Ich trete den Dienst an und werde von einer alten Lady zum Gefangenen gemacht, welche nicht imstande, meine Hand zu erlangen, meinen Finger nimmt zum Andenken. – O'Brien befreit mich. – Eine Seeküste und knappes Einkommen.
—————
Zwei oder drei Tage nach dieser Unterhaltung mit Herrn Chucks lief der Kapitän mit der Fregatte ans Land; als wir noch fünf Meilen davon entfernt waren, entdeckten wir zwei Fahrzeuge. Wir machten mit allen Segeln Jagd darauf, und wollten ihnen die Flucht um eine Sandbank abschneiden, welche sie zu umsegeln suchten. Als sie sahen, daß sie ihr Vorhaben nicht ausführen konnten, liefen sie unter eine kleine Batterie von zwei Kanonen ans Land, und fingen an, auf uns zu feuern. Der erste Schuß, welcher durch die Masten schwirrte, hatte für mich einen schrecklichen Klang; aber die Offiziere und Matrosen lachten darüber, und ich versuchte natürlich das Nämliche, obwohl ich in der Wirklichkeit nichts zum Lachen sehen konnte. Der Kapitän befahl, die Steuerbordwache aufs Verdeck zu pfeifen und die Boote zu reinigen, damit sie zum Auslaufen bereit wären; wir ankerten nun eine Meile von der Batterie entfernt und erwiderten das Feuer. Mittlerweile lief die übrige Schiffsmannschaft aus, und es wurden hier Boote ausgesetzt, welche zum Sturm auf die Batterie bemannt und ausgerüstet waren. Ich sehnte mich sehr, ins Feuer zu kommen, und O'Brien, welcher das Kommando über den ersten Kutter hatte, erlaubte mir, mitzugehen, unter der Bedingung, daß ich mich unter den Vordersegeln verborgen halte, damit mich der Kapitän nicht sehe, ehe die Boote vom Lande abstießen.
Ich befolgte dies und wurde nicht entdeckt. Wir segelten gerade auf die Batterie los; in weniger als zehn Minuten liefen die Boote auf den Strand und wir sprangen heraus. Die Franzosen feuerten eine Kanone auf uns ab, da wir nahe an die Küste hinfuhren, und liefen dann davon, so daß wir ohne Kampf Besitz nahmen, was, um die Wahrheit zu gestehen, mir nicht leid that, da ich mich nicht für alt oder stark genug halten konnte, um mit einem erwachsenen Mann handgemein zu werden. Nahe bei der Batterie fanden sich einige Fischerhütten, und während zwei von den Booten an Bord der Schiffe gingen, um zu sehen, ob sie wieder flott gemacht werden konnten, andere die Kanonen vernagelten und die Lafetten zerstörten, ging ich mit O'Brien zu den Hütten, um sie zu untersuchen. Sie waren von den Leuten verlassen, wie vorauszusehen war, aber es lag eine große Menge Fische darin, welche, dem Anschein nach, erst den Morgen gefangen worden waren. O'Brien wies auf eine sehr große Glattroche.
»Alle Hagel,« rief er aus, »das ist wahrhaftig der Geist meiner Großmutter, wir müssen sie haben, wenn es auch nur wegen der Familienähnlichkeit wäre. Peter, stecke Deinen Finger in die Kieme und schleppe sie zum Boote hinab.«
Ich konnte meinen Finger nicht in die Kieme einzwängen, und da das Tier ganz tot schien, so krümmte ich denselben in sein Maul; aber ich machte einen dummen Streich, denn das Tier war noch am Leben, und schloß sogleich seine Kinnladen, indem es meinen Finger bis aufs Bein durchbiß und ihn so fest hielt, daß ich ihn nicht zurückziehen konnte; auch war der Schmerz zu groß, als daß ich ihn mit einem Ruck herauszureißen vermochte. So war ich nun in einer Falle, und von einem Plattfische zum Gefangenen gemacht. Zum Glücke schrie ich laut genug, so daß O'Brien, welcher, mit einem großen Stockfisch unter jedem Arm, schon nahe bei den Booten war, wieder umkehrte und mir zu Hilfe kam. Zuerst konnte er mir vor Lachen nicht helfen, aber endlich öffnete er die Kinnlade des Fisches gewaltsam mit seinem Messer, und ich zog meinen Finger heraus, aber sehr schlimm zugerichtet. Ich nahm alsdann mein Strumpfband ab, band es um den Schwanz der Glattroche und zog sie nach dem Boote, welches gerade im Begriff war, abzustoßen. Die übrigen Boote hatten es unmöglich gefunden, die Schiffe flott zu machen, ohne sie auszuladen, daher wurden sie auf Befehl des Kapitäns in Brand gesteckt, und waren, ehe wir sie aus dem Gesicht verloren, schon bis zum Wasserspiegel herabgebrannt. Mein Finger war drei Wochen lang sehr schlimm, aber die Offiziere lachten sehr über mich, indem sie sagten, ich sei beinahe von einer alten Jungfer gefangen worden.
Wir setzten unsere Fahrt der Küste entlang fort, bis wir in die Bai von Arkason einliefen, wo wir zwei oder drei Fahrzeuge wegnahmen und mehrere auf den Strand zu laufen nötigten. Hier hatten wir einen augenscheinlichen Beweis, wie wichtig es ist, daß ein Kapitän von einem Kriegsschiffe ein guter Seemann ist und sein Schiff so in der Zucht hält, daß ihm die Mannschaft strenge gehorcht. Ich hörte, nachdem die Gefahr vorüber war, die Offiziere einstimmig behaupten, nur die Geistesgegenwart, welche Kapitän Savage gezeigt, habe das Schiff mit der Mannschaft retten können. Wir hatten ein Geschwader von Fahrzeugen bis an das Ende der Bai verfolgt; der Wind wehte sehr frisch, als wir, nachdem wir sie ans Land getrieben hatten, umlegten; die Brandung am Strande war gerade damals so stark, daß die Schiffe in Stücke gehen mußten, ehe sie wieder flott gemacht werden konnten. Wir waren genötigt, die Topsegel doppelt zu reffen, sobald wir dem Winde entgegen fuhren. Das Wetter sah sehr drohend aus. Eine Stunde nachher bedeckte sich der Himmel mit einer schwarzen Wolke, welche so niedrig stand, daß sie fast unsere Mastspitze berührte; eine furchtbare See, welche wie durch Zaubergewalt sich zu erheben schien, rollte auf uns los und trieb das Schiff hart gegen eine Seeküste. Mit einbrechender Nacht wütete ein schrecklicher Sturm; das Schiff wurde durch den Druck der Segel beinahe begraben. Hätten wir offene See gehabt, so würden wir unser Sturmstagsegel beigelegt haben, aber wir mußten auf alle Gefahr hin Segel führen, um die Küste zu vermeiden. Die See brach sich, wenn wir zwischen ihren Hohlwellen lagen, über uns, und überschüttete uns mit Wasser von dem Vorderkastell bis zu den Binakeln. Sehr oft, wenn das Schiff in die Tiefe hinabstürzte, geschah es mit solcher Gewalt, daß ich wirklich glaubte, es werde durch die Heftigkeit des Stoßes entzwei gehen. Wir banden doppelte Anhalt-Taue an die Kanonen, auch wurden sie überdies mit Takelwerk versehen; denn wir legten oft so sehr an die Seite, daß die Kanonen nur durch die Anhalt-Taue und das Takelwerk gehalten wurden, und wäre eine davon los gegangen, so wäre sie gerade durch die Leeseite des Schiffes gebrochen und das Schiff wäre gescheitert. Der Kapitän, der erste Leutnant und die meisten übrigen Offiziere blieben die ganze Nacht auf dem Verdeck, und wirklich glaubte ich bei dem Heulen des Windes, bei der Gewalt des Regens, dem Überfluten der Verdecke, bei dem Arbeiten der Kettenpumpen und dem Krachen und Ächzen der Balken, daß wir unfehlbar verloren seien; ich sagte wenigstens zwölfmal während der Nacht meine Gebete her, denn es war mir unmöglich, zu Bette zu gehen. Ich hatte, oft aus Neugierde gewünscht, einen Sturm zu erleben, aber ich hielt es für keine Scene dieser Art und nicht für halb so furchtbar. Was unsere Lage noch schrecklicher machte, war, daß wir uns an einer Leeküste befanden, und die Beratungen des Kapitäns mit den Offizieren, sowie die Sehnsucht, mit welcher sie nach dem Tageslicht ausschauten, sagten uns, daß wir außer dem Sturme noch andere Gefahren zu bestehen hatten. Endlich brach der Morgen an und der Wächter auf dem Gange rief aus: »Land an der Leeseite!« Ich bemerkte, daß der Schiffsmeister, wie aus Unwillen, mit seinen Füßen gegen das Hängemattengeländer stampfte und, ohne ein Wort zu sagen, mit sehr ernsthaftem Aussehen wegging.
Читать дальше