Der Wärter hatte alle Tiere aufgestört und die Fütterung derselben begonnen. Der große Löwe brüllte und knurrte über dem Schienbein eines Ochsen, welches er wie eine Nuß zerknackte, als durch irgend eine Ungeschicklichkeit das eine Ende der Stange, an welcher der Kandelaber aufgehängt war, herabfiel, die Thür des Käfigs streifte, in welchem die Löwin am Abendessen war, und sie aufstieß. Alles war das Werk einer Sekunde. Der Kandelaber fiel, der Käfig war offen und die Löwin sprang heraus. Ich erinnere mich in diesem Augenblicke noch, wie ich den Leib der Löwin in der Luft sah und dann alles stockfinster wurde. Welch ein Wechsel! einen Augenblick vorher sahen wir alle mit freudiger Neugier zu, und nun Finsternis, Schrecken und Entsetzen. Das war ein Schreien, Lamentieren und Weinen, Puffen und Rennen und Ohnmächtigwerden, – niemand wußte, wohin und wo hinaus. Die Leute drängten zuerst auf die eine Seite und dann auf die andere, wie die Furcht sie antrieb. Ich wurde sehr bald mit meinem Rücken gegen die Stangen eines der Käfige geschoben, und da ich fühlte, wie eine Bestie mich von hinten anfiel, machte ich eine verzweifelte Anstrengung; es gelang mir, den Käfig hinauf zu klimmen, jedoch nicht ohne das Hinterteil meiner Hosen zu verlieren, welches die Lachhyäne nicht loslassen wollte. Ich wußte kaum, wo ich war, als ich hinaufkletterte, allein ich erinnerte mich, daß oben meistens Vögel aufgestellt waren. Damit aber die Vorderseite meiner Hosen nicht eben so zerrissen wurde, wie das Hinterteil, so drehte ich mich, sobald ich Fuß gewinnen konnte, um, den Rücken an das Gitter des Käfigs lehnend. Allein ich befand mich kaum eine Minute daselbst, so wurde ich von etwas angefallen, was wie eine Spitzhacke in mich bohrte, und wie die Hyäne meine Kleider zerrissen hatte, so war ich ohne Schutz dagegen. Mich umzuwenden, wäre noch schlimmer gewesen, deshalb versuchte ich, nachdem ich ungefähr ein Dutzend Stiche empfangen, meine Stellung zu ändern, bis ich mich einem anderen Käfig gegenüber befand; aber nicht bevor der Pelikan (denn dies war die Bestie) so viel Blut aus mir gesogen hatte, daß er seine Jungen eine Woche damit füttern konnte. Ich überdachte, welche Gefahr ich zunächst wohl zu bestehen hätte, als ich zu meiner Freude entdeckte, daß ich die offene Thür erreicht hatte, aus welcher die Löwin entsprungen war; ich schlüpfte hinein, schloß die Thüre hinter mir zu und schätzte mich sehr glücklich; hier saß ich nun ganz ruhig in einem Winkel; während das Geräusch und die Verwirrung fortdauerte. Ich war jedoch kaum einige Minuten da, als die sogenannten Rindfleischesser Eine Art Leibgardisten., welche draußen Musik machten, mit Fackeln und geladenen Musketen hereindrangen. Der Anblick, welcher sich darbot, war in der That schrecklich; zwanzig bis dreißig Männer und Kinder lagen auf dem Boden, und ich dachte, die Löwin habe sie alle umgebracht, allein sie waren nur in Ohnmacht, oder durch das Gedränge niedergetreten worden. Niemand war bedeutend verwundet. Die Löwin konnte man nicht finden, und sobald es gewiß war, daß sie entronnen sei, so herrschte draußen eben solcher Schrecken, eben solche Flucht, wie vordem in der Menagerie. Es zeigte sich später, daß das Tier sich ebenso gefürchtet hatte, wie wir selbst, und sich unter einen der Wagen verkrochen hatte. Es stand einige Zeit an, bis sie gefunden werden konnte.
Endlich trat O'Brien, welcher ein sehr beherzter Bursche war, an die Spitze der Rindfleischesser und sah die glänzenden Augen des Tieres. Sie nahmen nun ein paar Netze von den Karren, welche Kälber auf den Markt geführt hatten, und zogen dieselben über die Löwin her. Als sie tüchtig darin verwickelt war, schleppten sie dieselbe bei dem Schwanze in die Menagerie. Mittlerweile blieb ich ganz ruhig in dem Käfig, aber als ich gewahrte, daß dessen rechtmäßiger Eigentümer zurückkam, um davon Besitz zu nehmen, so dachte ich, es sei Zeit, herauszugehen; ich rief daher meinen Kameraden zu, welche mit O'Brien den Rindfleischessern beistanden. Sie hatten mich nicht bemerkt, und lachten sehr, als sie sahen, wo ich mich befand. Einer der Seekadetten schloß den Riegel der Thür, so daß ich nicht hinausspringen konnte, und dann störte er mich mit einer langen Stange auf. Endlich versuchte ich es, wieder aufzuriegeln und herauszukommen; da lachten sie noch mehr, als sie das zerrissene Hinterteil meiner Hosen sahen.
Mir war es nicht zum Lachen, obschon ich mir zu gratulieren hatte, so glücklich davongekommen zu sein. Derselben Ansicht waren auch meine Kameraden, als ich ihnen meine Abenteuer erzählte. Der Pelikan hatte mir am schlimmsten mitgespielt. O'Brien lieh mir ein schwarzseidenes Halstuch, welches ich um meinen Leib band und hinten herabhängen ließ, damit mein Mißgeschick kein Aufsehen erregen möchte; dann verließen wir die Menagerie; aber ich war so steif, daß ich kaum gehen konnte.
Wir gingen sodann in den sogenannten Ranelagh-Garten, um das Feuerwerk zu sehen, welches um zehn Uhr losgehen sollte. Es war gerade zehn Uhr, als wir unseren Eintritt bezahlten.
Wir warteten sehr geduldig eine Viertelstunde, aber nirgends zeigte sich etwas von Feuerwerk. Der Mann nämlich, welchem der Garten gehörte, wollte warten, bis mehr Gesellschaft komme, obschon der Platz bereits voll Leute war.
Nun hatte der erste Leutnant befohlen, das Boot solle bis zwölf Uhr auf uns warten und dann an Bord zurückkehren; wir waren sieben Meilen von Portsmouth entfernt und hatten daher nicht viel Zeit zu verlieren.
Wir warteten noch eine Viertelstunde; dann wurde allgemein angenommen, da das Feuerwerk nach dem Anschlagezettel präzis zehn Uhr beginnen sollte, so seien wir vollkommen berechtigt, es selbst loszulassen. O'Brien ging hinaus und kam mit ein paar Dutzend Rohrstäben zurück, welche er an einem Ende einkerbte.
Das Feuerwerk war an Pfosten und Gerüsten angebracht und alles bereit; wir wollten es nun auf einmal anzünden und uns dann unter das Gedränge mischen. Die Ältesten zündeten Zigarren an, befestigten dieselben an das gespaltene Ende der Stäbe und fuhren fort, sie anzublasen, bis sie alle wohl brannten. Sie gaben jedem von uns einen in die Hand; auf ein gegebenes Zeichen hoben wir sie alle an das Luntenpapier. Sobald sich das Feuer mitteilte, warfen wir unsere Stäbe weg und rannten unter die Menge. In ungefähr einer halben Minute ging alles in der schönsten Verwirrung los: silberne und goldene Sterne, blaue Lichter und Catharinenräder, Minen und Bomben, griechisches Feuer und römische Lichter, griechische Bäume, Raketen und illuminierte Motto's, alles brannte, krachte, prasselte und zischte durch einander. Einstimmig wurde anerkannt, es sei viel schöner gewesen, als das beabsichtigte Schauspiel. Der Mann, welchem der Garten gehörte, rannte aus der Bude heraus, wo er gemächlich sein Bier trank, während die Gesellschaft draußen wartete, und schwur den Thätern Rache; wirklich setzte er auch den anderen Tag fünfzig Pfund Belohnung auf die Entdeckung derselben. Ich dachte, es sei ihm recht geschehen. Er war in seiner Stelle ein Diener des Publikums und hatte sich als dessen Herr betragen. Wir kamen alle säuberlich davon, nahmen ein anderes Dilly und langten noch in rechter Zeit zu Portsmouth bei unserem Boote an.
Den anderen Tag war ich so steif und empfand solche Schmerzen, daß ich zum Doktor gehen mußte, welcher mich auf die Krankenliste setzte, wo ich eine Woche lang blieb, bevor ich meinen Dienst wieder antreten konnte. So viel vom Markte zu Portsdown.
Es war an einem Samstag, als ich wieder Dienst that und den Sonntag darauf, an einem schönen Tage, gingen wir alle mit dem ersten Leutnant, Herrn Falkon, ans Land.
Wir gingen sehr gern in die Kirche, nicht, ich muß es leider gestehen, aus religiösem Gefühle, sondern aus folgender Ursache: Der erste Leutnant saß in einem Kirchenstuhle unten und wir standen auf der Emporkirche, wo er weder uns, noch wir ihn sehen konnten.
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