Wir verhielten uns aber sehr ruhig, und ich darf sagen, sehr andächtig während des Gottesdienstes; allein der Geistliche, welcher die Predigt hielt, war so langweilig und hatte einen so schlechten Vortrag, daß wir in der Regel, sobald er auf die Kanzel stieg, hinausschlichen und uns in den gegenüber befindlichen Konditorladen verfügten, um daselbst Küchelchen oder Törtchen zu essen und Kirschwasser zu trinken, welches wir dem Anhören einer Predigt unendlich vorzogen.
Der erste Leutnant hatte irgendwie unsere Schliche ausgewittert; wir glaubten, der Marineoffizier habe uns angegeben. Diesen Sonntag spielte er uns einen schönen Streich. Wir waren wie gewöhnlich bei dem Konditor gewesen; sobald wir die Leute aus der Kirche kommen sahen, warfen wir alle unsere Törtchen und Süßigkeiten in unsere Hüte, setzten sie dann auf und nahmen unseren Posten an der Kirchenthür ein, als ob wir gerade aus der Emporkirche herabkämen und auf ihn warteten. Allein statt an der Kirchenthür zu erscheinen, ging er die Straße hinauf und befahl uns, ihm ins Boot zu folgen. Er hatte nämlich in dem hinteren Zimmer des Konditorladens unsere Bewegungen durch die grünen Vorhänge belauscht. Wir vermuteten nichts, sondern dachten, er sei ein wenig früher als gewöhnlich aus der Kirche gegangen.
Als wir an Bord kamen und ihm folgten, sprach er zu uns:
»Auf das Hinterdeck, junge Herren!«
Wir thaten es; hierauf befahl er uns, in Linie zu treten, was so viel bedeutet, als sich in einer Reihe aufstellen.
»Nun, Herr Dixon«, fing er an, »was war der Text heute?«
Da er diese Frage sehr oft an uns richtete, ließen wir stets einen in der Kirche, bis der Text verlesen war, welcher uns dann in dem Konditorladen überbracht wurde, wo wir ihn alle in unsern Bibeln anmerkten, um bereit zu sein, wenn er uns fragte.
Dixon zog sogleich seine Bibel heraus, wo er das Blatt bezeichnet hatte und las.
»Ei der Tausend«, sagte Herr Falkon, »Sie müssen merkwürdig gute Ohren haben, Herr Dixon, daß Sie den Geistlichen vom Konditorladen aus hören konnten. Nun, meine Herren, die Hüte ab, wenn's gefällig ist.«
Wir zogen alle unsere Hüte ab, welche, wie er erwartete, voll Backwerk waren.
»In der That, meine Herren«, fuhr er fort, indem er die verschiedenen Papiere voll Backwerk und Zuckerwaren befühlte, »es freut mich von Herzen, daß Sie nicht umsonst in der Kirche gewesen sind. Wenige gehen mit so vielen guten Sachen weg, welche dem Sitz ihres Gedächtnisses aufgepackt sind. Profoß! alle Schiffsjungen aufs Hinterdeck.«
Die Jungen sprangen die Leitern herauf, und der erste Leutnant hieß jeden sich auf die Karronadenschleifen niedersetzen. Als sie alle saßen, befahl er uns, mit unseren Hüten herumzugehen und jeden um die Annahme eines Törtchens zu bitten, was wir von einem zum andern thun mußten, bis die Hüte leer waren. Was uns aber mehr ärgerte als alles, war das grinsende Lachen der Jungen, daß sie von uns wie von Lakaien bedient wurden, und ebenso das spöttische Gelächter der ganzen Schiffsmannschaft, welche sich in den Gängen versammelt hatte.
Nachdem die Pastetchen verzehrt waren, sagte der erste Leutnant:
»Nun, meine Herren! Da Sie für heute Ihre Lektion haben, können Sie hinunter gehen.«
Wir konnten nicht umhin selbst zu lachen, als wir in die Kajütte traten. Herr Falkon strafte immer mit so gutem Humor, auch standen seine Strafen auf irgend eine Weise mit der Art des Vergehens in besonderer Beziehung. Er hatte stets für alles, was er tadelte, ein Heilmittel, und die Schiffsmannschaft hieß ihn deshalb gewöhnlich nur den Helf-Jack. Ich muß bemerken, daß einige meiner Kameraden nach diesem Umstande gegen die Schiffsjungen sehr streng waren, indem sie ihnen, so oft sie konnten, einen Stoß oder Puff an den Kopf gaben und zugleich sagten: »Da hast Du noch ein Törtchen, Du Seekalb.«
Ich glaube, wenn die Jungen gewußt hätten, was ihnen bevorstand, sie hätten die Pasteten lieber ungegessen gelassen.
Ein Preßgang, von einem Weibe zurückgeschlagen. – Gefahren eines Bratspießes. – Ein Schmaus für beide Parteien von gerupften Hühnchen, auf meine Kosten. – Auch Genever für Zwanzig. – Ich werde zum Gefangenen gemacht, entwische und erreiche mein Schiff wieder.
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Ich muß nun berichten, was mir einige Tage bevor das Schiff absegelte, begegnete, und was zugleich den Beweis liefern soll, daß es nicht gerade nötig ist, Wind und Wetter oder feindliche Kanonen gegen sich zu haben, um in Gefahr zu sein, wenn man einmal in Seiner Majestät Dienste getreten ist; im Gegenteil, ich bin seitdem im Treffen gewesen, und erkläre ohne Bedenken, daß ich mich bei dieser Angelegenheit nicht so sehr beunruhigt fühlte, als bei dem Vorfalle, welchen ich nun erzählen will. Wir wurden segelfertig gemeldet, und der Admiralität lag sehr daran, daß wir abfahren sollten. Das einzige Hindernis unseres Absegelns bestand darin, daß unsere Mannschaft noch nicht vollständig war. Der Kapitän wandte sich an den Hafenadmiral und erhielt die Erlaubnis, Abteilungen ans Land zu schicken, um Matrosen zu pressen. Der zweite und dritte Leutnant und die ältesten Seekadetten wurden jede Nacht mit einigen der zuverlässigsten Leute ans Land beordert, und brachten in der Regel am Morgen ungefähr ein halb Dutzend Leute mit, welche sie in den diversen Bierhäusern und Grogläden, wie der Matrose sie nennt, aufgefangen hatten. Einige derselben wurden zurückbehalten, doch die meisten als dienstuntauglich wieder ans Land gesetzt; es ist nämlich gebräuchlich, wenn ein Mann freiwillig eintritt, oder gepreßt wird, ihn zum Chirurgen in das Cockpit zu schicken, wo er ausgezogen und am ganzen Leibe untersucht wird, um zu sehen, ob er gesund und für Sr. Majestät Dienst fähig ist; wo nicht, so schickt man ihn wieder ans Land. Das Pressen schien mir ein ziemlich ernsthaftes Geschäft, so viel ich aus den Erzählungen schließen konnte, welche ich hörte, und aus der Art, wie unsere Matrosen, welche man zu diesem Dienste verwendete, gewöhnlich geschlagen und verwundet wurden. Die Leute, welche gepreßt wurden, schienen ebenso hartnäckig zu kämpfen, um nicht zum Dienste gezwungen zu werden, als sie es für die Ehre des Landes thaten, wenn sie einmal eingeschifft waren. Ich hatte große Lust, mit von der Partie zu sein, ehe das Schiff absegelte, und bat O'Brien, der überhaupt sehr freundlich gegen mich war und niemand als sich selbst erlaubte, mich zu walken, ob er mich nicht mitnehmen wolle, was er auch in der darauf folgenden Nacht that. Ich schnallte meinen Degen um, sowohl um als Offizier kenntlich zu sein, als zu meinem Schutze. Als die Dämmerung eintrat, fuhren wir an die Küste und landeten bei Gosport. Die Matrosen waren alle mit scharfen Messern bewaffnet und trugen erbsengrüne Jacken, sehr kurze Kittel von sogenanntem Flushing. Wir hielten uns an den Grogläden der Stadt nicht auf, da es noch zu früh war, sondern wandelten ungefähr drei Meilen in den Vorstädten herum, bis wir zu einem Hause kamen, dessen Thür verschlossen war. Allein wir brachen augenblicklich mit Gewalt hinein und beeilten uns, den Durchgang zu besetzen, wo die Hausfrau bereit stand, uns den Eintritt zu wehren. Der Durchgang war lang und schmal, sie aber ein sehr großes korpulentes Weib, so daß ihr Leib denselben fast ausfüllte. In der Hand hielt sie einen langen Bratspieß auf uns gerichtet, mit welchem sie uns im Schach hielt. Die Offiziere, welche die Vordersten waren, wollten ein Weib nicht angreifen; sie dagegen machte mit ihrem Bratspieße solche Ausfälle, daß einige derselben bald zum Rostbraten fertig gewesen wären, wenn sie sich nicht zurückgezogen hätten. Die Matrosen, welche draußen standen, lachten, und überließen es den Offizieren, die Sache abzumachen, wie sie konnten. Endlich rief die Wirtin ihrem Manne zu:
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