„Dein Napf ist voll“, sagte ich zu ihm, denn das stimmte. Schnorri ignorierte dies gekonnt und miaute noch einmal.
„Du bekommst nichts.“ Miau. An dieser Stelle hätte sich meine Mutter wahrscheinlich schon wieder zu seiner Sklavin gemacht und ihm noch zusätzlich das Nassfutter rausgeholt, denn Schnorri soll es ja an nichts mangeln. Dass es ihm an nichts mangelte, sah man auch bereits, auch wenn meine Mutter immer wieder betonte, dass er über die Jahre ein dichteres Fell bekommen hatte.
Schnorrbert miaute noch einmal, aber als ich ihn noch immer ignorierte, zog er schließlich beleidigt von dannen. Wahrscheinlich würde er sich heute Abend dafür rächen, indem er sich vor dem Fernseher nicht von mir streicheln ließ.
Ich tippte eine Nachricht an Guillaume: Ich werde noch wahnsinnig!!!
Ja, es machte mich wahnsinnig, dass ich keine Ideen hatte und irgendwie musste das raus. Noch zwei Wochen, dann mache ich Urlaub, dachte ich. Und dies war eines der wenigen Male, dass ich meiner Umwelt recht geben musste.
Am Abend erhielt ich eine Nachricht von meiner Mutter: Hallo Maia, alles gut bei dir? Wie geht es Schnorri? Vermisst er uns schon?
Ich schickte ihr einen Daumen nach oben. Schnorri geht es super , bestätigte ich und kraulte dabei gedankenverloren den Kopf des Katers, der es sich auf meinem Schoß gemütlich gemacht hatte. Offensichtlich war er dann doch nicht so – oder zumindest nicht mehr – beleidigt gewesen, dass er mich mit seiner Abwesenheit strafen wollte. Außerdem hatte ich mir eine Flasche guten Rotwein aufgemacht. Ich trank eigentlich selten, aber mein Vater war ein bekennender Weinliebhaber und ich konnte nicht anders als von seiner Sammlung zu profitieren.
Meine Mutter schickte einen Daumen nach oben zurück. Deinem Vater und mir geht es auch wunderbar, ist schön hier. Wir haben dich lieb.
Wie schön, dass meine Eltern sich amüsierten.
Ich euch auch, habt viel Spaß und erholt euch , schrieb ich.
Während ich meinen Eltern schrieb, vibrierte mein Handy, um mir zu zeigen, dass ich eine weitere Nachricht bekommen hatte. Tout va bien se passer. – Alles wird gut. Guillaume. Er fragte noch nicht einmal mehr, warum, und dafür liebte ich ihn umso mehr. Er wusste einfach genau, wie es mir ging. Und genauso wusste ich auch, dass er mir nicht schreiben brauchte, dass er für mich da war, denn auch das wusste ich.
Tout va bien se passer – Alles wird gut, wiederholte ich. Alles wird gut.
Die zwei darauffolgenden Wochen spielte sich jeder Tag ungefähr in einer gleichen Reihenfolge ab: Aufstehen, Frühstück für Schnorri, Frühstück für mich, Schnorri rauslassen, Schnorri reinlassen, Schnorri rauslassen und so weiter.
Ohne es wirklich zu wollen, hatte ich mich im Endeffekt doch zum Diener der Katze meiner Eltern gemacht, denn ich hatte – trotz aller Bemühungen – einfach kein geregeltes Leben.
Ich hatte meinem Verleger ein paar Ideen geschickt, wie mein neues Projekt aussehen könnte, aber als er mich konkret danach gefragt hatte, wie diese Ideen denn aussähen, unter anderem in Form von Personen, Namen, Charakterzügen et cetera, musste ich mal wieder passen.
In dieser Zeit war ich auch einige wenige Male in Hamburg, nur um mich ein wenig von der Stadt inspirieren zu lassen, denn ich dachte schon, vielleicht hat die Leere des Landes etwas mit der Leere in meinem Kopf zu tun, aber auch ein Herumstreifen an den belebteren Orten der Stadt führte zu keiner Erleuchtung. Wie sollte das bloß weitergehen?
Aufstehen, Frühstück für Schnorri, Frühstück für mich, Schnorri rauslassen, Schnorri reinlassen, Schnorri rauslassen und zwischen durch hin und wieder mal etwas essen. Dann den Abend vor dem Fernseher verbringen und schließlich schlafen gehen. Und das jeden Tag…
***
Somit war ich sogar fast froh, als ich meine Eltern vom Hafen abholte.
„Hallo mein Schatz! Wie geht es dir?“, begrüßte meine Mutter mich mit offenen Armen. Ich erwiderte ihre Umarmung und tat das gleiche mit meinem Vater, allerdings ohne einen Wortwechsel.
„Gut, danke“, sagte ich – mal wieder – kurz angebunden.
Ich half meinen Eltern mit dem Gepäck (schließlich wollte ich ja eine gute Tochter sein) und wir stiegen ins Auto.
„Es war einfach so wunderbar“, schwärmte meine Mutter drauf los, kaum dass ich das Auto gestartet hatte und ohne dass ich danach gefragt hatte. „Du kannst dir die Natur dort oben gar nicht vorstellen“, sagte sie weiter. Doch kann ich, denn schließlich waren wir öfters im Sommer in Dänemark, als ich noch ein Kind gewesen war.
Ich sagte immer noch nichts.
„Stimmt’s Herbert? Dir hat es doch auch gefallen, oder?“
Mein Vater grummelte etwas Unverständliches.
„Ach, jetzt sei doch nicht so“, nörgelte meine Mutter in Richtung ihres Mannes.
„Ich glaube, Papa ist einfach ein bisschen müde“, sagte ich, um ihn zu entschuldigen.
„Auf jeden Fall…Wenn du Zeit hast, dann solltest du das auch mal machen. So eine Kreuzfahrt ist echt toll.“ Konnte meine Mutter denn nie aufhören zu reden?
„Hm“, machte ich und ließ ihr dabei ein wenig Interpretationsspielraum.
„Was ist denn los?“, wollte sie wissen. Offensichtlich hatte sie gemerkt, dass ich ihren Enthusiasmus nicht teilte.
„Ach nichts…“, antwortete ich und zuckte leicht mit den Schultern.
„Wie läuft denn dein Projekt? Konntest du ein bisschen was schaffen, auch wenn du dich um unser Haus gekümmert hast?“
Ich hatte für einen Moment schon wieder vergessen, dass ich meinen Eltern diese kleine Notlüge aufgetischt hatte und musste für eine Millisekunde nachdenken, als mir wieder einfiel, was sie meinte.
„Jaja, das passt alles schon. Das wird alles noch ziemlich lange dauern. Aber das wird schon“, sagte ich so lapidar wie möglich und hoffte dabei wieder, dass meine Mutter nicht merkte, wie unwohl ich mich dabei fühlte.
„Wo seid ihr denn überall gewesen?“, fragte ich, um das Thema zu wechseln.
„Oh, da fragst du mich jetzt was. Da muss ich echt auf der Karte nachgucken, die Namen der Orte kann ich mir alle so nicht merken, aber das war die ganze norwegische Küste hoch und dann wieder zurück. Dein Vater und ich haben schon beschlossen, dass wir das nächste Mal von Kiel aus starten und dann Kopenhagen, Helsinki und Tallinn machen wollen“, antwortete meine Mutter immer noch voller Enthusiasmus. Na, da hatten sich die beiden ja was vorgenommen.
„Schön“, sagte ich und versuchte zumindest das Gefühl zu vermitteln, dass ich mich für meine Eltern freute.
„Ist irgendetwas? Du bist so still“, merkte sie nun an.
„Nein, alles gut“, tat ich ab. „Ist momentan nur alles etwas stressig. Hab nicht so viel geschlafen.“
„Ja, du siehst wirklich etwas blass aus. Du solltest wirklich mehr schlafen.“
„Also wenn mich jemand so zureden würde, dann wäre ich auch müde“, kam es nun von meinem Vater und ich warf ihm über den Rückspiegel einen komplizenhaften Blick zu.
„Ich wollte Maia doch nur erzählen, wie toll es war“, verteidigte sie sich.
„Du kannst ihr doch zu Hause auch einfach die Bilder zeigen, dann sieht sie es selbst“, schlug mein Vater vor.
Mein Vater – immer pragmatisch.
Daraufhin sagte meine Mutter nichts mehr und der Rest der Fahrt verlief eher schweigend und ich warf meiner Mutter hin und wieder einen Seitenblick zu und sah, dass sie sich ausruhte, was wohl nach so einer Reise auch irgendwie verständlich war.
„Schnorri! Schnorri, mein Schätzchen! Mami und Papi sind wieder zu Hause!“, rief meine Mutter ihre Katze ein wenig später, nachdem ich uns sicher zum Haus gefahren hatte.
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