Es hat ein paar Jahre gedauert, bis sie sich in dieser Welt einen Namen machte, aber heute zählt sie zu dem einzigen Vertreiber von Samento .
Alice kam eigentlich nur durch Zufall darauf, dass sie drei Sorten von Blut zusammen mischen muss um diese Wirkung zu erhalten.
Man nimmt zu gleichen Teilen den Lebenssaft von einem Vampir, einem Gestaltwandler und einem Werwolf. Es wird getrocknet, zu Pulver verarbeitet und in kleine Flakons gefüllt. Man kann es entweder durch die Nase ziehen oder mit reinem Wasser vermischen und sich spritzen. S macht schon nach dem ersten Versuch süchtig. Allerdings ist es nicht ein Verlangen, welches man durch eine kurze Abstinenz wieder los wird. Es ist eine Sucht, als hinge das eigene Leben davon ab, die Junkies können gar nicht anders, als sich die nächste Portion zu verschaffen, weil sie einfach die grausame Empfindung haben, ansonsten qualvoll zu sterben.
Liam erkundigte sich vor ein paar Jahren einmal danach, wie Alice das alles mit ihrem Gewissen vereinbaren kann, immerhin verseucht sie ihre eigene Spezies. Doch Alice antwortete nur spöttisch: »Was sind sie schon? Dämonen, die Menschen töten. Warum soll ich nicht ein wenig nachhelfen, dass die Bevölkerung weiterhin in Ruhe leben kann? Ein süchtiger Vampir hat kaum noch die Zeit, sich an einem Menschen zu vergreifen, er ist immer auf der Jagd nach dem nächsten Tropfen S. Ein Gestaltwandler kann sich nicht mehr in ein Raubtier verwandeln, weil er ständig auf Wolke sieben schwebt und auch die Ghoule interessieren sich nicht mehr sonderlich für menschliche Wesen, sondern nur noch für die Drogen.« Sie zuckte mit ihren schmalen Schultern. »Also, was soll‘s.«
Über solche Kaltblütigkeit konnte Liam nur den Kopf schütteln. Er schwor sich, dass er niemals auch nur ein Körnchen von diesem Teufelszeug probiert, er wollte seine Eigenständigkeit und seinen Willen gerne behalten. Auch Alice verfiel nie dem höllischen S .
Alices Wunderland ist beinahe rund um die Uhr geöffnet, was Tagsüber ein schäbiger Kuriositätenladen ist, verwandelt sich des Nachts in eine kleine Schenke. Kurz nach Dunkelwerden kommen die ersten Dämonen und trinken hier etwas, oder kaufen heimlich ihr höllisches S .
Der größte Wunsch der Werwölfin ist, dass sie genug Geld zusammenspart, um sich in England ein Haus zu kaufen und dort, ohne zu arbeiten, gut lebt. Jede noch so kleine Einnahme, die sie nicht an Liam oder einen ihrer zahlreichen Lieferanten auszahlen muss, trägt die kleine Wölfin auf ihr Sparbuch. Sie hat schon eine beträchtliche Summe zusammen, aber für den Lebensabend, der ihr vorschwebt, reicht es noch lange nicht. Der Vampir hofft, dass Alice ihm dann ihr Geschäft überschreibt, er würde sich in Paris gerne niederlassen, er will nie wieder nach England zurückkehren. Hier fühlt er sich wohler, seine Freunde wohnen in Frankreich und die Menschen sind einfach netter und schmecken besser.
Alice hält ihm ein dickes Buch unter die Nase.
»Das stellen wir ins Fenster, das wird sofort weg sein.«
Liam wirft nur einen Blick auf das Cover und den Namen des Autors. Er ist derselben Meinung wie die Werwölfin, Stephen King verkauft sich immer gut und sein Bestseller ›ES‹ wird wahrscheinlich noch heute einen Abnehmer finden.
»Ist von King noch was dabei?«, fragt der Vampir, weiß aber im gleichen Augenblick, dass das nicht der Fall ist. Hat er doch selbst bereits die Kiste durchwühlt.
»Nein«, erwidert Alice auch einige Sekunden später. »Sonst keins mehr. Aber hier sind noch ein paar DVDs von Hitchcock, die kannst du auch in die Auslage legen. Alles für je einen Fünfer, dann sind wir sie schnell los.«
»Okay«, Liam nimmt ihr das Buch und die drei CD-Hüllen aus der Hand und geht zum Fenster. Nach einigen Überlegungen räumt er die Bücher, die sich dort bereits wundliegen weg und ersetzt sie durch den Roman und die DVDs. Auf kleinen Zetteln schreibt er Fünf Euro und legt sie jeweils vor die Artikel.
Er geht durch die Eingangstür und prüft von außen, ob alles so liegen bleiben kann.
In diesem Moment fährt jemand aus der Garage heraus, die ihrem Geschäft gegenüberliegt.
Liam hat den Kerl in seinem Mercedes bereits ein paar Mal gesehen, und er musste sich eingestehen, dass ihm jedes Mal ein Schauer den Rücken herunter läuft. Der Wagen ist das neuste Modell, aber daran liegt es nicht, dass der Vampir sich bei seinem Auftauchen so unwohl fühlt. Es ist eher der Fahrer, der angsteinflößend ist. Obwohl er ganz normal aussieht, schlank mit dunklen Haaren, so löst er doch bei dem Vampir einen sofortigen Fluchtreflex aus. Liam muss sich zusammen nehmen, um nicht laut zu knurren. Dabei würdigt der Fahrer ihn noch nicht einmal eines Blickes. Rasch zieht er sich wieder zurück in den Laden, schließt hastig die Türe hinter sich, als wäre der Teufel persönlich scharf auf ihn. Die Türklingel stößt nur ein heiseres Krächzen aus, zu mehr ist sie nicht fähig.
»Was ist denn mit dir?«, fragt Alice amüsiert. »Hast du ein Gespenst gesehen?«
»So etwas Ähnliches«, Liam atmet laut und keuchend. »Unser Nachbar scheint wegzufahren und das ausgerechnet, wenn ich mal draußen bin.«
»Was hast du denn gegen ihn?«
»Nichts«, meint der Vampir. »Er ist nur …«, hilflos zuckt er mit den Schultern.
»Ich weiß nicht. Er ist mir einfach unheimlich.«
Alice lacht hinter vorgehaltener Hand.
»Dir? Das ist ja zu komisch.«
Liam gibt ein abfälliges Schnaufen von sich und beginnt die Bücher aus der riesigen Holzkiste in die Regale einzuräumen.
Alice kichert noch ein wenig vor sich hin, dann meint sie langsam:
»Ich kenne den Typen, der mit ihm zusammenwohnt. Der war schon mal hier.«
Liam hebt interessiert den Kopf.
»Ach ja? Und?«
Die kleine Werwölfin zuckt mit den Schultern.
»Nichts und … er ist ein Mensch. Ich glaube, er heißt Charles, oder so ähnlich. Ich weiß auch nicht, was er macht, aber, er scheint nett zu sein.«
Der Vampir überlegt einen Moment.
»Woher weißt du eigentlich, dass der Blutsack bei dem unheimlichen Kerl wohnt?«
Auf Alices Gesicht erscheint ein breites Grinsen.
»Madame Geraldine«, sagt sie lachend.
Liam stimmt in ihr Lachen ein.
Madame Luisa Geraldine ist eine alte Frau, die zwei Häuser weiter wohnt. Sie hat für ihre Mitmenschen nichts als Spott übrig und ist die größte Klatschtante, der gesamten Rue Denfert Rochereau. Sie weiß alles von jedem und wenn sie etwas nicht weiß, dann erfindet sie es einfach.
Sie war es auch, die Alice erzählte, dass die beiden Männer sich eine Wohnung teilen. Sie berichtete es in einem verschwörerischen Flüsterton und hinter vorgehaltener Hand, so als wolle sie Alice das bestgehütete Geheimnis der Welt anvertrauen. Die Kleine zuckte auf diese Offenbarung hin, nur die Schultern. Eine Reaktion, mit der Madame Geraldine nicht gerechnet hatte. Aber da sie wollte, dass Alice genauso entsetzt darüber war, wie sie, legte Madame noch einen drauf.
»Aber«, krächzte sie heiser und rückte noch näher an Alice heran. »Stellen Sie sich vor … sie haben sogar ein Schlafzimmer … zusammen .«
Triumphierend sah die Alte Alice an. Ganz so, als wollte sie noch hinzufügen: Na, was sagst du jetzt, Mädchen .
»Waren Sie schon einmal bei den jungen Männern in der Wohnung?«, fragte Alice und sah Madame neugierig an.
»Nein. Nein, natürlich nicht«, rief sie entsetzt und beugte sich nach hinten. Die Hände auf ihren mächtigen Busen gedrückt, die Augen aufgerissen sah sie die Jüngere furchtsam an.
Es machte schon länger die Runde in der Straße, dass Madame Geraldine sich das ein oder andere Mal gewaltsam Zutritt zu einer Wohnung verschafft hatte, nur um ihre persönliche Neugierde zu stillen. Ob an dem Gerücht etwas Wahres dran war, wusste Alice nicht genau, aber vorstellen konnte sie es sich durchaus.
Читать дальше