»Wie, Sir«, sagte ich, »wissen Sie, mit wem Sie sprechen? ich bin Offizier und Gentleman. Wissen Sie, wer mein Großvater ist?«
»O ja«, versetzte er, »sehr gut.«
»Nun, wer ist es, Sir«, entgegnete ich, sehr aufgebracht.
»Wer ist es, nun es ist Lord, ›wer weiß wer‹.«
»Nein, das ist nicht sein Name, es ist Lord Privilege«, war meine Antwort. (Doch mußte ich mich sehr wundern, daß er wußte, mein Großvater sei ein Lord). »Glauben Sie, ich werde die Ehre meiner Familie wegen sieben elender Schillinge aufs Spiel setzen?«
Diese Bemerkung meinerseits und ein Versprechen von seiten des Seekadetten, welcher sagte, er wolle für mich Bürge sein, genügte Herrn Jenkins, und er ließ mich das Takelwerk hinuntersteigen. Ich ging zu meiner Kiste, zahlte die sieben Schillinge einem von den Matrosen, welche mir folgten, und stieg dann das Hauptdeck hinauf, um soviel als möglich von meinem Geschäfte zu lernen. Ich richtete eine große Menge Fragen an die Kadetten, die Kanonen betreffend, und sie drängten sich um mich, um sie zu beantworten. Einer erzählte mir, sie hießen die Zähne der Fregatte, weil sie den Franzosen das Maul stopften. Ein anderer sagte, er sei so oft im Feuer gestanden, daß man ihn den Feueresser nenne. Ich fragte ihn, wie er dem Tode entronnen sei, worauf er mir erwiderte, er habe es sich stets zum Grundsatze gemacht, sobald die erste Kanonenkugel durch die Schiffsseite schlage, seinen Kopf in das gemachte Loch zu stecken, da nach einer von Professor Inman angestellten Berechnung die Wahrscheinlichkeit wie zweiunddreißigtausend sechshundert siebenundvierzig und einigen Dezimalstellen zu eins vorhanden sei, daß eine zweite Kugel nicht in dasselbe Loch fahren würde. Daran hätte ich freilich nie gedacht.
Meine Tischgenossen zeigen mir die Thorheit des Schuldenmachens und führen mich auf eine feine Weise zur Pflicht zurück. – Ich werde mit einigen Gentlemen von dem Ministerium des Innern bekannt. Die Geschichte von Sholto M'Foy.
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Als ich ungefähr einen Monat an Bord war, fand ich mein Leben gar nicht unangenehm. Ich roch das Pech und den Teer nicht mehr, und konnte mich in meine Hängematte schwingen, ohne auf der andern Seite wieder heraus zu purzeln. Meine Tischgenossen waren gutmütige Leute, obschon sie sehr viel über mich lachten; allein ich muß gestehen, in ihren Begriffen von Ehre nahmen sie es nicht so genau. Sie schienen der Ansicht, einen zu foppen, sei ein Kapitalspaß, und weil sie lachten, während sie betrogen, so sei es durchaus kein Betrug. Ich kann nicht anders denken, als daß Betrug eben Betrug ist, und daß eine Person um kein bischen mehr ehrlich ist, weil sie einen noch obendrein auslacht. Einige Tage, nachdem ich an Bord gekommen war, kaufte ich von der Proviantbootfrau einige Törtchen; ich wollte sie bezahlen, allein sie konnte nicht wechseln, und sagte mir sehr höflich, sie wolle mir borgen. Hierauf zog sie ein kleines Buch hervor und sagte, sie wolle für mich eine Rechnung anlegen, ich könne sie bezahlen, wenn es mir passe. Gegen diesen Vorschlag hatte ich keine Einwendung, und ließ mir allerlei Sachen kommen, bis ich glaubte, meine Rechnung müsse sich nun auf elf oder zwölf Schillinge belaufen. Weil ich meinem Vater versprochen hatte, ich wolle mich nie in Schulden stürzen, dachte ich, es wäre nun Zeit, die Rechnung zu berichtigen. Als ich danach fragte, wie staunte ich, daß dieselbe zwei Pfund vierzehn Schilling und sechs Pence betrug. Ich erklärte, es sei unmöglich, und verlangte, sie solle mich die einzelnen Posten durchsetzen lassen; da fand ich denn, daß wenigstens drei oder vier Dutzend Törtchen täglich für mich mehr ins Buch eingetragen waren, welche von den jungen Gentlemen bestellt worden waren mit dem Bemerken: »es sei auf Herrn Simpels Rechnung zu schreiben.« Ich ärgerte mich sehr, nicht allein über die Summe Geldes, welche ich zu zahlen hatte, sondern auch über den Mangel an Ehrlichkeit bei meinen Tischgenossen; allein als ich mich in der Kajütte darüber beklagte, lachten sie mich alle aus. Zuletzt sagte einer: »Peter, sprich die Wahrheit; hat Dich Dein Vater nicht vor dem Schuldenmachen gewarnt?«
»Ja, allerdings.«
»Ich weiß das ganz gut,« versetzte jener; »alle Väter machen es so beim Abschied ihrer Söhne. Dies ist eine ganz natürliche Sache. Nun merke auf, Peter, nur aus Rücksicht für Dich haben deine Kameraden auf Deine Kosten Törtchen gegessen. Du vernachlässigtest Deines Vaters Ermahnungen, bevor Du einen Monat von Hause abwesend warst, und um Dir eine Lektion zu geben, welche Dir fürs künftige Leben nützlich sein kann, hielten sie es für Pflicht, die Törtchen zu bestellen. Ich hoffe, sie wird an Dich nicht weggeworfen sein. Geh zu der Frau, zahle ihr die Rechnung und laß Dich auf keine andere mehr ein!«
»Gewiß nicht,« versetzte ich. Da ich aber nicht beweisen konnte, wer die Törtchen bestellte, und es nicht für schön hielt, daß die Frau ihr Geld verlieren sollte, so ging ich hinauf und bezahlte die Schuld mit dem festen Entschlusse, bei niemand mehr etwas auf Rechnung zu nehmen. Dadurch wurden meine Taschen ganz leer; ich schrieb deshalb an meinen Vater, berichtete ihm den ganzen Hergang und den daraus folgenden Zustand meiner Finanzen. Mein Vater bemerkte in seiner Antwort, daß meine Kameraden als Freunde an mir gehandelt hätten, was immer ihre Beweggründe gewesen sein möchten, und ich hätte mein Geld durch eigene Fahrlässigkeit verloren; ich dürfe nicht erwarten, daß er mir mehr Taschengeld bewillige. Aber meine Mutter, welche diesem Briefe ein Postscriptum beifügte, schloß eine Fünfpfundnote ein, ich glaube fast mit meines Vaters Genehmigung, obwohl er sich sehr ungehalten zeigte, daß ich seine Lehren vergessen habe. Diese zeitgemäße Unterstützung machte mich wieder ganz flott. Wie erfreulich ist es, von einem seiner Verwandten aus der Fremde einen Brief zu erhalten, besonders wenn Geld darin ist.
Einige Tage vorher befahl mir Mr. Falkon, der erste Leutnant, mein Seitengewehr anzulegen und Dienst zu thun. Ich erwiderte, ich habe weder Degen noch Hut, obschon ich sie verlangt hätte. Er lachte über meine Geschichte und schickte mich mit dem Schiffsmeister ans Land, welcher diese Stücke kaufte; der erste Leutnant aber sandte die Rechnung an meinen Vater, der sie bezahlte und ihm schriftlich für seine Bemühung dankte. Am selben Morgen sagte der erste Leutnant zu mir: »Nun, Herr Simpel, wir wollen Ihrem Hut und Degen den Glanz nehmen. Sie werden mit Mr. O'Brien ins Boot steigen, und darauf acht haben, daß keiner von der Mannschaft sich davon entferne und in den Tavernen sich betrinke.«
Dies war das erstemal, daß ich mit einem Auftrage beordert wurde, und ich war stolz darauf, ein Offizier im Dienste zu sein. Ich legte meine volle Uniform an und stand schon eine Viertelstunde vorher im Gange bereit, ehe man den Matrosen mit der Pfeife das Zeichen gab. Wir wurden zu der Schiffswerft befohlen, um Vorrat einzunehmen. Als wir hier ankamen, war ich sehr erstaunt über die Haufen Schiffsbauholz, die Reihen von Lagerhäusern und die ungeheuren Anker, welche auf der Werft lagen. Es herrschte hier eine solche Regsamkeit, jedermann schien so beschäftigt, daß ich nicht alles auf einmal übersehen konnte. Nahe an der Stelle, wo das Boot landete, holte man eine große Fregatte aus dem sogenannten Bassin; der Anblick interessierte mich so sehr, daß ich leider sagen muß, ich vergaß ganz die Bootsmannschaft und meine Befehle, nach ihr zu schauen. Was mich am meisten überraschte, war, daß, obschon die beschäftigten Leute Matrosen schienen, ihre Sprache sehr von derjenigen abstach, an welche ich mich seit kurzem an Bord der Fregatte gewöhnt hatte. Anstatt zu fluchen und zu schwören, war jedermann sehr höflich:
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