›Aber immer schön vorsichtig, nimm bloß Abstand‹, wimmerte die Angst schon wieder, wurde aber vom Mut mit einem resoluten: ›Wimmer nicht ständig!‹, zurück in ihre Ecke gedrängt.
An diesem ersten Tag war ich zu aufgeregt, ihn direkt zu reiten, und wollte das zarte Band der Freundschaft, das ich gerade spann, nicht überstrapazieren, sondern vorerst lieber mit noch mehr Leckereien verstärken. Mit einem Zeichenblock auf den Knien setzte ich mich zu ihm in den Sand und skizzierte ihn. Zwischendurch warf ich ihm immer wieder Melonenschalen in seinen Trog. Ich schaute mir das fertige Bild an und schrieb darunter Abjad, das arabische Wort für die Farbe Weiß. Er hatte seinen Namen bekommen. Als ich das Datum zufügte, fiel mir auf, dass wir den 6. Dezember hatten.
Die Freude schnurrte: ›Was ein schönes Geschenk wir uns bereitet haben.‹
Die Zufriedenheit stimmte ihr zu.
Als der neue Tag sich gerade dem Rest der Dunkelheit entledigte, ging ich hinaus und hängte Abjad den als Zubehör mitgekauften Futtersack um, der immer noch halb voll war. Somit bekam er sein Frühstück und hatte gleichzeitig keine Möglichkeit, mich vielleicht doch noch zu beißen. Mit dieser großen Futtertasche, die über den halben Kopf reichte, war sein Maul gut gesichert. Der alte Besitzer hatte mir gesagt, man dürfe einem Kamel nie trauen, nicht einmal, wenn man es schon eine Ewigkeit besäße. Ich nahm mir seine Worte zu Herzen und ließ besondere Vorsicht walten. Vom Beobachten und Hinhören wusste ich, dass man »jiiiierch« sagen und das Kamel am Seil dabei nach unten ziehen musste, um ihm verständlich zu machen, dass er sich hinlegen sollte.
Ich sagte: »jiiierch«, und zog am Halfter. Nichts passierte.
Ich zog abermals am Halfter, etwas strenger und sagte lauter: »jiiierch!«
Das Kamel schaute mich verwundert an und fraß gemütlich weiter.
Die Selbstironie fing lauthals an zu lachen, aber die Wut schaute sie grimmig an und schubste die Nebenniere, die sofort etwas Adrenalin ausschüttete.
Ich wurde etwas ungehalten von dem Durcheinander in mir, sagte noch lauter und deutlicher: »JIIIIIIEEERRRCH!«, und zog mit meiner ganzen Kraft das Seil nach unten.
Da entzog mir Abjad mit einem kräftigen Ruck seinen Kopf. Das Seil schürfte die Innenflächen meiner Hand auf.
›Holla!‹, erschreckte sich die Angst, die von dem Adrenalin in Alarmbereitschaft versetzt wurde.
›Verflixt!‹, wetterte das Schmerzempfinden.
Die Vernunft befahl mir: ›Ruhe bewahren! Er will wohl direkt zu Beginn deine Kräfte messen und seine Grenzen austesten.‹
Mir war klar, dass sich in diesem Moment entscheiden sollte, wer hier wem gehorchen würde. Ich war geladen und stand unter extremer Spannung. Mich vorbeugend, um meine Wut tief auszuatmen und Kraft zu schöpfen, fiel mir zufällig ein besonders schöner Stein ins Auge. Ich hob ihn instinktiv auf, da ich, seit ich denken kann, einen absoluten Faible für besondere Steine habe. Plötzlich bewegte das Kamel seinen Kopf abrupt zur Seite.
›Was war denn jetzt?‹, fragte die Aufmerksamkeit.
Er hatte unerwartet Angst vor irgendetwas. Das war gut. Schnell nahm ich den Zügel, schaute ihn grimmig an und sprach: »jiiierch!«, zog das dicke Seil nach unten und »juchuuuh!«, er legte sich hin.
›Wovor hatte er jetzt solche Angst gehabt?‹, fragte der Verstand. ›Warum parierte er auf einmal?‹
Die Erinnerung, die gute Seele, schickte mir Bilder von ein paar Beduinenjungen auf ihren Kamelen und ich realisierte den Stock, den einer in der Hand gehalten hatte. Das war es also. Er dachte, ich würde nach dem Stock greifen, der direkt neben dem Stein gelegen hatte. So weit so gut. Aber wie sollte ich denn jetzt den Sattel auf das Kamel bekommen? Ich hatte ihn bisher nur einmal abgenommen. Mein Bestes versuchend hievte ich ihn hinauf, schnallte die Gurte fest und das Ergebnis schien ganz akzeptabel.
›Also rauf da‹, rief die Abenteuerlust vergnügt und stieß dabei die Nebenniere an, die sich sofort ihrer Aufgabe bewusst wurde. Leicht zitternd, aber vollen Mutes, ritt ich los. Die Wüste rief!
Am Anfang lief alles prima, ich zog das Seil links herum, das Kamel ging nach links, ich zog das Seil rechts herum, er lief nach rechts und wenn ich das Seil stark an mich heranzog, blieb Abjad brav stehen.
›Super!‹, rief die Zufriedenheit, ›der Sonne entgegen. Jallah!‹, Los!
Wir gingen einfach immer der Nase nach, geradeaus, über Müll und ungepflasterte Wege, bis wir nach ca. 20 Minuten den bewohnten Teil Dahabs verließen und in Richtung Lagune marschierten.
›Ganz schön hoch, hier oben‹, winselte die Angst.
›Dafür hast du einen schönen Ausblick‹, erwiderte die Ästhetik.
›Und wenn das Kamel jetzt losgaloppiert und du runterfällst?‹, argwöhnte die Angst weiter.
›Ach, lass dich bloß nicht von der Memme anstecken und genieße es einfach‹, riet mir der Mut.
›Das werden wir tun, also Ruhe jetzt‹, beendete der Tatendrang die Diskussion.
Langsam konnte ich mich auf meine momentane Existenz in dieser wundervollen Umgebung einlassen. Einmal dem Ort und dem Müll hinter den Hotelanlagen entkommen, lag die Wüste ausgebreitet vor mir und wartete, mich in aller Stille zu empfangen. Da mein Kamel der besonders langsamen Sorte anzugehören schien, hatte ich Zeit, alles sinnlich wahrzunehmen und den heranbrechenden Morgen in seiner ganzen Farben- und Formenpracht zu bestaunen. Die Angst hatte es aufgegeben zu jammern. Vielleicht hielt der Mut ihr auch einfach den Mund zu. Auf jeden Fall genoss ich meinen Ausritt, fühlte mich frei, ungebunden und sehr erhaben. Ich wurde nicht nur von meinem Kamel, sondern vor allem von meinem Stolz über meinen Mut getragen. Je näher wir den Bergen kamen, desto steiniger, hügeliger und holpriger wurde der Weg. Abjad setzte seine gepufferten Hufe erst äußerst sachte auf, um dann bergab mit ein paar schnellen Schritten kleine Hindernisse zu überwinden. Ich musste mich fest am Sattelknauf halten, um nicht hinunter geschüttelt zu werden. Doch das Kamel schien sicher seinen Weg zu finden. Als ich mich gerade an den Tritt meines Tieres gewöhnt hatte und ihm mein volles Vertrauen schenken wollte, passierte es: Ein kurzes Schaukeln und ich rutschte mitsamt dem Sattel in Abjads Halsbeuge. Das Kamel blökte zornig und schleuderte seinen Kopf wild hin und her, während ich gerade noch abspringen konnte ohne dabei verletzt zu werden.
›Siehst du!‹, sprach die Angst, sich bestätigt fühlend.
›Ach halt die Klappe‹, zischte der Mut sie an. ›Sag lieber der Nebenniere, sie soll sich etwas zurückhalten mit ihren Ausschüttungen. Die Arme kann ja vor lauter Zittern kaum noch stehen.‹
Wieder festen Boden unter den Füßen, entschuldigte ich mich bei Abjad, und versuchte ihn zu beruhigen. Meine Beine fühlten sich an wie Gelee. Er schien keinen Wert auf meine Bemühungen zu legen, warf weiterhin seinen Kopf hin und her und zog so sehr am Zügel, dass mir die Handinnenflächen schmerzten. Es brauchte eine ganze Weile, ehe er sich wieder einigermaßen beruhigte. Ich sprach versuchend: »Jiiierch!«, aber Abjad bewegte sich nicht und schaute mich nur grimmig an. Ein Stock musste her. Kaum hatte ich einen auf dem Wüstenboden gefunden und diesen in der Hand, wurde der Wüterich lammfromm und legte sich mir brav zu Füßen. Schlagen brauchte ich ihn glücklicherweise nicht, der bloße Anblick reichte ihm. Das hätte ich sicher auch nicht gekonnt. Ich hievte den Sattel wieder auf den Höcker und befestigte den Bauchgurt diesmal fester und gewissenhafter. Als ich gerade aufsteigen wollte, warf Abjad seinen Kopf erneut herum. Erschrocken wich ich zurück. Das Kamel blökte lautstark und stand einfach ohne mich auf. Ich fluchte, aber wusste ja nun was zu tun war: Stock zeigen und resolut den Befehl erteilen. Er ging in die Knie.
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