Völlig fasziniert schüttelt der Geistliche erneut seinen fast kahlen Schädel.
»Pater Francesco«, sagt sein Freund in seine angestrengten Überlegungen hinein. »Sprecht mich bitte von meinen Sünden los.«
»Nennt mich nicht immer Pater, Samuel. Ich bin nur Pfarrer, aber das habe ich dir bereits hundertmal gesagt.«
Ein leichtes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht.
»Weißt du noch, wie oft du einen der Anwärter laufen ließt?«
Der Büßer hebt den Kopf, rasch blickt Francesco auf seine Hände, die gefaltet in seinem Schoß ruhen. Nicht noch einmal will er in diese roten Augen sehen, dieses Glühen, das anscheinend direkt aus der Hölle entsprungen zu sein scheint, diesmal wird es ihn umbringen.
»Es hält sich ungefähr die Waage, mein Freund«, sagt Samuel.
Also darum ist in diesem Jahr die Zahl so niedrig, denkt Francesco. Er erinnert sich an all die Jahre davor, da belief sich die Zahl von Samuels Opfer auf mindestens drei-oder vierhundert.
Dem Pfarrer fällt noch etwas anderes auf, sein Freund ist noch wortkarger, als sonst. Samuel hat noch nie viel gesprochen, aber heute muss er ihm jeden Satz förmlich aus der Kehle zerren.
»Samuel, was ist los mit dir? Bedrückt dich etwas? Sprich mit mir, du weißt, dass du mir alles anvertrauen kannst.«
»Es ist … nichts. Ich bin nur müde«, erwidert er.
Der Geistliche lässt ein heiseres Kichern vernehmen.
»Müde? Du?«, er schlägt sich eine Hand vor den Mund, um einen Lachanfall dahinter zu ersticken. Es ist aber auch zu komisch, da sitzt der Tod persönlich in seinem Beichtstuhl und behauptet müde zu sein. Ein Dämon, der bereits seit Anbeginn der Zeit existiert. Rasch denkt Francesco an etwas anderes, er kennt seinen Freund, ausgelacht zu werden gehört nicht gerade zu den Dingen, die er gut ertragen kann.
Der Pfarrer stellt sich Jesus vor, wie er in den Himmel auffährt und von Engelsposaunen dort begrüßt wird. Langsam lässt der Drang zu Lachen nach. Niemand ist darüber erfreuter, als er.
»Verzeih«, flüstert Francesco und räuspert sich unauffällig.
»Es freut mich, dass ich dich erheitern konnte, Pater«, meint Samuel und lächelt schief. »Aber können wir jetzt bitte fortfahren?«
»Sicher«, verstohlen hüstelt der Geistliche in seine Faust.
»Bereust du deine Sünden, mein Sohn?«
»Natürlich«, antwortet der Tod. »Jede einzelne davon. Aus tiefstem Herzen.«
»Gott, der barmherzige Vater, hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit sich versöhnt und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden.
Durch den Dienst der Kirche schenke er dir Verzeihung und Frieden. So spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.« Der Pfarrer vollzieht das Kreuzzeichen, ohne Samuel anzublicken. Er hat Angst, sich in den Höllenaugen zu verlieren und selbst in die ewige Verdammnis hinab gezogen zu werden.
Mit rauer Stimme antwortet Samuel:
»Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.«
Auch er bekreuzigt sich.
»Danket dem Herrn, denn er ist gütig«, Francesco schiebt eine Kunstpause ein, aber der Tod nickt nur.
»Der Herr hat dir deine Sünden vergeben. Geh hin in Frieden.«
»Amen«, meint Samuel und erhebt sich rasch.
»Bis zum nächsten Jahr, Francesco.« Samuel schließt die Beichtstuhltüre hinter sich und will so schnell es geht, diese Kirche verlassen. Er fühlt sich heute hier nicht wohl, hat ein merkwürdiges Gefühl, ganz so, als geschieht in absehbarer Zeit etwas Grausames, etwas Schlimmes und das genau vor seinen Augen.
»Warte, mein Sohn.«
Der Pfarrer beeilt sich aus dem Beichtstuhl heraus zu kommen, läuft hinter Samuel her und packt ihn am Arm. Er sieht, dass sich Muskeln und Fleisch unter seiner Hand befinden, dennoch hat er das seltsame Gefühl, als spürte er unter dem Mantel nur einen dürren Knochen. So als umgebe den Tod lediglich eine, für Menschen sichtbare Hülle, bestehend aus Haut, Muskeln und Fleisch.
Irritiert zieht Francesco seine Hand zurück, sieht auf Samuels Arm und kann es kaum fassen was er gerade fühlte.
»Was wolltest du noch, Pater?« Der Tod ignoriert Francescos verunsicherten Blick.
»Ich … ich weiß es nicht mehr«, murmelt der Pfarrer. Er hat wirklich vergessen, warum er seinen alten Freund aufgehalten hat. Mit dem Griff an seinen Arm scheinen alle Erinnerungen, Wünsche und Hoffnungen, aus Francesco gewichen zu sein.
»Wie gesagt«, sagt Samuel und wendet sich um. »Bis zum nächsten Jahr, Pater Francesco.«
»Hm«, murmelt der Pfarrer vor sich hin und stiert weiter auf seine eigene Hand, fährt mit dem Daumen über die Finger.
Er kann es immer noch nicht glauben, was gerade geschah.
Erst, als sich mit einem lauten Geräusch die Kirchentüre schließt, erwacht der Geistliche aus seiner Starre.
Mit einem leisen Aufschrei sieht er sich um, er ist völlig alleine.
Ein Seufzer der Erleichterung erklingt aus seinem Mund. Er strafft seine Schultern und begibt sich in sein eigenes, heiliges Zimmer, um sich an einer guten Flasche Scotch zu vergreifen.
Erst als die Flasche bereits zur Hälfte geleert ist, gestattet sich Francesco, erneut darüber nachzudenken, dass der Tod scheinbar anfängt, die Totgeweihten zu verschonen.
Tief in seinem Sessel vergraben, das spärliche Haar wirr um seinen Schädel, und ein Glas mit köstlicher, bernsteinfarbener Flüssigkeit gefüllt, wirft er den Kopf in den Nacken und lacht laut und herzhaft.
Nachdem das Tier seine Mahlzeit beendet hat, schlägt es sich tiefer in die Büsche. Dort hat es seine Anziehsachen versteckt. Es versucht sich zu konzentrieren, aber es will nicht recht gelingen. Sein Magen ist voll und der Geist viel zu überladen mit Eindrücken und Empfindungen, sodass es ihm schwerfällt, sich in seine menschliche Gestalt zurück zu verwandeln.
Nach einigen Anstrengungen gelingt es dem Tier dann doch. Sein gesamter Körper verändert sich. Wird kürzer. Die Schultern wandern an ihre ursprüngliche Stelle, die krallenbewehrten Pranken, mit denen es eben noch Maurices kalten Körper festhielt, verschwinden und formen sich zu ganz normalen Händen. Das riesige Maul, mit den messerscharfen Zähnen, scheint zu schrumpfen und verformt sich zu einem normalen Kopf. Zuletzt verschwindet das braune, zerrupfte Fell und zum Vorschein kommt die helle und reine Haut eines Mädchens.
Rasch schlüpft sie in ihre bereitliegenden Sachen, bindet sich die langen Haare zu einem Pferdeschwanz und geht leise pfeifend durch das Gebüsch in Richtung Straße.
Kurz vor dem Haus der DuMonts tritt sie aus dem Buschwerk und schlendert wie ein ganz normaler Passant auf dem Gehweg entlang.
Das Mädchen sieht so völlig normal und uninteressant aus, dass weder Madame DuMont, noch der Postbote, der gerade heftig mit Madame flirtet, sie beachten.
Du wirst gleich eine schreckliche Nachricht erhalten, denkt das Mädchen gehässig.
Denn ihrem aufmerksamen Gehör, ist nicht der leise Schrei entgangen, der die Auffindung von DuMonts angefressenem Leichnam begleitete. Gleich ist es aus, mit dem Flirten.
Schon sind die hektischen Schritte auf dem Asphalt zu hören, die Madame die grausige Nachricht überbringen werden. Aber bis Florence DuMont aufseufzend in die dargebotenen Arme des Postboten sinken darf, vergehen noch ein paar Minuten und bis dahin wird Alice bereits über alle Berge sein.
Es ist zehn Uhr vormittags, als das Mädchen die Tür zu ihrem Laden aufdrückt. Die nostalgische Klingel über dem Eingang gibt ein heiseres Gebimmel vom sich.
Ein junger Kerl, der gerade in einer großen Kiste mit Büchern wühlt, hebt den Kopf.
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