Laura sprang auf, rannte in die Küche und kam mit einer Teigschüssel zurück.
Doch der Junge winkte ab. „Geht schon wieder.“ Aber er sah käsebleich aus.
„Ok, ich glaube, ich habe verstanden, was passiert ist.“ Laura war es auch ganz schlecht. Am liebsten hätte sie mit ihm geweint. Geweint um diese unschuldige, vertrauensvolle Kreatur, die zum Zeitvertreib von einem sadistischen Arschloch gequält worden war. In ihrem Beruf hatte sie viel zu sehen bekommen und war sogar selbst in die Hände eines Monsters geraten, das sie gefoltert hatte, nur um seinen Spaß zu haben. Die Erinnerung daran bereitete ihr schlaflose Nächte und machte es schwer, einfach nur den Alltag zu bewältigen. Doch Tierquälerei und Gewalt gegen Kinder waren für sie weit schlimmer. Diese Zerstörung von Vertrauen und Unschuld stand an der Spitze der Skala der Scheußlichkeiten, zu denen Menschen fähig waren. Solche Taten machten sie fassungslos und riefen unendliche Traurigkeit und rasende Wut in ihr hervor.
„Ich muss nachdenken“, murmelte sie. Mehr zu sich selbst als zu ihrem Besucher.
„Vielleicht geht es dem Hund ja gut?“ Seine Augen bettelten nach einer Lüge. Wie ein kleiner Junge, dem man sagen soll, dass alles wieder gut wird.
Aber Laura fühlte sich nicht danach, ihm diesen Trost zu spenden. Er hatte zugesehen. Hatte nichts getan. Hatte nicht verhindert, dass die widerliche Tat vollzogen worden war. Hatte dem armen Hund nicht geholfen. Am liebsten hätte sie sich vor lauter Abscheu in die Schüssel übergeben. Stattdessen nahm sie einen tiefen Schluck abgekühlten Kaffee.
„Du konntest nichts tun, um das zu verhindern?“ Sie versuchte, neutral zu klingen, kühl, beherrscht. Aber sie musste die Lippen zusammenpressen, um nicht loszuschreien.
„Nein. Ich war stoned. Betrunken. Ich weiß auch nicht. Du kennst ihn nicht. Man kann ihn nicht aufhalten, wenn er sich etwas vorgenommen hat. Er ist völlig crazy. Der hätte das Gleiche mit mir angestellt.“
„Du weißt, dass es mit dem Kerl nicht so weitergehen kann? Das war sicher nicht seine erste Schandtat.“ Sie schnaubte. Schandtat. Das Wort klang so harmlos, so überhaupt nicht angemessen. Schändung? Frevel? Ruchlosigkeit? Für manche Dinge gab es keine Bezeichnung, die ausreichte, um auch nur im Mindesten das Ausmaß des Abartigen wiederzugeben. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und ballte die Hände zu Fäusten. „Und du weißt, dass es nicht seine letzte ... Schandtat ... sein wird.“
„Ich weiß. Alle wissen es. Seine Eltern auch. Er hatte schon oft Ärger mit der Polizei. Muss sogar jede Menge Sozialstunden abbrummen. Wenn ich ihn jetzt verpetze, kriegt er garantiert Jugendknast. Der Richter hat ihm gesagt, dass es seine letzte Chance sei.“
„Ich glaube, es wäre das Beste für ihn, wenn man ihn aus dem Verkehr zöge. Das Beste für alle. Für den Hund war es ein Desaster, dass man ihn nicht eingebuchtet hat.“
„Ich weiß.“
„Was machen wir jetzt?“
Der Junge fuhr hoch, sah sie erschrocken an, zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Wir können nichts tun. Das sind Bonzen, total reich. Die Eltern kaufen jeden. Da kommt man nicht gegen an. Man kriegt nur jede Menge Ärger!“
„Das werden wir ja sehen!“ Laura hob das Kinn und machte schmale Augen. „Wie heißt das Bürschchen? Den knöpfe ich mir vor.“
„Aber du verrätst mich nicht!“ Beschwörend starrte er sie an.
Sie zögerte, dann nickte sie. „Ist ok. Ich halte dich da raus.“
„Es ist Moritz Anton.“
„Anton. Von Anton Vandenberg? Der Baufirma?“
„Genau. Die sind so reich, das kann man sich nicht vorstellen. Deshalb kann Moritz sich alles erlauben. Ihm kann keiner was.“
„Wir leben in einem Rechtsstaat, nicht in einer Bananenrepublik. Niemand kann sich über das Gesetz stellen, nur weil er reich ist.“ Laura setzte die Tasse auf einem Umzugskarton ab. „Ich denke, es wird langsam Zeit, dass du nach Hause kommst. Deine Eltern machen sich bestimmt Sorgen, wenn du die ganze Nacht weg bist.“
„Stimmt, ich hau ab. Vielen Dank für deine Hilfe. Und den Kaffee. Und denk dran, du verrätst mich nicht. Sonst bin ich am Arsch. Du hast es versprochen.“ Er wickelte sich aus der Decke und erhob sich.
„Ja, ich habe es versprochen. Mach dir keinen Kopf. Wie heißt du überhaupt?“
„Leo Wagner. Ich bin der, der den Jugend-Forscht-Preis gewonnen hat.“
„Und ich bin Laura Peters. Die, die deinem Freund die Hölle heißmachen wird.“
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