Wie froh war er dann jedes Mal, wenn er zurück in seiner kleinen Experimentierwerkstatt war, die sich nicht allzu weit von der Menschlichen Wohnung in einer Lücke im Mauerwerk befand.
(Bemerkung der Autorin: Nicht jedes Loch im Mauerwerk wird von einer Maus bewohnt und nicht jedes Loch im Mauerwerk wird von einem Wissenschaftler der kleinen Völker genutzt. Hier lassen sich keine Gesetzmäßigkeiten ableiten, die eine systematische Suche nach kleinen Lebewesen rechtfertigen würden.)
„Nun spielt weiter“, sagte LeMürk und machte mit den Armen eine Husch-Husch- Bewegung. Doch die Krümlinge bewegten sich nicht. Sie schauten ihn weiter mit großen Augen an.
LeMürk schaute zurück, wunderte sich und verstand plötzlich: Er sollte mit ihnen spielen.
„Ok, versteckt euch!“, rief er und drehte sich zur Wand um zu zeigen, dass er nicht sehen konnte, welche Verstecke sie sich aussuchen würden. Die Krümel verschwanden in alle Richtungen und verbargen sich vor den Augen des Meisters.
Es dauerte eine Zeit, bis LeMürk sie alle gefunden und liebevoll in eine große flache Schüssel eingesammelt hatte.
Dann stellte er leise Musik ein und beobachtete seine Krümlinge beim Tanz nach der Musik. Er setzte sich mit samt dem Teller auf seinen Schaukelstuhl und schlief ein.
So in etwa muss sich der erste Tag im Leben der kleinen Krümlinge und der große Tag des Meisters LeMürk zugetragen haben.
Am Tag zwei jener Ereignisse erwachte LeMürk plötzlich in seinem Schaukelstuhl. Etwas hatte ihn geweckt. Auf dem Boden lag ein Teller. Warum? LeMürk erinnerte sich schlagartig an die Ereignisse des Vortages.
Er erhob sich schwerfällig und noch sehr müde aus seinem Stuhl und schaute sich um. Wo waren seine Krümlinge ?
Aber so sehr er sich mit seinen noch sehr kleinen Augen bemühte einen der Kleinen zu entdecken, fand er keinen einzigen Krümel.
„Hey, Krümelchen, wo seid Ihr“, rief er nun besorgt. Hatte er die Sache mit den lebendigen Krümeln nur geträumt? Aber es war so real gewesen und wieso hatte er dann einen Teller in der Hand gehabt, der ihm im Schlaf aus der Hand gerutscht war?
Plötzlich hörte er ein dünnes Rascheln. Es kam von seinen Aufzeichnungen. Sein Blick traf das Blattstückchen, dass sich zwischen seine Papierblätter gelegt hatte und verzückt mit ihnen kuschelte. Erleichtert, einen der Krümel gefunden und nicht geträumt zu haben, ging LeMürk auf den Blattkrümel zu und fragte: „Wo sind die Anderen?“
Der Blattkrümel schaute ihn kurz an, rannte dann zum Rand des Tisches und ließ sich jauchzend von ihm heruntersegeln. Er landete ein wenig unbeholfen auf dem Boden und lief dann für seine Verhältnisse recht schnell auf die Öffnung zu, die LeMürk nutzte, um in die Welt der Menschen zu gelangen.
'Ach du meine Güte!', dachte er und folgte dem Blattkrümel aus dem Labor in das Wohnzimmer der Menschen. Vorsichtig lugte er um die Ecke, wie er es immer tat, um festzustellen, ob die Luft rein von Menschen war.
Da drang ihm der Schreck durch die Glieder. Die Menschenfrau war, bei einer der für kleine Wesen gefährlichsten Tätigkeiten, beim Saubermachen. Gerade hatte sie allerlei interessante Krümelobjekte auf eine Schaufel gekehrt und entsorgte deren Inhalt in einem Mülleimer. Das Herz blieb LeMürk fast stehen: „Hatte sie einen der Kleinen erwischt?“
Ein Schrei blieb ihm im Hals stecken. Er konnte jetzt nicht nach ihnen rufen. Zumindest ein Wispern würde die Menschenfrau hören.
Doch was er dann sah, zwang ihn mühevoll ein lautes Lachen zu verbergen. Sobald die Frau zum Mülleimer gegangen war, liefen Pfefferkorn, Brotkrümel, Zellstofffussel und Haare an jene Stelle, die soeben blitzsauber gewesen war, duckten sich und stellten sich leblos.
Die Menschenfrau wollte sich gerade einer neuen Tätigkeit zuwenden und entdeckte unsere frechen Krümlinge. Sie schaute verdutzt und fing an zu zetern. Wutentbrannt wandte sie sich ab, um erneut zur Müllschippe zu greifen.
Da sah LeMürk die Krümlinge lachen. Das Pfefferkorn kugelte sich vor Spaß mit den Beinchen nach oben. Die Haare vollführten komplizierte Krümmungen, womit sie offensichtlich ihre Freude zum Ausdruck brachten und das Fusselchen zum Abheben.
Was die Frau nervte, belustige die Krümelchen ungeheuer.
Doch, oh Schreck, nun kehrte die Frau die frechen Krümlinge, die immer noch lachten auf ihre Schaufel.
,Nun, ist alles zu spät‘, dachte LeMürk, aber er irrte. Die Kleinen sprangen noch während des Weges zum Eimer ab und versteckten sich geschwind in einer Möbelritze.
Die Frau war inzwischen mit ihrem Reinigungsprozess zufrieden und verließ den Raum.
LeMürk nutzte die Gelegenheit und rief leise: „Krümel, zu mir!“ Noch immer glucksend und kichernd kamen die Schützlinge zu ihm in den sicheren Bereich hinter dem Durchgang.
LeMürk ließ es zu, dass sie auf ihn krabbelten und sich an ihn hängten. Doch wo war der Käsekrümel?
LeMürk sog die Luft ein und versuchte, ob er ihn nach Geruch finden würde. Doch es roch nur nach dem Reinigungsmittel, das die Frau genutzt hatte.
Der Meister brachte seine geretteten Krümel zurück in das Labor und wies sie an dort zu bleiben. Dann ging er zurück in das gefährliche Terrain der Wohnung, um Käsekrümel zu suchen.
Nach einiger Zeit fand er ihn. Er steckte in einer Möbelspalte fest. Seine Augen waren bereits ganz klein, die Arme und Beinchen eingetrocknet. Es lag im Sterben.
Schockiert befreite er das nun nicht mehr riechende Krümelchen aus seiner Falle und trug es auf seiner Hand vorsichtig zurück in die Sicherheit des Labors.

Er legte es sanft in die flache Schüssel und beobachtete, wie die anderen Krümelchen den Käsekrümel umringten. Beim Anblick des sterbenden Artgenossen wurden sie traurig. Sie verloren selbst an Farbe. Die Arme und Beine wurden dünner und begannen zu verdorren.
LeMürk verstand: Trauer, Einsamkeit und Langeweile ließen die Krümlinge sterben. Behutsam nahm er den Käsekrümel und steckte ihn wieder in den Experimentierbehälter seiner Apparatur. Dann stellte er für den Rest der traurigen Mannschaft einen Wiener Walzer an und drehte die Schüssel im Takt. Die Krümlinge vergaßen ihre Not und begannen zu tanzen.
Als LeMürk sicher war, dass alle wieder fröhlich waren, suchte er weitere drei Käsekrümel aus seinem Artefaktvorrat, steckte sie ebenfalls in den Experimentierbehälter und erweckte sie gemeinsam mit seinem kleinen fettigen Freund zum Leben.
LeMürk hatte nun ständig damit zu tun, seine Schützlinge fröhlich zu halten. Das gelang nur, wenn er selbst fröhlich war. Mit der Zeit stellte er fest, dass ihm das Fröhliche nach der langen Zeit der einsamen Forschung sehr sehr gut tat. Er spielte und lachte und war ein fröhliches Wesen, bis auf die wenigen Momente, in denen er wieder einen seiner Krümlinge leblos auflesen musste.
Eines Tages stellte LeMürk fest, dass ihm etwas Wichtiges fehlte. Dieses Fehlen machte ihn immer wieder besinnlich und schränkten seine Fähigkeit zur uneingeschränkten Freude ein.
Es dauerte eine ganze Zeit, ehe er erkannte, was es war, dass ihm fehlte. Doch irgendwann traf ihn der Blitz der Erkenntnis. Er brauchte eine Partnerin. Sie würde mit ihm und den Krümlingen fröhlich sein und wer weiß, vielleicht würden sie Kinder haben.
Doch wie sollte LeMürk eine Frau finden? Er hatte in den vielen Jahren seiner Forschung nicht ein Wesen seiner Art getroffen. Klar, er war ja auch nicht einmal hinausgegangen, hatte immer nur in seinem Labor gehaust und nur zweckbezogene Exkursionen in die Welt der Menschen unternommen.
LeMürk beschloss eine weitere Exkursion dorthin zu unternehmen, dieses Mal mit dem Ziel, andere kleine Wesen zu finden.
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