Ludwig XVI. konnte sich brüsten, dem englischen Konkurrenten um die Macht in Europa und in den Kolonien eine empfindliche Niederlage beigebracht zu haben. Die Friedensverhandlungen fanden zudem in Paris statt, was für die Briten eine zusätzliche Schmach bedeutete. Der britische Verhandlungspartner war so verärgert, dass er sich weigerte, für das offizielle Gemälde Modell zu sitzen, das ihn neben den beiden Gründervätern der USA, John Adams und Benjamin Franklin, gezeigt hätte. Aber der Sieg, den Ludwig XVI. in Amerika erreicht hatte, leitete gleichzeitig seine Niederlage in Frankreich ein, denn in der Unabhängigkeitserklärung waren zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die universellen Menschenrechte verkündet worden. Die französischen Soldaten, die an der Seite ihrer amerikanischen Waffenbrüder kämpften, wurden von ihnen mit den Ideen und den Zielen der Aufständischen infiziert. Die Erklärung beinhaltete neben den unveräußerlichen Menschenrechten auch das Recht des Volkes, sich einer schlechten Regierung zu entledigen. Alle Menschen seien „gleich erschaffen“, stand in der Erklärung und jeder von ihnen habe das Recht „nach Glückseligkeit“ zu streben. Davon konnte in Frankreich keine Rede sein. Der König besaß alles, das Volk nichts. Die Adligen brauchten keine Steuern zu zahlen und frönten einem prunkvollen Leben am Hofe des Königs, die Bauern und Handwerker mussten dafür Abgaben und Steuern aufbringen. Als die französischen Soldaten in ihre Heimat zurückkehrten, waren sie empfänglich für das, was einige Jahre später als „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ durch ihr Land hallte.
Vier Jahre nach dem Ende des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs begannen im Mai 1787 in Philadelphia die Verhandlungen über eine gemeinsame amerikanische Verfassung. Schließlich verabschiedeten die Delegierten eine Verfassung, die neben dem Recht auf Glaubens-, Meinungs- und Pressefreiheit auch den Schutz vor Willkürmaßnahmen des Staates und der Gerichte garantierte. Die amerikanische Verfassung vom 17. September 1787 ist bis heute gültig und stellt durch die Trennung von Exekutive und Legislative und wegen der Einführung des Zweikammer-Systems einen Meilenstein der Menschheitsgeschichte dar. Rund anderthalb Jahre später stand Ludwig XVI. vor dem Staatsbankrott, weil das Kriegsabenteuer in den USA und die kostspielige Hofhaltung in Versailles ein tiefes Loch in die Staatskasse gerissen hatten. Mitte 1789 fasste er deshalb den Entschluss, die „Generalstände“ nach Paris zu laden. Diese Versammlung war seit 1614 nicht mehr einberufen worden, weil sie der Regierungsauffassung der absolutistischen Herrscher Frankreichs im Wege gestanden hatte. Nun sollten die Vertreter der Städte, des Adels, der Bauern und Bürger dem König durch die Genehmigung von Steuererhöhungen aus der Finanzmisere helfen. Aber die mehr als tausend Delegierten, die sich zur ersten Sitzung am 5. Mai 1789 in Paris einfanden, waren von der Eröffnungsrede des Königs enttäuscht, denn Ludwig wollte Frankreich nicht mit dringend notwendigen Reformen verändern, sondern durch Notmaßnahmen lediglich die Symptome der Krise beheben. Am 17. Juni 1789 sprachen sich Vertreter des 3. Standes, die Bauern und Bürger, dafür aus, aus der Versammlung der „Generalstände“ eine Verfassungsgebende Nationalversammlung zu machen, die das feudalistische System der französischen Sonnenkönige beenden sollte. Jahrzehnte lang hatten sie ansehen müssen, wie die Lage auf dem Land, bei den vielen Millionen Bauern immer dramatischer geworden war. Hungersnöte und Missernten, hohe Abgaben und Steuern, von denen der Adel ausgenommen war, hatten das Leben für die meisten Menschen beschwerlich gemacht. Jetzt wollten sie die Gelegenheit beim Schopfe packen und mit diesem sozialen Elend aufräumen. Schnell stellte sich heraus, dass sich auch einige Geistliche und Adlige von der aufrührerischen Stimmung anstecken ließen und die Forderungen des 3. Standes, die Monarchie zu stürzen, die Adelsprivilegien abzuschaffen, das Kircheneigentum zu konfiszieren und schließlich eine Republik auszurufen, unterstützten.
Der König war empört über diese „Anmaßung“ und erteilte den Befehl, die Ständeversammlung aufzulösen. Die Delegierten sollten sich an verschiedene Orte begeben und keinen Kontakt mehr untereinander haben. Der Sitzungssaal wurde geschlossen und verriegelt, gleichzeitig berief er für den 23. Juni 1789 eine „königliche Sitzung“ ein, von der die aufmüpfigen Delegierten aber ausgeschlossen waren. Als ein Königsbote den Delegierten die Entscheidungen Ludwigs XVI. mitteilte, ließ sich der Graf Mirabeau zu seinem Wutausbruch hinreißen. Kaum hatte er sich beruhigt, zogen die Delegierten ins benachbarte Ballhaus und schworen, bis zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung nicht mehr auseinander zu gehen. Dieser „Ballhaus-Schwur“ war die Kampfansage an das „Ancien Regime“ und zugleich der Startschuss zur wichtigsten Revolution der europäischen Geschichte. Als der König begann, Truppen in Paris zusammen zu ziehen, breitete sich revolutionäre Unruhe in der Stadt aus. Am 14. Juli 1789 stürmte eine aufgebrachte Menge die Bastille – das Gefängnis im Osten der Stadt - und öffnete die Tore für die Gefangenen. Die Nachricht vom Sturm auf die Bastille verbreitete sich ebenso schnell wie das Gerücht, es stehe ein Militärputsch bevor.
Die Nationalversammlung ließ sich davon nicht beeindrucken und führte in den kommenden Monaten radikale Änderungen in Frankreich durch, die am 26. August 1789 mit der Verkündung der „allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte“ einen ersten Höhepunkt erreichten. Die Adelsprivilegien wurden abgeschafft, die „Bürger und Menschenrechte“ erklärt und der Kirchenbesitz verstaatlicht. Ein Jahr nach Beginn der Revolution feierte die Pariser Bevölkerung mit 60.000 Delegierten aus den neu gegründeten Départments auf dem Marsfeld ein Förderationsfest, bei dem Ludwig XVI. einen Schwur auf das Wohl der Nation leisten musste. Aber die Jubelstimmung konnte kaum verdecken, dass die politische Lage zunehmend instabiler geworden war. Radikale Republikaner, deren wichtigste Sprecher Maximilien Robespierre und Georges Jacques Danton waren, und gemäßigte „Girondisten“ standen sich gegenüber. Zum Ort politischer Debatten stiegen die radikalen Jakobinerclubs auf. Sie sollten bald darauf die Keimzelle der Radikalisierung der Revolution werden.
Europa und die Revolution
In den europäischen Königshäusern herrschte angesichts der Revolution in Frankreich blankes Entsetzen. Während Intellektuelle und Schriftsteller anfangs voller Begeisterung die Revolutionsideale „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ über den Kontinent verbreiteten, machte sich in den Palästen der Fürsten Ratlosigkeit breit. Der deutsche Kaiser Leopold II., eines der vielen Kinder der österreichischen Erzherzogin Maria Theresia, war der einzige Potentat, der die Revolution nicht sofort ablehnte. Aber er hatte die innere Dynamik eines revolutionären Prozesses unterschätzt und schwenkte im August 1791 auf die Seite der Gegner der Revolution. Gemeinsam mit seinem preußischen Amtsbruder Friedrich Wilhelm II. setzte er sich nun für die Restauration der französischen Monarchie ein und schloss am 1. März 1792 ein Defensivbündnis mit Preußen gegen Frankreich. Der preußische König Friedrich Wilhelm II. stand der Revolution ebenso ablehnend und feindlich gegenüber wie der spanische König Karl IV. Auch die russische Zarin Katharina II. fand kein gutes Wort für den Umsturz in Paris. Zwar gehörte sie zu der kleinen Schar von „aufgeklärten“ Regenten, die der Aufklärung nahestand. Dennoch rief sie angesichts des Umsturzes in Paris zum Kreuzzug gegen die „französische Pest“ auf, bei dem es unsterblichen Ruhm zu ernten gebe. Unterstützt wurde sie vom schwedischen König, der vorsorglich Truppen ins belgische Spa schickte. Erbost über den Verlust des Kircheneigentums nannte Papst Pius VI. die Vorgänge in Frankreich gottlos und verdammte die Ziele der Revolution. Die unverhohlenen Drohungen der meisten europäischen Königshäuser, dem Spuk mit militärischer Gewalt ein Ende zu bereiten, ließen die revoltierenden Franzosen noch enger zusammenrücken. Von überall strömten die Menschen nach Paris, um „ihre“ Revolution zu verteidigen und brachten damit ihren Willen zum Ausdruck, die Revolution mit allen Mitteln zu verteidigen. Das löste bei den Gegnern des Umsturzes Angst aus. Denn sollten sich die Revolution und die Ideen der Aufklärung durchsetzen, würde in einem „aufgeklärten“ Europa auch ihre eigene Regentschaft in Gefahr geraten.
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