Ich konnte trotz des Befundes meine Therapie bei Christoph beginnen. Zum Glück, denn heute weiß ich, dass die Therapie sehr wichtig für mich ist. Inwiefern?
In der Therapie finde ich wieder neue Lösungsansätze für alltägliche Probleme. Ich habe mich über die Jahre hinweg selbst besser kennen gelernt. Es ist ein zwischenmenschlicher Austausch für mich und mein Kontakt zu anderen Mitmenschen. Und es ist eine Art Übungsfeld in der Kommunikation mit anderen Menschen. Es ist mir in der Therapie möglich, nicht erlernte soziale Kompetenzen nachzuholen.
Ich möchte anmerken, dass jede*r, der*die solche Tests anbietet, sie auf eine andere Art und Weise macht. Das kommt auf die Ausbildung und Haltung der testenden Person und auch auf die Persönlichkeit der Klient*innen an.
Humor in der Psychotherapie
Lachen ist gesund ...
Ich selbst habe einen sehr schwarzen Humor.
Es gibt ein Thema, das mein Vater nach einer Psychotherapie-Sitzung oft anspricht: Warum er mich so oft im Therapieraum lachen hört. Für ihn passt das in seiner Vorstellung nicht zusammen. Und auch in den Psychiatrien, in denen ich war, ist Lachen nicht an der Tagesordnung. Es geht sogar so weit, dass man in der einen oder anderen Psychiatrie schnell entlassen wird, wenn man zu oft mit anderen Patienten lacht.
Doch für mich steht Depression und Lachen nicht im Widerspruch. Oft geht es mir sehr schlecht und in manchen Gesprächen lache ich trotzdem. Lachen tut gut. Durch Lachen werden Glückshormone ausgeschüttet und das sollte doch gut für Menschen wie mich sein. Mir geht es danach oft aber nicht besser. Lachen hilft meiner Meinung nach auch nicht immer. Es gibt Stimmungslagen und Momente, wo Lachen einfach nichts bringt.
Ich muss zugeben, man lacht oder lächelt oft für die Umgebung und Mitmenschen, obwohl einem nicht zum Lachen zumute ist. Es gibt aber auch Momente, in denen man dennoch lacht oder lächelt. Die glückliche Empfindung zum Lachen fehlt einfach und trotzdem lacht man. Nicht nur aus Höflichkeit, sondern auch oft aus Reflex. Der Mensch lacht bei Unsicherheit. Das tut er nicht bewusst. Es ist ein Reflex.
In der Therapie lachen wir auch über sehr ernsthafte Themen. Oder wenn man sich länger mal nichts zu sagen traut. Ich finde es wichtig, eine Therapiestunde mit einem positiven Thema zu beenden. Da gehört es für mich auch oft dazu, mal herzhaft zu lachen.
Natürlich endet nicht jede Stunde so positiv. Auch ich weine des Öfteren, ob in der Therapie, Zuhause oder in der Psychiatrie. Wenn man sich gerade in einer Krisensituation befindet, die oft länger anhalten kann als man glaubt, ist auch mir manchmal tagelang nicht zum Lachen zumute. Auch das ist in der Depression oder auch im normalen Leben ganz natürlich. Man kann nicht jeden Tag lachen.
Doch ich finde es traurig, dass man aus Therapiegruppen oder Psychiatrien geschmissen wird, wenn man lacht. Denn auch Lachen ist nicht immer ein Zeichen dafür, dass es einem super geht.
Ich kenne zum Beispiel die Übung, dass man sich vor den Spiegel stellt und grinst oder Grimassen schneidet. Das soll man gerade dann tun, wenn es einem nicht gut geht. Dann kann sich dieses Lachen in ein echtes verwandeln oder eine positivere Grundstimmung auslösen.
Mir hat mein schwarzer Humor oft geholfen. Ich würde sogar sagen, dass er mir öfter das Leben rettet. Denn Humor ist, wenn man trotzdem lacht.
Einzelne Erfahrungen mit Mauer
Bei meinem ersten Aufenthalt in Mauer war ich in der Kinder-Jugendpsychiatrie. Zu diesem Zeitpunkt war ich schwer depressiv und hatte Selbstmordgedanken. Sie legten mich zusammen mit einem jungen Mädchen in den Beobachtungsraum im 1.Stock. Nach einigen Wochen vergaßen die Betreuer uns einfach eines Nachmittags nach der Mittagspause. Zwei 16-jährige Mädchen mit Borderline-Störung und schwer suizidal zwei Stunden einfach vergessen, nicht beachtet und dann nicht einmal entschuldigt.
Eine weitere Situation hatte ich auf Pavillon 17 mit einem Stationsleiter. Bei einer damaligen vom Oberarzt angeleiteten Gruppentherapie sprach ich bei einer Visite den Oberarzt persönlich über den Hintergrund der Behandlung an. Nichts Böses ahnend brachte ich ihn mit meiner einfachen Frage so in Rage, dass er die Hand hob und mir fast ins Gesicht geschlagen hätte. Auf diese Reaktion hatte ich einen Nervenzusammenbruch. An diesem Tag rief ich meine Eltern an mit dem Wunsch, mich sofort nach Hause zu holen. Die Angst war so groß, dass ich die Therapie abbrechen musste.
Eines der letzten Ereignisse war im Alter von 20 Jahren um Ostern herum. Die Stationen waren sehr ausgelastet, doch ich bekam einen Notfallplatz. Sie nahmen mich in der Frauenakut-Station für drei Tage auf. In dieser Zeit gaben sie mir so viel Xanor, dass ich im Sitzen schlief, mich aber nicht ins Bett legen durfte. Gefühlt alle zehn Minuten sprach mich jemand an, damit ich nicht einschlief. Das kam mir einer Folter gleich und für das Personal war ich Luft. Drei Tage später warf mich die Leitung genau so, falls nicht schlimmer, instabil und unter starkem Medikamenteneinfluss, hinaus.
Das ist ein Bruchteil von den Erlebnissen, die ich in Mauer erfahren musste. Ihr könnt euch vorstellen, dass ich mit Mauer keine guten Erinnerungen verbinde. Da ich im Rollstuhl sitze, ist eine stationäre Aufnahme in Mauer mittlerweile kaum mehr möglich und ich würde es mir auch nicht wünschen.
Panikattacken und wie man damit umgeht
Ja, ich bin 30 Jahre alt und leide schon seit Jahren immer wieder an Panikattacken. Durch eine simple Schlafplatzänderung beherrschen sie mich in den letzten Wochen wieder sehr. Und das ist auch Thema in der Therapie.
Ich hatte mein Schlafzimmer ewig neben dem Wohnzimmer. So war ich es gewohnt zu hören, wenn meine Eltern ins Obergeschoss ins Bett gingen. Jetzt schlafe ich im Zimmer neben den Stufen. Ich müsste einfach die Türe offenlassen, um dasselbe mitzubekommen. Doch ich will auch etwas Privatsphäre. Deswegen ist die Tür abends geschlossen. Seit ich nicht mehr bewusst höre, wenn meine Eltern schlafen gehen, habe ich Panik vor dem Alleinsein. Ich lasse das Licht so lange an, bis mein Vater vorbei geht und noch einmal reinkommt, weil er sich wundert, dass ich noch nicht schlafe.
Ich empfinde diese Attacken als sehr kindisch, weil ich doch nicht wirklich alleine bin. Da ich durch meine Behinderung abends ins Bett gelegt werden muss, sollte doch das Verabschieden reichen. Ich bin immerhin bereits 30 Jahre alt.
In den Gesprächen mit Kerstin, meiner Psychologin, habe ich jedoch erfahren, dass auch Erwachsene Rituale brauchen. Das sei keineswegs kindisch. Es ist einfach die Tatsache, dass die neue Situation mir Angst macht. Ich war diese bewusste Wahrnehmung jahrelang gewöhnt. Wir haben mit meinem Vater ausgemacht, dass er noch mal ins Zimmer kommt, damit ich bewusst wahrnehme, wann alle ins Bett gehen. Zumindest bis ich mich daran gewöhnt habe, nicht mehr alles zu hören.
Ich arbeite mit Kerstin an Dingen, die ich tun kann, wenn diese Angstanfälle wieder kommen und was ich mir abgewöhnen sollte. Ich bin ein Mensch, der stark in sich hineinhorcht. Fast den ganzen Tag versuche ich, meine Emotionen und Gefühle zu ergründen. Das ist allerdings bei Panikattacken nicht gut. Veränderungen im Körper, wie die aufkommende Angst oder Herzrasen werden verstärkt. Musik lenkt mich ab. Ebenso hilft es, meine Aufmerksamkeit auf andere Dinge zu richten.
Diagnostik und was sie mit uns macht
Fast jede*r, der*die schon mal bei einem*r Therapeuten*in oder in einer Psychiatrie war, hat einmal eine psychologische Diagnose bekommen.
Jede*r kennt Diagnosen, zum Beispiel in der Hausarztpraxis: “Sie haben eine Erkältung.“ Auch Einschätzungen von Freunden und Familie sind einer Diagnose sehr ähnlich. Doch was lösen sie in uns aus?
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