Sehr sanft schob Dschem seine Mutter von sich. Eine Zeitlang ruhte seine Hand auf ihrem Haar, und sie betrachteten einander schweigend. Dann sagte die Frau etwas in ihrer fremden Sprache, Dschem hob das Kind hoch, damit die Truppen es sahen.
Jubelrufe brausten auf. Die Männer bekundeten dem obersten Heerführer ihre Treue und versprachen ihm den Sieg. Malunud Bey, der Herr von Angora, schlug sich tatsächlich auf Dschems Seite und einige andere Heerführer der Spahis folgten seinem Beispiel. Daraufhin begab sich Bajezid nach Aidos, während sich Kassim Bey an der Spitze der Karamanen mit Dschem und Mahmud vereinte, um Konya zu belagern. Vorher unterschrieb Dschem jedoch einen Vertrag, der besagte, das Karaman unter Kassim wieder ein selbständiger Staat werden sollte. Damit verschenkte Dschem etwas, was er nicht besaß. Die Osmanen würden ihm den Zerfall ihres jungen Reiches nicht verzeihen.
Der mamlukische Sultan El-Ashraf Seyfeddin Kaitbey war der mächtigste Gegenspieler der Osmanen. Als ihn die Nachricht erreichte, dass Cem und seine Anhänger sich Kairo näherten, sendete er ihm seine mächtigsten Hofbeamten mit der Botschaft entgegen, dass er am Hof von Kairo willkommen und sicher vor seinem Bruder Bayezid sei. Sultan Kaitbey selbst lag daran, dass sich die Nachfolgestreitigkeiten innerhalb des osmanischen Reiches fortsetzten. Auf die Bitte Dschems, ihn in seinem Kampf um den Thron zu unterstützen, ging er vorläufig allerdings nicht ein. Stattdessen versuchte er zwischen den beiden Brüdern zu vermitteln, während sich Dschem auf die Haddsch nach Mekka und Medina begab. Bayezids einzige Konzession an Dschem war das Angebot, ihn finanziell zu unterstützen, wenn er sich in der Nähe von Jerusalem niederlasse.
Attraktiver als die Offerte seines Bruders fand Cem das Angebot von Kasım Bey, ihn in einem Feldzug gegen Bayezid zu begleiten. Kasım Bey war der Herrscher über das Gebiet von Karamania gewesen, bis osmanische Truppen diese Region erobert hatten. Kasım Bey hatte Dschem auch darüber informiert, dass Mehmed Agha - unter Mehmed II. einst Oberbefehlshaber der Janitscharen - Dschem in seinem Kampf um den osmanischen Thron unterstützen würde. Von Sultan Kaitbey finanziell unterstützt und in Begleitung einer mamlukischen Truppe von 2.000 Soldaten brach Dschem am 26. März 1482 auf, um nach Adana zurückzukehren, wo Kasım Bey und Mehmed Agha mit ihren Truppen warteten. Seine Familie – darunter seine Mutter, sein Sohn Murad und dessen Mutter, seine Tochter Gevher Melek und mehrere Frauen seines Harems – ließ er im Schutz des mamlukischen Sultans zurück.
Der Komplex des Großpriorats Bourganeuf mit La tour de Zizim im Vordergrund
Bayezid war durch Spione über die Pläne seines Bruders und dessen Truppenbewegungen im Süden Anatoliens gut informiert. Während Dschem gemeinsam mit Kasım Bey und Mehmed Agha über das Hochplateau von Anatolien marschierte, versammelte er ein Heer von 200.000 Mann. Er musste allerdings damit rechnen, dass sich ähnlich wie Mehmed Agha noch mehr Truppenteile Dschem anschließen würden. Mit großzügigen Geldgeschenken versuchte er sich die Loyalität seiner Truppe zu erkaufen.
Dschem erlitt erneut eine Niederlage. Nachdem das vereinte Heer von Dschem, Kasım Bey und Mehmed Agha vergeblich versucht hatte, die Stadt Konya einzunehmen, hatten sie sich getrennt. Mehmed Agha sollte versuchen, Ankara einzunehmen. Dort unterlag er jedoch in einer Schlacht gegen einen der Gouverneure von Bayezid. Mehmed Agha selbst kam in der Schlacht ums Leben. Als die Nachricht vom Tode Mehmed Aghas Cem und Kasım Bey erreichte, zogen sie sich vor den heranrückenden Truppen Bayezids erneut in das unwegsame Taurusgebirge zurück.
Kaum drang Gedik Ahmed in Anatolien ein, da befahl er, Mahmud Beys gesamte Familie festzunehmen und nach Stambul zu bringen. Außer sich vor Zorn, verfolgte Mahmud Bey die Janitscharen, die seine Frauen und seine Kinder entführten. So lieferte er sich selbst in die Hände Suleiman Paschas, des Verwalters von Amasya, wurde geschlagen und umgebracht, und sein Haupt wurde Bajezid geschickt. Durch diese Dummheit verlor Dschem seinen hoffnungsvollsten Heerführer und seine beste Truppe.
Mitte des Sommers nahmen die beiden Brüdern Verhandlungen auf. Hätte Dschem sie früher eingeleitet, vor der Belagerung Konyas und der Niederlage Mahmuds, dann wäre ein Vergleich vielleimt nicht ausgeschlossen gewesen. Bayezid sollte von Istanbul aus über die europäischen Provinzen herrschen. Cem wollte von Bursa aus über Anatolien herrschen. Bayezid lehnte diesen Vorschlag ohne zu zögern ab und sammelte seinerseits Truppen in Iznik, etwa 50 Kilometer nordöstlich von Bursa.
Nun aber, nach den Siegen, war Bajezids Antwort unbeugsam: Das Reich sei wie eine Braut, es lasse sich nicht unter zwei Bewerber teilen. Er legte seinem Bruder nahe, sein Kleid nicht länger mit dem Blute Rechtgläubiger zu beflecken und seine Tage in Jerusalern, außerhalb der Grenzen des Reiches, zu beschließen.
Diesem Entscheid Bajezids folgten rasche Taten: Gedik Ahmed zog nach Kilikien, um Dschem endgültig niederzuwerfen, der sich mit den Resten seines Heeres dorthin zurückgezogen hatte. Dschem wich nach Lykien aus.
Dschem mit seinen Hofstaat
Lykiens Gebirge sind völlig kahl. Einst, sagt man, zur Zeit der Phönizier und der alten Griechen, waren sie mit Zedernwäldern bedeckt. Aber die Zeder eignet sich vorzüglich für den Schiffsbau, und so schwammen die Wälder von Lykien im Laufe der Jahrhunderte unter fernhungrigen Reisenden. Händlern und Korsaren auf allen Weltmeeren davon.
Damals, 1482, wuchs in Lykien nicht das kleinste Gehölz. Wolkenbrüche, Stürme und heiße Wüstenwinde hatten die Berge nicht nur kahlgefegt, sondern sie auch in eine unheilvolle Einöde verwandelt, die ihresgleichen suchte. Lykien türmte seine glattgewehten, blutroten Sandhänge neben uns auf, es fiel wie ein riesiges Dach in großen Flächen zum Meer hin ab, auf denen kein Pferdehuf sicheren Halt fand. Lykien stöhnte und klagte heulend in seinen zahllosen engen Schluchten. Lykien war ein glühheißes, auswegloses Martyrium.
In diesem Land irrte Dschem umher, ein paar Tausend Besiegte, die den Glauben an ihr Glück verloren hatten. Ohne einen Laut glitt die Karawane wie eine kranke Schlange durch die engen Schluchten.
Nach der erneuten Niederlage hatte Cem eine Flucht nach Persien erwogen, um einer Gefangennahme durch die Truppen seines Bruders zu entgehen. Kasım Bey riet ihm jedoch, in Europa Exil zu suchen. Dschem wandte sich mit seiner Bitte um Asyl zunächst in einem Brief an die Republik Venedig. Venedig lehnte jedoch mit dem Hinweis auf den bestehenden Friedensvertrag ab. Auch Bayezid erfuhr durch seine Spione von den Annäherungsversuchen Dschems und bekräftigte daraufhin gegenüber Venedig erneut den bestehenden Friedensvertrag.
Dann kam der 25. Juni 1482. Dschem war voller Tatendrang aufgesprungen. Er hatte sich entschieden, nun galt es für ihn, zu handeln.
Er beauftragte einen Boten, zu den Rhodos Rittern zu fahren und sie in seinem Namen um gastfreie Aufnahme zu bitten. Er begründete es damit, dass er – um nach Rumelien zu gelangen - Schiffe benötigt und die erste Insel auf dem Weg nach Norden ist Rhodos. Dschem lächelte wie einer, der, sonst nicht gerade durchtrieben, unversehens einen schlauen Gedanken gehabt hat.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Читать дальше