Franziska hob die Kamera, um die Position des Kopfes und des Schnittes festzuhalten, doch noch bevor sie den Auslöser betätigen konnte, vernahm sie erneut das laute Knirschen des Glases. Sorgenvoll blickte die Kommissarin dorthin, wo die Donau vor dem Haus bereits weit oberhalb der Sandsäcke zu sehen war und auf einmal hatte sie das beunruhigende Gefühl, als stünde sie in einem übergroßen leeren Aquarium, dessen Scheiben jederzeit einbrechen konnten, um das Wasser der Donau und alles, was darin schwamm, zu ihr hereinzulassen.
„Wir müssen jetzt wirklich raus“, mahnte der größere Feuerwehrmann und durchbrach die ehrfurchtsvolle Stille im Raum. „Das hier ist alles schon ein bisschen älter, und keiner weiß, wie lange das Glas dem immensen Druck standhalten kann.“
„Gut, dann nehmen wir ihn mit“, entschied Franziska, aber das Glas der Ladentür sang inzwischen so laut, dass es ihre Stimme beinahe übertönte.
„Sie haben Ihre Anweisungen, und ich meine. Bei uns geht der Eigenschutz vor, und weil wir für ihn ohnehin nichts mehr tun können“, er zeigte zu dem Mann, dessen Körper halb im Müllsack steckte, „sage ich: Wir gehen. Jetzt!“
Frömml nickte seinem Kollegen zu, woraufhin beide um den Tresen herum in Richtung Lagerraum und Fensterausstieg stapften. Hannes wandte sich ebenfalls um, nur Franziska blieb zurück und fotografierte fluchend alles, was ihr wichtig schien.
„Wo bleiben Sie denn?“, rief Frömml vom höher gelegenen Nebenraum.
Hannes drehte sich wieder zur Kollegin um. „Komm jetzt!“, rief er und versuchte energisch, nach Franziskas Arm zu greifen. Doch so schnell wollte die nicht aufgeben.
„Lass mich wenigstens noch ein paar Fotos machen.“ Sie entzog sich seiner Hand und knipste, sobald der Blitz wieder bereit war, in den Raum hinein. Immer wieder erhellte das grelle Licht der kleinen Kamera für einen Moment den schaurigen Tatort, bevor er erneut in einer diffusen Dämmerung verschwamm. Akustisch wurde die Szene von dem technischen Sirren der Kamera, wenn sich der Blitz wieder auflud, und dem unheimlichen Knirschen des Glases beherrscht. Unermüdlich wechselte die Kommissarin die Perspektive, um auch alle anderen Teile des Raumes festzuhalten.
Während sie sich Schritt für Schritt voran arbeitete, orientierte sie sich an dem massiven Tresen, als könnte er ihr, wie ein Fels in der Brandung, Halt geben. Ohne auf die warnenden Stimmen der Feuerwehrmänner und die aufgeregten und besorgten Rufe von Hannes zu hören, machte sie weiter, bis es in einem ohrenbetäubenden Knall die Schaufensterscheiben und die Glaseinsätze der Ladentür zerriss.
Braune Wassermassen schossen herein und füllten den Raum in Sekunden aus. Alles, was sich ihnen entgegenstellte, wurde einfach umgeschmissen und dann mitgerissen, bis sich die nächste stabile Wand den Wassermassen entgegenstellte. So erging es auch Franziska. Unfähig, sich nach dem lauten Knall noch in Sicherheit zu bringen, wurde sie vom eiskalten Wasser erfasst, herumgewirbelt und schließlich gegen den Tresen geschleudert, der ihr jedoch keinen Halt bot. Ohne wirkliche Orientierung versuchte sie die Wasseroberfläche zu erreichen, und als es ihr tatsächlich gelang, wurde ihr klar, dass sie sich knapp unterhalb der Decke befand.
Ist das Wasser schon so hoch gestiegen?, dachte sie, und dann schnappte sie hastig nach Luft, denn schon wurde sie erneut hinunter in die kalte braune Donau gezogen. Ihre Kleidung hinderte sie an sinnvollen Schwimmbewegungen, und die Muskeln waren von der Kälte des Wassers innerhalb von Sekunden träge und beinahe nutzlos geworden.
Nachdem die Donau den Raum erst einmal eingenommen hatte, stieg das Wasser zunächst höher und höher, bis es sich dem Niveau draußen vor der Tür angepasst hatte und schließlich zur Ruhe kam. Für Franziska dauerte dieser Vorgang eine Ewigkeit. Bei ihrem zweiten Versuch, Luft zu schnappen, hatte sie einige Schluck Donauwasser erwischt und trieb jetzt würgend und hustend und erneut Wasser schluckend in der Brühe, die sie gefangen hielt, ohne sie wirklich festzuhalten. Immer wieder wurde sie von herumschwimmenden Gegenständen gestreift, und bei ihrem Versuch, sich an irgendetwas zu klammern, daran erinnert, wie glitschig Wasser war.
Längst hatte sie die Orientierung verloren und begann gerade, mit ihrem Leben abzuschließen, als sie in der Ferne ein ganz schwaches Licht ausmachte. Kurz dachte sie an Walter und Hannes und sogar an Obermüller und daran, ob sie sie vermissen würden. Seltsame Bilder kamen in ihr hoch. Sie glaubte sich in einem Tunnel, der sie immer tiefer in sich hinein sog, bis am Ende … War das das Ende? Sah sie gleich ihren Lebensfilm rückwärts ablaufen, und wenn sie wieder Kind war, dann war alles vorbei?
Mit letzter Kraft begann Franziska mit den Armen zu rudern und mit den Beinen wild ins Wasser zu treten, bis sie tatsächlich etwas berührte, von dem sie sich abstoßen konnte. Und dann wurde das Licht heller, und sie hörte eine Stimme, Hannes‘ Stimme, die nach ihr rief: „Franziska!“
Sie spürte eine Hand, die nach ihr griff, sie aber nicht fassen konnte. Mein Gott, Hannes war da, Hannes wollte sie retten. Mit aufgerissenen Augen versuchte sie die Stelle zu erreichen, von der das Licht und weitere Stimmen kamen, und als sie es endlich schaffte, erneut eine Hand spürte, die nach ihr griff und an ihr zog, als sie sich schon gerettet wähnte, bekam sie einen fürchterlichen Schlag auf den Kopf und versank erneut in gnädiger Dunkelheit.
Wie ein geprügelter Hund stand Kriminalhauptkommissar Josef Schneidlinger auf dem Holzsteg unterhalb des Einstiegsfensters und machte sich selbst die schwersten Vorwürfe.
Natürlich war die Kollegin Steinbacher erfahren, und der junge Hollermann war ja auch mit reingegangen, aber wie sich jetzt gezeigt hatte, war die junge Kommissarin vielleicht doch noch nicht so weit – zumindest, wenn es um die Einschätzung des Risikos ging.
Der Hauptkommissar beugte sich über das Fensterbrett und versuchte einen Blick auf das Geschehen im Haus zu werfen. Als er vor wenigen Minuten am Tatort eingetroffen war, hatte man ihn mit der Aussage konfrontiert, dass sie jetzt vermutlich eine zweite Wasserleiche hätten. Nun, das kommt vor, dachte der Hauptkommissar im ersten Moment, schließlich war die Sachlage insgesamt etwas undurchsichtig. Als die Kameraden von der Feuerwehr jedoch hinzufügten, der Kommissarin wäre ja auch nicht zu helfen gewesen, wurde ihm schlagartig flau im Magen. Sie habe die Warnung selbst dann noch ignoriert, als es schon nicht mehr zu überhören war, dass das Glas im nächsten Moment zerreißen würde, berichtete ein Mann, und der Rest, na ja, der sei dann einfach Pech gewesen. Ihr Kollege hätte sie ja schon fast gehabt, als die Stützkonstruktion der Decke umkippte und der Balken der lebensmüden Kommissarin direkt auf den Kopf donnerte.
Nachdem er die Haustür ins Schloss gezogen hatte, war er noch froh darüber gewesen, dass er der aufgeladenen Stimmung, die an diesem Wochenende in seinem Elternhaus herrschte, den Rücken kehren konnte. Ausgestattet mit Gummistiefeln und einer regenfesten Jacke war er in seinen Porsche Boxster gestiegen, in weiser Voraussicht, dass er zwar nicht auf dem Weg zu einer echten Alternative für einen anständigen Sonntagabend war, aber immerhin weg kam. Er hatte die Autobahn genommen, war in Passau-Süd abgefahren, weiter über die B12 und dann runter auf die Regensburger Straße bis zum Schanzl. An der Ludwigstraße war er in die Fußgängerzone eingebogen und folgte ihr, bis er über den Heuwinkel zum Rindermarkt kam. Über die Messergasse und den Steinweg hatte er schließlich den Residenzplatz erreicht, wo man ihn dann nichtmehrweiterfahren ließ. Hier parkten auch der Bus der KTU und der Wagen von Franziska Steinbacher. Die gesamte Fahrt war Schneidlinger endlos und beschwerlich erschienen. Starker Regen prasselte auf das Verdeck seines Wagens, wie ein unermüdliches Stakkato, oder, wie er jetzt wusste, wie der Countdown zu dem Moment, in dem er hier stehen musste, um sich einem wahren Albtraum zu stellen.
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