»Eigentlich die ganze Zeit.«
»Denken Sie nicht, dass Sie dann etwas vom Leben verpassen?«
Der Mann lächelte.
»Nein auf keinen Fall. Wissen Sie, Bücher ermöglichen es mir die fernen Welten kennenzulernen. Ganze Länder, zu denen ich niemals reisen könnte, entstehen ganz einfach in meinem Kopf.«
Dabei tippte er sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe.
»Fahren Sie doch dahin und schauen sich das einfach an. Gehen Sie mal raus. Ist schön.«
»Die Arroganz des kleinen Mannes. Machen Sie denn alles was Sie wollen?«
»Sicher.«
»Und wollten Sie wirklich hier an diesen kleinen See, der noch nicht einmal viel Sonne abbekommt oder wären Sie lieber auf einer Insel in der Südsee?«
Freds Laune wurde schlechter.
»Hören Sie auf mich zu beleidigen. Ich merke sehr wohl was Sie hier machen.«
Er nahm einen langen Schluck.
»Sie leben doch immer nur woanders. Sie leben nie wirklich. Nie im Hier. Wahrscheinlich haben Sie niemals richtig gelebt«, fügte er hinzu, um etwas entgegenzusetzen.
»Und Sie konzentrieren sich vollends auf Ihren Urlaub?«
»Absolut!«
»Dann denken Sie also im Moment, wenn Sie den Cocktail bestellen nicht daran, wie lange Sie dafür arbeiten mussten? Das es eigentlich ziemlich schmerzhaft ist, diesen zu trinken? Sie wollen mir erzählen, dass Sie stets im Moment leben und das gänzlich ein Leben lang?«
Fred schwieg und schaute auf das fast leere Glas.
»Sie leben umso weniger im Moment. Schauen Sie nur auf Ihr leeres Glas. Haben Sie bestimmt genossen, nicht wahr?«
Freds Ehefrau kam an den Tisch und umarmte ihren Mann.
»Hast du jemanden zum Reden gefunden? Das ist ja schön. Die Yoga-Stunde war toll. Ich glaube, ich werde das öfter machen.«
Fred stand auf, während der Mann wieder zum Buch griff.
»Ja wir hatten eine wirklich interessante Unterhaltung«, sagte er und warf dem Lesenden einen bösen Blick zu.
»Komm wir gehen. Ich will jetzt an den See. Draußen ist es viel zu schön, um hier drin zu bleiben.«
Er drehte sich vor dem Gehen nochmal um.
»Und Ihnen wünsch Ich 'nen schönen Tag!«
Er ging die Straße hinab. Dichtes Schneetreiben wehte ihm in das Gesicht und veranlasste ihn, seinen Mantelkragen aufzurichten. Sein Weg führte in eine kleine Gasse, abseits der Hauptstraße, zu einem unscheinbaren Laden, einem Schuhmacher. Als er eintrat, läutete eine Glocke.
»Ich komme! Nur einen Moment Geduld«, ertönte eine hohe Stimme aus einer Tür am Ende des Raumes.
»Paul, ich bin es nur.«
Ein kleiner Mann mit Glatze kam aus der Tür geeilt.
»Ah Sebastian. Schön dich zu sehen. Wie geht es deinem Vater? Es ist kalt draußen, nicht wahr?«
Er schob ihn in die Hinterzimmer.
»Komm setz dich in die Küche. Du brauchst einen Tee. Warte ich setze das Wasser auf.«
Sebastian wurde auf einen Holzstuhl gedrückt.
»Mach dir keine Umstände. Ich wollte dir nur mal wieder einen Besuch abstatten. Dem Vater geht es gut. Sein Fieber ist weg. Wir hoffen, dass er im nächsten Monat wieder mit der Arbeit anfangen kann.«
»Das ist schön. Ja es freut mich!«
Schweißperlen tropften von seinem Gesicht herunter und er wischte sich mit einem Tuch über die Stirn.
»Du siehst ich bin im Stress, aber bedien dich ruhig. Nimm dir alles was du hier findest.«
»Wie läuft der Laden?«
»Laden? Ach der Laden. Ja, ist alles ein bisschen eingeschlafen. Muss mich um andere Dinge-«
»Paul! Ich habe Durst. Wie soll ein Genie mit trockener Kehle arbeiten?«, rief eine Stimme aus dem Nebenzimmer.
»Ich komme doch!«, antwortete Paul.
»Siehst du nur im Stress.«
»Wer ist das?«
»Mein Bruder«
»Der Schriftsteller?«
»Ja der.«
»Schreibt er immer noch an seinem großen Werk?«
»Er wird niemals fertig. Aber komm doch. Du kannst ihm mal Hallo sagen.«
Paul nahm eine Tasse mit Kamillentee und die beiden gingen in den Nebenraum, auf dessen Boden hunderte zusammengeknüllte Blätter lagen.
»Hier mein Lieber.«
Er stellte die Tasse, auf den Schreibtisch des Bruders.
»Sebastian ist übrigens auch hier.«
Der Junge trat vor und streckte die Hand aus.
»Guten Tag Fabien.«
»Hallo Sebastian. Paul hat einmal mehr vergessen, dass ich nicht gestört werden will. Ruhe lässt den Geist aufflammen. Ein Genie bedarf Zeit und insbesondere Stille. Dann können dessen Gedanken am lautesten singen.«
Fabien drehte sich nicht um und knurrte die Worte in sich hinein. Daraufhin nahm der Junge seine ausgestreckte Hand wieder herunter.
»Sebastian wollte sich nur erkundigen, wie es um dein Werk steht.«
Da sprang der Schriftsteller auf.
»Dies verstehen nur Unwissende zu fragen. Man kann nie einschätzen, wie fortgeschritten ein Meisterwerk ist. Konnte ein Mozart offenbaren, wann er die letzte, perfekte Note gefunden hatte? Konnte ein Brunelleschi, vor seinen Zeichnungen sitzen und sagen er sei fertig?«
Er fasste sich mit ausladender Bewegung an die Stirn.
»Mir geht es wie allen Meistern der Sätze. Immer sind wir auf der Suche nach einer noch besseren Wendung, einem noch besseren Wort. Wir sind auf der Jagd nach dem vollkommenen Ausdruck. Ach, wie plagt es mich gepeinigtes Wesen, niemals die Unübertrefflichkeit zu erreichen. Immerzu ist es ins Erhabene steigerbar. Bisweilen erreiche ich es mit einem sinnverwandten Terminus. Vereinzelt ist das ausweglose Werkzeug, das Wegstreichen, das Herausreißen der eigenen Arbeit. Von welchem Wert kann sie sein, wenn sie meinem Traumbild nicht einmal nahe kommt?«
»Aber geht es nicht auch um den Inhalt?«
Das Gesicht von Fabien wurde rot.
»Schweig! Die Frage eines Narren! Welches Übel könnte sich dagegen wehren durch die Schönheit der Worte in unseren Ohren zu Gold verwandelt zu werden. Selbst das Langweiligste, Schrecklichste und Unwürdigste kann ich mit den richtigen Sätzen in das Gegenteil drehen und es wie den Himmel erscheinen lassen. Meine Person kann dem Menschen die Götter näher bringen, wenn sich die Feder und das Pergament berühren. Näher, als es jede Kathedrale könnte.«
»Du hast aber schon soviel Zeit investiert. Es muss doch bald fertig sein?«
Paul blickte Sebastian an und verdrehte die Augen, als wüsste er, welche Antwort nun komme.
»Ich bin ein Genie! Das Meisterwerk ist fertig, wenn ich denke, dass es vollendet sei. Ihr niederen Wesen seid schon mit der Anzahl der Seiten zufriedenzustellen. Ihr seid der Kritik gar nicht mächtig. Für mich jedoch, ist jeder Satz, jedes Wort, wie ein neues unbeschriebenes Blatt Papier, das nach seiner vollkommenen Beschaffenheit sucht. Ich verwerfe alles, wenn bloß das Satzzeichen nicht stimmt. Es würde den ganzen Takt, die Melodie aus dem Gleichgewicht bringen, würde ich etwas Falsches stehen lassen. Meine Hände wurden gesegnet und ich sehe es daher als meine Aufgabe etwas Wunderbares zu erschaffen. Die Menschheit wird weinen, wenn sie dieses Buch in den Händen hält. Sie werden meinen Namen über den von Ovid, Tizian und Raphael stellen. Ihr versteht es nicht. Und werdet es auch nicht. Nur ich bin dazu auserwählt, euch Glück zu schenken. Und ihr verschwendet meine Zeit mit der Frage wann ich fertig sei? Ihr solltet euch schämen!«
Dabei spukte er.
»Wenn es so schön ist, dann lies uns einen Ausschnitt vor.«
»Du beleidigst mich. Wie könnte ich dir ein halbfertiges Werk präsentieren? Es fehlt die Essenz, sofern es nicht komplett ist. Kein großer Meister hat jemals den Schleier seines Werkes enthüllt, bevor er nicht das Göttliche vollendet hatte. Wie sähe es denn aus, wenn Michelangelo seinen David ohne Kopf in Florenz ausgestellt hätte? Lächerlich wäre es gewesen. Die sinnliche Erfahrung liegt nicht im Teil. Zwar hält der Schuft schon den bloßen Ausschnitt für wundervoll. Der Meister aber...«
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