Arthurs Vater musste das Bild, das er sich von Independencia gemacht hatte, vollkommen korrigieren. In seiner Vorstellung war der Ort so etwas wie ein Dorf oder eine Kleinstadt gewesen. Jetzt stellte er jedoch fest, dass so etwas wie ein Ortskern gar nicht zu erkennen war. Es gab lediglich einen kleinen Laden in Form eines schlichten, rechteckigen Gebäudes aus Holz mit einer Veranda, zu der drei ausgetretene, knarrende Treppenstufen hinaufführten. Etwas weiter auf derselben Straβe fand man die Dorfschenke, ein ebenfalls schmuckloser, rechteckiger Kasten aus Holz, wo man sich am Abend oder sonntags nach dem Gottesdienst zum Frühschoppen traf. Die einzelnen Wohnhäuser lagen weit verstreut im Umkreis mehrerer Kilometer, fast immer mitten im Wald.
Die sonntäglichen Gottesdienste in Independencia waren ein unausgesprochenes Muss für jeden Anwohner. Zwar ging es dabei nicht so sehr um die religiösen Inhalte der Predigten, sondern in erster Linie darum, Gemeinschaft zu pflegen. Dazu gehörten Klatsch und Tratsch ebenso wie geselliges Beisammensein in fröhlicher Runde beim Frühschoppen, woran sich „Evangelische“ genauso beteiligten wie „Katholische“.
Die Deisenhofers waren evangelisch und gehörten somit zur Minderheit von Independencia. Es gab wohl Leute, die meinten, die Katholiken der Siedlung seien durchweg besser betucht und von höherem Status, jedoch hat Julius Deisenhofer darüber nur den Kopf geschüttelt.
Während der nächsten Tage, die Arthurs Vater in Independencia verbrachte und auch bei dem feierlichen Frühschoppen nach deutscher Tradition erkannte er, dass es eine wichtige Gemeinsamkeit gab, die die Leute miteinander verband: Die deutsche Denkart. Was diese Denkart wirklich ausmachte, hätte er nicht ohne lange zu überlegen sagen können, aber irgendetwas schien alle hier in der Fremde zu verbinden, was nicht allein in der Sprache liegen konnte. Und obwohl die wenigsten je Sehnsucht nach der Heimat äuβerten, schienen genau die typisch deutschen Eigenarten das Band zu sein, das verhinderte, dass sich die Gruppe auflöste. Und schon kurze Zeit nachdem Arthurs Vater zum ersten Mal mit Christa und Julius Deisenhofer in der Dorfschenke gewesen war, hatte er das Gefühl, von allen wie ein alter Bekannter behandelt zu werden. Gastfreundschaft war hier wie in Asunción eine Selbstverständlichkeit.
Wenn sie zu dritt von ihren Ausflügen in der Umgebung zu den Deisenhofers nach Hause zurückkehrten und sich am Abend bei einer Flasche Wein auf die Veranda setzten, erzählte Deisenhofer meist von der Geschichte der Kolonie, von den Anfängen seiner Eltern als Pioniere in dieser Wildnis und den nahezu unbegrenzten Möglichkeiten, die das Land bot.
„Man kann hier so viel auf die Beine stellen, mein lieber Freund“, sagte er immer wieder. Auf vorsichtiges Drängen von Arthurs Vater, die Möglichkeiten der Pelztierjagd etwas konkreter in Betracht zu ziehen, reagierte er zwar durchaus erfreut, allerdings nie mit handfesten Vorschlägen. Für Deisenhofer schien es gemachte Sache zu sein, dass Arthurs Vater mit Begeisterung in seine eigenen Geschäfte miteinsteigen würde.
Von geschäftlichen Fragen abgesehen war es Arthurs Vater irgendwann am Abend gelungen, das Gespräch auf Luisa und Justina im Deisenhofer’schen Stadthaus in Asunción zu lenken. Zu oft kreisten seine Gedanken um die beiden Frauen im Hinterhaus. Es musste eine Erklärung dafür geben, dass eine Frau wie Luisa mit gleich drei Kindern in Deisenhofers Stadtwohnung praktisch schalten und walten konnte wie es ihr behagte.
Was er von Deisenhofer über Luisas Geschichte erfuhr, verschlug ihm die Sprache. Dabei hatte Deisenhofer noch nicht einmal von ihren grausamen Kindheitserlebnissen gesprochen.
„Das schöne Kind ist schon als Siebzehnjährige zu uns in mein Elternhaus gekommen“, fing Deisenhofer zu erzählen an. „Franzisco, ihr Vater, hatte schon viele Jahre vorher bei meinen Eltern als Feldarbeiter mitgeholfen. Verstehst du, mein Freund, er kam immer dann, wenn sein Geldbeutel leer war und hat die Felder sauber gehalten, bei der Weinlese mitgeholfen und so weiter. Mein alter Herr hat Franzisco immer wieder Arbeit gegeben, weil ein zäher Bursche war und eine angefangene Arbeit nie abgebrochen hat.“
„Und seine Familie? Haben sie hier gewohnt?“, wollte Arthurs Vater wissen.
„Nein. Zu Anfang wussten meine Eltern nicht einmal, dass er Frau und Kinder hatte. Die Familie, also auch unsere kleine Luisa, lebte einige Kilometer weiter südlich an der Straβe nach Villarica. Franzisco hat sich bei uns im Arbeiterhaus einquartiert, solange es bei uns etwas zu tun gab. Aber das sag ich dir, mein Freund, ein Kind von Traurigkeit war der nicht! Am Abend hat er sich fast immer irgendwo in der Gegend herumgetrieben und seinen Spaβ gehabt. Trotzdem kam er am Morgen immer auf’s Feld, sobald es hell wurde. Aber mit den Jahren fingen bei ihm dann die kleinen Zipperlein an: die Knochen taten weh, manchmal auch die Zähne, wie das so ist. Da war er dann zwar nicht mehr der Richtige für schwere Feldarbeit, aber er wurde immer beständiger, verschwand nicht mehr monatelang und mein Vater konnte sich auf ihn als Arbeiter verlassen, auch wenn er eigentlich nur noch zum Aufpasser und Handlanger taugte.
Aber weißt du mein lieber Freund, mein Vater selbst wurde ja auch nicht jünger. Er wollte, dass mein kleiner Bruder Anton und ich die ganze Wirtschaft nach und nach übernähmen. Jeder zur Hälfte! Da gab es für meinen alten Herrn nichts, mein Freund. Von wegen ältester Sohn, Alleinerbe und so weiter. Das sag ich dir: mein Vater war da sehr gerecht! Ich hatte inzwischen meine Christa kennen gelernt und mein Vater hat mir geholfen, dieses Haus zu bauen. Anton ist bei den Eltern geblieben. Aber meine Mutter, die gute Frau, war eben auch schon recht alt und irgendwann fiel ihr die Hausarbeit schwer. Sie hatte zwar schon lange eine Haushaltshilfe, die das Haus sauber gehalten, gewaschen und gebügelt hat, aber Kochen, Einkaufen, Nähen und im Herbst das Obst einkochen und so weiter hatte sie sich nie nehmen lassen. Und auch das wurde ihr irgendwann zu viel, deshalb haben wir eine zweite Hausangestellte gesucht, die waschen, bügeln und putzen sollte, während das frühere Hausmädchen die Küchenarbeit übernehmen würde. Ja, und Franzisco hat meinen Eltern erzählt, dass er eine siebzehnjährige Tochter hätte… und alles Weitere ergab sich für unsere Luisa wie von selbst. Ich sage dir, mein lieber Freund, sie war glücklich über die Stelle. Meine Eltern waren zwar streng, aber immer freundlich und gerecht zu der Kleinen.“
„Und wieso lebt Luisa heute in der Stadt?“, warf Arthur Vater ein.
Deisenhofer grinste eine Weile schweigend, dann fuhr er fort: „Ja weiβt du, mein lieber Freund, mein kleiner Bruder Anton war damals, als dieses schöne Weibsbild zu meinen Alten ins Haus kam, grade mal fünfundzwanzig Jahre alt! Da kannst du sicherlich verstehen, dass mein lieber kleiner Bruder ganz und gar nicht abgeneigt war, dieses hübsche junge Ding näher kennen zu lernen, was? Es hat nicht lange gedauert, bis die beiden alles andere waren als ‘Sohn des Hauses’ und Hausangestellte, ha ha ha! Und wen hat das schon gestört? Warum sollte jemand etwas dagegen haben, dass Anton und das hübsche Dienstmädchen ihren Spaβ miteinander hatten? Ich glaube, meine alten Herrschaften haben zwar gewusst, dass ihr kleiner Bub das Hausmädchen dann und wann in seinen eigenen Dienst einspannte, aber niemand zerbrach sich den Kopf darüber.“
Deisenhofer lächelte bei der Erinnerung. „Allerdings stand für uns alle immer fest: der Junge müsste irgendwann seine Hörner abgestoβen haben und sich eine Frau zum Heiraten und Kinderkriegen suchen. Und zwar eine Hellhäutige mit blauen Augen! Eine von uns eben!“
Arthurs Vater schluckte peinlich berührt. Deisenhofers selbstgefälliges Kichern ärgerte ihn, er sagte aber nichts.
Читать дальше