Dabei kam er Sebastian ganz nahe und flüsterte.
»Der, der mit dem Auge der Perfektion gesegnet wurde, kann nur das komplettierte Werk genießen. Und jetzt verschwindet! Ihr seid meiner unwürdig.«
Er machte eine Armbewegung.
»Komm...«
Paul zog den Jungen aus dem Raum.
»Er ist wahnsinnig!«
»Das ist er. Aber ist nicht jedes Genie ein bisschen wahnsinnig?«
»Vielleicht, aber er ist psychisch gestört. Dein Bruder ist derart selbstverliebt. Es ist, als hätte er noch nie Kontakt zur Außenwelt gehabt.«
»Hatte er auch in der letzten Zeit nicht. Er lebt seit sieben Jahren in diesem Raum und schreibt an seinem Werk.«
»Sieben Jahre?«
Paul nickte.
»Er ist wahnsinnig.«
»Für mich ist er ein Genie.«
»Hast du sein Werk schon einmal gelesen?«
»Nein. Seine Begründung hast du ja gehört und ich gebe mich damit zufrieden.«
»Aber wird er denn jemals fertig?«
»Das spielt keine Rolle. Bringt mein Bruder es zu Ende, ist es das größte Werk, das die Menschheit jemals gesehen hat. Scheitert er, wird das Fragment so entzückend sein, um uns zum Huldigen auf die Knie zu zwingen. Unsereins würde gar nicht dahinterkommen, dass es nicht vollendet wurde. Sein Gelingen hängt davon ab, wie viel er seines Lebens dieser einen Sache widmet. Zweifellos wird er daran sterben. Aber für was wird er sich opfern? Für die Menschheit.«
Der die Wellen hinabstieg
»Wie ist der Junge umgekommen?«
Sie saßen auf der Treppe vor der Bar und teilten sich eine Flasche Rotwein. Über dem Meer leuchtete der Vollmond.
»Tot ist er nicht. Liegt bloß im Krankenhaus«, antwortete Albert.
»Gott sei dank. Was ist denn passiert? Konnte nicht alles in der Zeitung lesen.«
»Die Drogen. Sein Leben. Das Glücklichsein. Alles hat ihn kaputt gemacht.«
»Das mit den Drogen, hab ich gehört. Schlimme Sache. Aber er war doch immer ein normaler Typ. Wie kam er denn auf die Schiene?«, fragte Paul und nahm einen langen Schluck aus der Flasche, um sie gleich danach seinem Nachbarn zu reichen.
»Der Junge ist schlau. Der wusste immer was er macht.«
»Weiß ich.«
»Das fing so an, dass er sich anscheinend richtig gelangweilt hatte. So wie wir uns langweilen, wenn drin nichts los ist. Unsereins kann damit umgehen. Aber die jungen Leute scheren sich um ihre Zeit. Die machen es richtig, ja die machen es richtig.«
Paul nickte und schaute zu Boden, wie einer der wusste worüber der andere sprach.
»Jedenfalls hat der dann zum Alkohol gegriffen. War dauernd betrunken. Er fand das toll. In dem Zeug steckt 'ne Menge Mitgefühl. Vor allem, dass er sich um nichts kümmern brauchte. Eigentlich musste er das, aber das Gesöff gab ihm 'ne richtig gute Stimmung. Der war glücklich.«
»Kennen wir. Scheiß Zeug«, sagte Paul und nahm die Flasche.
»Naja das wurde ihm dann aber nach 'ner Weile zu öde. Irgendwo gabelte er dann diese komischen Jungs auf, die ihm das Gift unterjubelten. Fing harmlos an. Hat leichte Sachen ausprobiert. Der wusste ja immer was er tat. Hab oft mit ihm drüber gesprochen.«
»Aber warum hat er nicht aufhören können?«
»Das war sein neues Normal. Wie wir jeden Tag drei Mahlzeiten zu uns nehmen und mal ein Bier trinken, brauchte der das für seinen Alltag. Der kam da nicht raus. Es ging immer weiter. Verstehste?«
»Verstehe. Wann fing das mit den dummen Sachen an?«
„Er nahm noch stärkeres Zeug. Zeug, das manchen von uns umhauen würde. Das reichte aber auch irgendwann nicht mehr und er blieb stecken. Ab dem Zeitpunkt suchte er sein Adrenalin aus dem physischen Kick zu ziehen. Vorerst.«
»Da brach er dann in den Laden ein.«
»Genau. Das war die Steigerung. Da hab ich ihm dann auch gesagt, dass das zu viel wird und er unbedingt Hilfe braucht. Aber ich bin nicht seine Mutter.«
Paul warf die Flasche gegen die nächste Hauswand.
»Dann hat er sich wieder seine Drogen geholt und ist von der Klippe gesprungen.«
»Aber der wollte sich nicht umbringen oder?«
»Nein. Das wäre ja das Ende seines Glücks gewesen. Der brauchte einfach noch mehr davon. Mehr Adrenalin.«
»Überlebt hat er das ja.«
»Ich red von der kleinen Klippe, vorn am Kap. Die Geschichte von vorgestern kommt erst noch.«
»Ach, am Kap.«
»Er holte sich das stärkste Zeug. Das was uns beide sicher unter die Erde bringt. Da wurde er richtig hässlich. Sein Gesicht zerriss. Der Junge sah wirklich scheiße aus. Richtig zerfleddert. Aber der konnte nicht zurück. Hätte er aufgehört, wär' der gestorben. Ganz sicher. Ich wollt ihn dann auch nicht aufhalten. Wusste, dass er das selbst regeln musste. War ja ein schlauer Junge.«
»Und dann ist er gesprungen?«
»Ja dann ist er gesprungen. Die Klippe beim Fischerdorf ist doppelt so hoch, wie die am Kap. Absolut irre da runter zu springen. Überlebt hat er ja.«
»Ist nicht auf den Felsen aufgekommen.«
»Ist nicht auf den Felsen aufgekommen, dafür fast ersoffen. Der war ja komplett benebelt. Vielleicht hat der Junge das mit Absicht gemacht, so laut zu schreien, dass alle im Dorf aufwachten. Wäre sonst verreckt. Ist ein wirklich schlauer Junge.«
Paul nickte.
»Ein wirklich schlauer Junge.«
»Heute möchte ich dir von einem ganz üblen Mann erzählen.«
»Bitte keine Mordgeschichte, Papa. Davon bekomme ich bestimmt wieder Albträume.«
»Nein. So böse war der Mann nicht. Jedenfalls hat er niemals irgendjemanden körperlich Schaden zugefügt. Er hat die Menschen an der Stelle getroffen, an der sie sehr verletzlich sind. Er hat ihnen Geld gestohlen.
Manchen hat er sogar seines kompletten Vermögens beraubt. Ob er wirklich böse war oder seine Opfer einfach nur naiv, musst letztendlich du entscheiden.«
»Du machst es spannend.«
»Die Geschehnisse spielten alle zwischen den Jahren 1850 und 1880, ungefähr zu jener Zeit, in der François Lambert, um den sich diese Geschichte rankt, ein erwachsener Mann war. Lambert wuchs in einer ärmlichen Familie auf, war jedoch mit einer außergewöhnlichen Intelligenz beschenkt worden. Dabei spreche ich nicht von Intelligenz im herkömmlichen Sinn, dass er zum Beispiel in der Mathematik oder anderen Naturwissenschaften brillierte, sondern ich spreche davon, dass er sich hervorragend an seine Umgebung anpassen konnte und geschickt mit ihr interagierte.
Er begriff Zusammenhänge blitzartig und konnte unendlich lange Kausalketten in seinem Kopf bilden, die letztendlich immer zu dem vorhergesehenen Ergebnis führten. Diese Logik rentierte sich auch in seinem Sozialleben. Am Vorabend der Ära der großen Psychologen, hatte er die Seele der Menschen durchschaut und kannte ihr Denken, Fühlen und Begehren. Ich behaupte, dass er sie wie ein Buch lesen konnte. Mit diesem Vorwissen könnte man zu dem Schluss kommen, er wäre auf schnellstem Wege kriminell geworden. Dem ist nicht so.
Seine Mutter war ungemein herzlich und erzog ihren Jungen zu einem anständigen Bürger. Überraschenderweise versuchte er sich sogar in normalen Berufen. Dennoch missfiel ihm dabei etwas. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob er es nicht leiden konnte, unter der Hoheit eines anderen zu stehen oder eine gewisses Maß an Langeweile bei den Tätigkeiten empfand. Höchstwahrscheinlich sah er eine Chance, die natürliche Fehlbarkeit des Menschen auszunutzen.«
»Wie alt war er, als er kriminell wurde?«
»Ungefähr Siebzehn Jahre. Für seinen ersten Coup musste er etwas warten. Der Bart musste sprießen und ihm ein männlicheres Aussehen geben. Niemand vertraute einem Kind. Als es dann soweit war, legte er sich für ein paar Francs einen kaputten Anzug zu, den er nähte, säuberte und wieder auf Vordermann brachte. Schlussendlich sah er wie ein richtiger Kavalier aus.«
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