in ihrem Zimmer stürzte Evi zum Schreibtisch. Sie konnte den Krümel nicht entdecken. Vorsichtig schaute sie zwischen all den Sachen nach, die auf dem Schreibtisch lagen. Schließlich fand sie den Krümel, eingeklemmt zwischen einem Buch und dem Lineal. Ein Bröckchen von ihm war abgebrochen und die kleinen Augen schauten Evi traurig an.
Evi war nun klar, dass das Leben solch kleiner und zerbrechlicher Geschöpfe nicht von langer Dauer sein konnte. Überall lauerten Gefahren, die dem Leben des Kleinen ein schnelles Ende setzen konnten.
Sie baute dem Krümelchen ein kleines Nest aus Stoff, in dessen Mitte sie ein wenig Watte tat und setzte den Krümel hinein. „Ich werden von nun an besser auf dich aufpassen“, sagte sie und schaute dem inzwischen wieder fröhlich dreinschauenden Krümel dabei zu, wie er sich von den feinen Fäden der Watte kitzeln ließ.
LeMürk der III., einer der Enkel des legendären LeMürk, dem Erfinder der Apparatur, die Krümel zum Leben erweckt, suchte seit Stunden einen seiner Krümel.
Femo1a war nicht das erste Mal weggelaufen, obwohl LeMürk seinen Krümeln jeden Morgen liebevoll erklärte, dass sie ihr Zuhause zwischen den Mauern eines vierstöckigen Hauses nicht verlassen sollten, da dies lebensgefährlich für sie sei.
Es war März und Femo1a hatte schon 36 solcher Ermahnungen gehört und war doch schon achtmal auf Entdeckungsreise gegangen. Dieser kleine Kerl übertraf seine ohnehin neugierigen und verspielten kleinen Gesellen um Einiges. Er war so gierig nach Neuem, dass er alle Warnungen und Gefahren vergaß. Einmal hatte er sich sogar einem Staubsauger entgegengestellt, weil er es so faszinierend fand, wie die verschiedenen Dinge ins Dunkel hineingesogen werden. LeMürk konnte ihn gerade noch ergreifen und sich mit höchster Kraftanstrengung an eine Teppichschlinge krallen, bis der Sog vorbei war.
Dies war das neunte Mal, dass LeMürk Femo1a suchen musste.
Schon seit einiger Zeit war der Herr der Krümel in der 12. Generation dazu übergegangen, seine Krümel nach Monat und Wochentag zu benennen.
‚Fe’ für den Monat Februar, ‚mo’ für Montag, ‚1’ für den ersten Montag des Monats und ‚a’ für den ersten Krümel, der aus dem Kessel kam.
Le Muerk der III. wohnte mit seiner Frau Xilia und seinen vier Kindern in einem vierstöckigen Großstadthaus. Die Erbauer des Hauses hatten wohl nicht so gut geplant, denn sie hatten großzügige Hohlräume zwischen den Wohnungen der Menschen entstehen lassen. Wer weiß, vielleicht hatte auch einer der kleinen Völker ein bisschen nachgeholfen und die Baupläne entsprechend geändert. LeMürk hatte schon von solchen Fällen gehört.
Nun, jedenfalls waren die versteckt liegenden Räume ideal für eine Familie der Abstammung des großen LeMürk.
So war LeMürk mit seiner gerade frisch angetrauten Frau Xilia hier eingezogen. Sie hatten Wohnung und Labor eingerichtet und Kinder bekommen.
Der Tradition folgend, erweckten sie täglich mit der Technologie ihres Urahnen Krümel zum Leben und erfreuten sich an ihrer Arbeit.
Drei der vier Kinder der beiden Krümelerwecker waren bereits in einem Alter, in dem LeMürk beginnen konnte sie in die Kunst des Krümelerweckens einzuweisen.
Dazu gehörte zuerst die Verantwortung für die kleinen Gesellen zu übernehmen, mit denen sie, als sie noch jünger waren, nur gespielt hatten.
LeMürk bildete eine Einsatztruppe zu der er selbst, sein ältester Sohn Lemuck, sein zweitältester Sohn Lemack und seiner Tochter Lele gehörte.
Sie trainierten jeden Tag ein bis zwei Stunden mit Krafttraining, Ausdauertraining, Seilklettern, Rettungsgriffe.
Als Jugendlicher hatte LeMürk der III. sehr oft bei seiner menschlichen Gastfamilie heimlich das abendliche Fernsehprogramm durch ein unverschlossenes Loch in der Wohnzimmerwand beobachten können.
Das Loch war so dicht an einem dort aufgehängten Gemälde, dass es die Menschen wohl nicht mehr gesehen hatten.
LeMürk der III. hatte sich besonders für Filme begeistern können, in denen ein organisiertes Training erfolgreiche Missionen nach sich zogen. Er machte sich Notizen und arbeitete bereits damals einen auf kleine Wesen und deren Bedarf angepassten Trainingsplan aus. Er konnte seine Kinder dafür begeistern und begann mit dem Training, als die Kinder begriffen hatten, dass sie eine wichtige Aufgabe mit dem Schutz der Krümel zu übernehmen hatten.
LeMürk war stets der Erste, der am Morgen erwachte. Nach dem Waschen und Zähneputzen galt sein erster Blick den Krümelchen.
Für sie war der schönste Raum Wohnung der LeMürks reserviert, denn sie brauchten Platz, Platz zum Spielen, Forschen und Turnen.
Als LeMürk die Tür zum Krümelcenter, so nannte er den Raum der Krümel, öffnete, fiel sein Blick zunächst auf das den Raum völlig ausfüllende Klettergerüst mit zahlreichen Stangen und Leitern und auf die Seilbahn, die in der Mitte des Gerüstes zwischen zwei der obersten Stangen gespannt war.
Es herrschte reger Betrieb im Center. Kekskrümel schwangen an Stangen, einige Körner quetschten mit einem Käsekrümel in einem Seilbahnkörbchen und sausten gerade hinab, auf den Watteberg zu, in dem sich drei Haare rauften. Auf der eigens für die Körner vorgesehenen Kugelbahn rollten Dezdi2b und Dezdi3a um die Wette. Das Pfefferkorn und das etwas kleinwüchsige Pimentkorn waren unzertrennlich, seit sie sich im Krümelcenter das erste Mal getroffen hatten.
Einige Krümel hingen in einem der Bonsaibäumchen, die LeMürk ihnen in das Center gestellt hatte. Sie schwangen sich gern von Ast zu Ast.
,Wie kleine Affen‘, dachte LeMürk lächelnd und schwang die kleine Glocke neben der Tür. Er teilte so den Krümeln seine Anwesenheit mit.
Als sie den Ton der Glocke hörten, überstürzten sich die kleinen Gesellen, um zum Meister zu kommen. Sie reihten sich, wie er es ihnen beigebracht hatte, zum Morgenappell auf. Hüpfend, rollend und schubsend, bildeten sie eine Reihe nach der anderen und schließlich standen sie still, um auf die Zählung zu warten.
53 Krümel müssen es sein. LeMürk rief sich kurz sein Experimententagebuch in das Gedächtnis, in das er jeden zum Leben erweckten Krümel eintrug. Dort standen auch die Krümel, die aufgrund von Unvorsichtigkeiten ihr Leben wieder verloren hatten.
LeMürk zählte seine Käse-, Brot-, Kekskrümel, seine verschiedenen Gewürzkörner, seine beiden Blattkrümel, seinen einen Mäusekot, einen Stofffussel, etliche Haare, eine Tannennadel und das kleine vertrocknete Stück Pommes Frites, welches er zuletzt zum Leben erweckt hatte und kam auf 52 Krümel. Eines fehlte. Eine erneute Zählung erbrachte kein besseres Resultat. LeMürk schaute besorgt auf seine kleine Mannschaft und sagte: „Guten Morgen meine kleinen Krümel.“
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