Schneiden, um zu verletzten, Stechen, um zu töten.
Immer wieder war sie keuchend hochgefahren, hatte sich aufgesetzt, das Licht angeschaltet und die verschwitzte Stirn abgewischt. Versucht, sich zu beruhigen. Nur um im Dunkeln erneut als Opfer im Labyrinth des Blutrausches zu enden.
Sie hatte das Gefühl, erst vor fünf Minuten Ruhe gefunden zu haben. Und sie brauchte den Schlaf dringend. Doch das Kratzen und Jaulen konnte sie nicht ausblenden.
„Ich komme ja schon“, murmelte sie und schälte sich aus dem Bett. Barfuß tappte sie über das kalte Parkett zur Tür und öffnete sie. Vor ihr saß der betagte Dackel der Nachbarin, legte den Kopf schief und wedelte.
„Friedi.“ Sie bückte sich und streichelte über das weiche, rotbraune Fell. „Geh wieder schlafen. Es ist noch viel zu früh.“ Doch der Hund war anderer Meinung. Schwanzwedelnd watschelte er den Flur entlang zur Wohnungstür, drehte den Kopf und sah sie an. Es war klar, was er vorschlug.
„Oh Mann. Echt jetzt? Warte, ich ziehe mir wenigstens etwas über. Draußen ist es eisig.“ Laura verspürte wenig Lust, so früh in die Kälte hinausgejagt zu werden, aber wenn der Hund musste, wollte sie kein Risiko eingehen und hinterher Friedis Häufchen vom Teppich entfernen müssen.
Sie zog sich die Jeans und einen Wollpullover über das Schlafshirt und stieg barfuß in die weich gefütterten Boots. Vom Haken im Flur angelte sie die Daunenjacke.
Als der Dackel sah, dass seine Bemühungen Früchte trugen, vollführte er ein paar schaukelnde Hüpfer mit den Vorderpfoten und wedelte stärker.
„Komm, Friedi.“ Laura beugte sich zu ihm hinunter und hielt ihm das abgewetzte Halsband entgegen. Doch der Hund zog den Kopf weg und duckte sich an ihr vorbei.
„Jetzt mach schon“, seufzte sie und verfolgte ihn gebückt durch den Flur, bis sie ihn in eine Ecke drängen und ihm das Geschirr überziehen konnte. Sie hakte die Leine ein, schnappte sich die Schlüssel von der Kommode neben der Tür und verließ die Wohnung.
Die Kälte traf sie wie ein Schlag.
Ihr Körper, der noch die Bettwärme gespeichert hatte, begann unkontrolliert zu zittern. Sie schlang die Arme um sich und verkroch sich tief in der Jacke. Dem Dackel schienen die Minusgrade nichts auszumachen, die Nase dicht am Boden verfolgte er konzentriert schnuppernd eine Spur den Bürgersteig entlang. Ohne auf sie zu achten, schlug er den Weg zum Panoramapark ein und zerrte sie hinter sich her.
Laura setzte die Kapuze auf, zog den Ärmel über die Hand, in der sie die Leine hielt, und vergrub die andere tief in der Jackentasche. Mit gesenktem Kopf und hochgezogenen Schultern lief sie dem Dackel hinterher.
Es war stockdunkel, lediglich die Straßenlaternen tauchten den Weg in regelmäßigen Abständen in goldgelbe Lichtkegel. Die Straßen lagen ruhig da, die Häuser schliefen friedlich vor sich hin. So früh am Morgen war noch niemand unterwegs.
Der Park, von dem aus man tagsüber einen schönen Blick auf den Rhein hatte, lag unbeleuchtet vor ihnen. Hohe Bäume reckten sich in den frühmorgendlichen Himmel. Es war ein idyllisches Fleckchen. An sonnigen Tagen spielten Kinder auf dem Klettergerüst, Senioren spazierten die sandigen Wege entlang und Hunde tollten über die Wiesen. Doch der Park hatte auch eine andere Seite: Gegen Abend wechselte das Publikum und Jugendliche belagerten die Bänke, um Drogen zu nehmen und Bier zu trinken. Und im Sommer hatte Lauras Assistentin Gilda hinter einem Busch sogar eine Leiche gefunden.
Kein schöner Gedanke.
Laura hätte es vorgezogen, an der Straße weiterzugehen, doch der Dackel zog sie zielstrebig in die Grünanlage. Die Wege schienen ihn nicht sonderlich zu interessieren, er steuerte quer über die Wiese auf ein Gebüsch zu. Laura holte mit klammen Fingern das Handy aus der Tasche und aktivierte die Taschenlampe. Der Lichtkegel war schmal und nicht besonders hell. Mehrmals strauchelte sie in dem unebenen Gelände und traf schließlich eine Entscheidung.
„Friedi, warte.“ Sie zog den unwilligen Dackel zu sich heran und leinte ihn ab. Wedelnd verschwand er in der Dunkelheit. „Komm aber zurück, wenn ich dich rufe!“ Sie wusste, wie entlarvend hilflos das klang. Aber es brachte nichts, hinter dem Tier her durch das Gras zu stolpern.
Wenige Meter vor sich hörte sie ihn durch die Büsche rascheln. Unbeholfen tastete sie sich mit den Füßen in seine Richtung vor, doch bevor sie ihn erreicht hatte, entfernte er sich wieder von ihr.
„Friedi!“ Sie rief ihn nur leise, um die Anwohner in den benachbarten Häusern nicht zu wecken. Erwartungsgemäß hörte er nicht auf sie.
Stattdessen schlug er an. Bellte wie rasend.
„Friedi! Aus!“ So schnell wie möglich versuchte sie, zu ihm zu gelangen. „Sei ruhig!“ Ein Ast ratschte ihr durchs Gesicht, sie tauchte nach unten und schlug blind danach.
„Verdammt noch mal, Friedi, sei still!“
Endlich hatte sie ihn erreicht. Sie griff nach seinem Geschirr und hakte die Leine ein. Dann leuchtete sie mit der Taschenlampe die Umgebung ab. Vor ihr befand sich eine Bank, auf der etwas Dunkles lag. Sie ließ den Lichtstrahl darüber wandern: Beine, eine Hand, ein Kopf, der zur Seite gefallen war.
„Oh mein Gott!“
Ein Mann!
War er tot?
Er musste tot sein. Bei diesen Minusgraden konnte niemand auf einer Parkbank herumliegen, ohne zu erfrieren. Sie griff nach der Hand, prüfte, ob sie noch warm war. Aber natürlich war sie kalt. Ihre Eigene fühlte sich ja auch wie ein Eisklumpen an. Vorsichtig schob sie ihre Finger in den Kragen seiner Jacke, um nach einem Puls zu suchen.
„Nein!“
Sie schreckte zurück. Er lebte! Ein Glück. Aber vielleicht war er gefährlich? Wer bei diesen Temperaturen und zu der Uhrzeit hier herumlag, führte womöglich nichts Gutes im Schilde. Innerlich wappnete sie sich, jederzeit die Flucht anzutreten.
„Sie können hier nicht liegen bleiben, es ist zu kalt!“ Sie griff seine Schultern und schüttelte ihn.
„Lass mich in Ruhe!“ Er versuchte, sie wegzuschieben.
„Jetzt kommen Sie schon!“ Laura ließ sich nicht abwimmeln. „Wo wohnen Sie? Sie können nicht hierbleiben. Soll ich jemanden anrufen?“
„Nein!“
Mit viel Mühe gelang es ihr, ihn aufzurichten, doch er sank sofort nach vorne.
„Jetzt helfen Sie mir doch ein bisschen. So geht das nicht.“
Plötzlich krampfte sein Körper sich zusammen, er erbrach sich. Direkt auf ihre Füße.
„Scheiße!“ Sie sprang zur Seite, ohne ihn loszulassen. „Ich rufe die Polizei. Oder einen Krankenwagen.“
„Nein!“ Seine Stimme klang verzweifelt, brüchig.
Friedi stupste die Hand des Mannes an. Der schluchzte auf und fing an zu schniefen. „Nicht die Polizei. Sie dürfen nichts erfahren. Er bringt mich um! Was soll ich bloß tun?“
„Ruhig.“ Laura überlegte, während sie abwesend seine Schulter tätschelte.
Dann ließ sie den Lichtstrahl ihres Handys erneut über ihn wandern. Schmal, Daunenjacke, Jeans, Sneakers. Das war kein Mann. Jedenfalls noch kein richtiger. Er war vielleicht siebzehn, achtzehn Jahre alt. „Junge, was treibst du dich nachts im Park herum?“
Sie erwartete keine Antwort und bekam auch keine.
Der Lichtstrahl streifte den Dackel, der mit den Vorderpfoten mitten in der Lache aus Erbrochenem stand und wedelte.
„Friedi, komm da raus.“ Sie zerrte den Hund zu sich. „Was soll ich denn mit dir machen?“ Sie hatte Mitleid mit dem Jungen. Wenn sie die Polizei rief, würde er sicher Ärger bekommen. Und bestimmt hatte er das auch verdient, sie brachte es trotzdem nicht übers Herz.
„Kannst du laufen?“
Er weinte weiter, ohne zu reagieren. Ihre Hand, die noch auf seiner Schulter lag, drückte sanft zu. „Hey, kannst du laufen, habe ich gefragt!“
Zum ersten Mal schien er sie wahrzunehmen, das Schluchzen versiegte.
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