»Pano«, sagte der Alte forsch. Ich besaß keinen Stoff. Inzwischen hatte ich den universellen Wert von Stoffen für diese Menschen begriffen, heuchelte aber angesichts des geringen Gegenwertes mein tiefes Bedauern. Kranke, gelbe Augen irrten wirr umher, bis er energisch durch sein lückenhaftes Gebiss schnalzte: »Acucár?«
»Nein, ich habe auch keinen Zucker«, log ich ziemlich gereizt. Er würde ihn doch nur für das Teufelsgebräu brauchen, das ihre Augen gelb, ihre Sinne trüb machte. Gujóme hieß es. An ganz bestimmten Tagen schöpften die Frauen im Schatten großer Bäume diese stinkende Brühe mit Blechbüchsen aus Blechtonnen. Ein widerliches Zeug und äußerst gefährlich. Sie brauten es nicht nur in ausgedienten, verrosteten Tonnen, sie gaben auch hinein, was wir als Sondermüll entsorgten, um eine Kontamination des Erdreiches zu verhindern: Batterien.
Bitterstoffe mussten sein, egal woher sie stammten. Jeder fragte sich, wie ihre Leber aussehen mochte und wie lange sie die Welt noch mit ihren Augen erleben durften.
Ich fuchtelte mit sechs Fingern vor seiner Nase herum, um anzudeuten, wie viele Eier er für eine Tüte Zucker herausrücken müsse, die Ngula gar nicht mehr hatte.
Ich weiß nicht mehr, was mich an jenem Tag so wütend gemacht hatte. Es kann nur das mütterliche Herzweh gewesen sein, das nicht nachlassen wollte. Freundlich brauchte ich jetzt nicht mehr zu sein, aus dem Geschäft würde nichts werden.
Ngula packte bereits mit wütendem Blick ihr Bündel zusammen. Dabei drehte sie sich zum Himmel, als wollte sie an die nahende Dämmerung erinnern. Ihr merkwürdiges Stöhnen und ihr Zucken verrieten etwas Bedrohliches. Ich folgte ihrem Blick über die unendliche Weite des Hochplateaus, das sich von hier scheinbar bis in die Unendlichkeit erstreckte. Natürlich sah ich Neuweltmensch nur etwas Wundervolles. Mit letzter Kraft hatten die Sonnenstrahlen einen prächtig schillernden Regenbogen vor die abziehende, dunkle Wolkenwand gespannt. Wie eine winzige Krone thronte die fade Sichel des Mondes darüber, der schon am langsam ermattenden Himmel hing.
Ngula zerrte das Bündel mit ihrem Baby nach vorn und auch die anderen Frauen schnürten die Bündel zusammen. M ais velho klopfte mit einem der hölzernen Schlangenstöcke auf den Betonboden und trieb die Frauen mit merkwürdig schnalzendem Ton an.
Es war jene Zeit, als ich noch wissbegierig jede Vokabel zu lernen versuchte. Baloico und lua , nur so viel konnte ich später von den ängstlichen Worten in mein Gedächtnis zurückrufen. Mühsam fügte ich sie einzeln aus dem Wörterbuch zusammen und verstand nicht, was oder ob es etwas bedeuten könnte: »Mond und Schaukel?«
Ich huschte zurück in die spartanische Küche und vergrub mich in längst fälliger Kleinarbeit. Überreife Guaven-Früchte mussten noch ausgeschält und zu einem süßen Brotaufstrich eingekocht werden. Bei stupider Arbeit meldete sich zumeist mein Gewissen. Ich hatte die Balance im Umgang mit diesen mir fremdartigen Menschen noch nicht gefunden und war dem Heulen nahe. Sie brauchten, was wir hatte, wie wir brauchten, was sie uns geben konnten.
Ich war alles andere als lebensunerfahren, aber Arne, der schon vor sechs Monaten vorausgereist war und diese Welt besser verstand, hatte mich gewarnt. Wenn man denen die Hand zu weit ausstrecke, bekäme man sie nie wieder los.
Warum hatte er das gesagt? Warum bin ich hier? Warum ist dieser Tag so schwer?
Nicht lange danach ersann ich eine gute Tat, um meinen Seelenfrieden, meine Achtung vor mir selbst wieder herzustellen. Etwas herauszufinden, war nicht schwer. Es durchzuführen schon eher. Arne würde mir zu dieser Stunde strikt verbieten, die Wohnung zu verlassen. Doch Arne saß im kleinen Zimmer an seinem Schreibtisch und las die ersten Kapitel der Diplomarbeit seiner Studentin Celestina. Wenn ich aber aus der separaten Küchentür schlüpfte, würde er es gar nicht hören.
Unbemerkt erreichte ich das lichtlose Treppenhaus und lief hinunter in die Vorhalle, wo immer ein bewaffneter Posten stand, der uns zu beschützen hatte. Hier herrschte Krieg.
»Boa noite«, grüßte ich blind vor Dunkelheit und streckte ein halbes Stangenbrot und die Schüssel mit dem Rest lauwarmer Makkaroni vorsichtshalber weit von mir. Die fremden Augen waren besser an die Finsternis gewöhnt. Zielsicher aber nicht hastig griffen zwei eiskalte Hände danach.
»Bon apetite!« sagte ich, diesmal betont freundlich. Die Gestalt eines besonders jungen Burschen erschien für einen Moment im faden Lichtkegel eines vorbeifahrenden Autos. Er trug die Kalaschnikow vor dem Körper und sein Drillich schlappte um den schmächtigen Körper herum. Aus der Dunkelheit klang die helle Stimme: »Obrigado Senhora! Obrigado!«
Ich spürte geradezu, wie er buckelte. Nur schemenhaft konnte ich sehen, wie seine Augen glänzten, wie die Zähne blitzten. Die schwarze Haut seines Gesichtes verlor sich im Nichts.
Rekrutieren die jetzt auch schon Kinder? Ich ärgerte mich. Bei Tageslicht hatte ich den Jungen keines Blickes gewürdigt. Man lief vorbei, man nahm nicht wahr, was man nicht wahrhaben wollte. Weltweit wurde Rebellenführer Jonathan Savimbi wegen der Kinder in seiner Armee angeprangert, die den längsten und mörderischsten Konflikt auf dem Kontinent am Zündeln hielt. Einst brillanter Akademiker mit Doktortitel, war er nun in seinem Streben nach dem Präsidentensessel zum psychopathischen Egomanen mutiert. Seine Rebellen verübten Terror und Grausamkeiten, wüteten in Dörfern und Städten, erzwangen sich Proviant und Rekruten. Da hatte es dieser Bursche in der Staatsarmee vermutlich leichter.
»Quantos anos tem?«, fragte ich nach seinem Alter, ein Wort deutlich an das andere reihend.
»Dezassete«, flüsterte er und trat für einen Moment aus der stockdunklen Vorhalle näher an die stets offene Haustür. Ja, er war noch jung. Sehr jung.
»Aha, siebzehn«, übersetzte ich, wieder sehr betont, als müsse er es auf Deutsch wiederholen, wenn er unser Beschützer sein wollte.
Ich spürte meine sprachliche Ohnmacht und lächelte, und er lächelte zurück; Carlos heiße er und stamme aus der Gegend von Tundavala.
Mit viel zu vielen falschen Worten und in viel zu hohen Tönen schwärmte ich, welch ein Glück er habe, so nah bei dieser gigantischen fenda zu wohnen. Ich sagte es so, als wäre eine atemberaubende Schlucht gleichsam in der Lage, einen hungrigen Bauch zu stopfen und einen frierenden Leib zu wärmen. Uns verwöhnten Europäern fehlten hier zwar die kleinen Ikonen der zivilisierten Welt, aber Hunger und Kälte quälten uns nie.
Solange ich hier stehe, wird er nicht essen, überlegte ich, ohne zu wissen, was zu tun war. Auf der Straße fielen Schüsse. Hier ballerte man von früh bis spät. Keiner von uns kam dahinter, was das sollte oder wem die Schüsse galten. Der Krieg tobte in dieser Zeit in den entfernteren Provinzen Cuando Cubango, Huambo, Moxico und, wie man erzählte, auch im Nordosten bei den Diamantenminen. Carlos zuckte nicht einmal. Ich aber schimpfte in die Dunkelheit: »Diese Idioten! Dieses Imponiergehabe!«
Berechenbar waren die Waffenträger in der Tat nicht. Der Junge aber blieb ungerührt stehen und ich fragte ihn so nebenbei, wie oft die Mumuila mit ihren Waren in dieses Haus kämen.
»Mais o menos«, sagte er und seine Stimme versetzte mich nicht zum ersten Mal in Staunen. Nur vier Silben, aber sie klangen melodiös wie ein Lied. Es war zu dunkel, um sein Gesicht genau zu sehen. Nur der Luftzug, der mir seinen Geruch in die Nase trieb, kündete vom Fuchteln seiner Arme. Es schien, als bete auch er — wie Ngula zuvor — und er sagte etwas, wovon ich nur ein Wort im Wörterbuch wiederfand: Mahamba. Die Götter der Ahnen.
Zu dieser Zeit wusste ich noch nicht, dass im Glauben der Naturvölker die Götter der Ahnen einen nahen Tod voraussagten. Dennoch gefiel mir zum ersten Mal die Dunkelheit. Sie verschluckte mein Lächeln, nicht jenes über den Glauben, wohl aber jenes über die Freude, die ich mir selbst bereitet hatte. Carlos stieß seinen hitzigen Atem von sich, setzte sich endlich auf den schmutzigen Beton der Vorhalle und grub seine bloßen Hände hastig in die Schüssel. Das nutzlose Ding, meinen Löffel, legte er auf den Mauersims.
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