Die Erkenntnis, dass wir Erwachen sinnhaft finden können, ohne absolute Überzeugungen darüber zu haben, ist für den Mittleren Weg von zentraler Bedeutung. Das liegt daran, dass die Rolle des Körpers, uns mit Sinn zu versorgen, unser Ausgangspunkt ist, um Verabsolutierung zu vermeiden. Wir haben bereits festgestellt, dass Siddharthas Rückbesinnung auf seine Erfahrung unter dem Rosenapfelbaum ihm eine Alternative zur Askese bot, eben weil Jhana eine Erfahrung ist, die im Bewusstsein, den Körper anzunehmen wurzelt. Der Körper ist nicht nur wesentlich, um unser Leben aufrechtzuerhalten, sondern auch damit wir in der Lage sind, Symbole über Assoziationen mit Erfahrungen zu verknüpfen. Die Symbole können sowohl Worte als auch andere Sinneserfahrungen einschließen und die Assoziationen sind auch synaptische Verknüpfungen im Gehirn. Seit den 1980er Jahren wurden verkörperte Darstellungen von Bedeutung entwickelt.{35} In diesen kann die Bedeutung selbst abstraktester Sprache als metaphorische Entwicklung sehr grundlegender Assoziationserfahrungen verstanden werden, die oft im Kindesalter begonnen haben. Zum Beispiel ist die Idee des Mittleren Wegs selbst eine metaphorische, die von unseren Assoziationen zwischen diesem Begriff und unseren Erfahrungen, irgendeine Art Pfad zwischen Zielen auf beiden Seiten entlang zu gehen, abhängt (s. Kapitel 3.b). Bei dieser Art des Nachdenkens über Bedeutung, wie sie in unseren Körpern begründet ist (weiter ausgeführt in Kapitel 3.a und 7.g), haben Bedeutungen Vorrang vor Überzeugungen. Das liegt daran, dass Überzeugungen aus Bedeutungen aufgebaut sind und nicht umgekehrt.
Was bedeutet „Erwachen“ oder „Erleuchtung“ für uns? Es kann eine Extrapolation unserer begrenzten Integrationserfahrungen sein – vielleicht meditativer, religiöser oder ästhetischer Erfahrungen – bis hin zu ihrer äußersten möglichen Schlussfolgerung. Wir betrachten dies als die tiefe, klare, ekstatische Erfahrung, die wir gemacht haben, aber noch viel intensiver. Da unsere Energien oft miteinander in Konflikt stehen, kann es auch einen Blick auf ein potenziell größeres Selbst ohne diesen Konflikt bedeuten, den wir in uns selbst intuitiv wahrnehmen. Dies könnte wie ein Blitz wirken, der uns einer ganzen Landschaft gewahr werden lässt, an einer Stelle, von der wir vorher dachten, es gäbe nichts, aber nur für einen Augenblick. In unserer Erfahrung kann Erwachen also in engem Zusammenhang mit tatsächlicher oder potenzieller Integration stehen. Es kann die Überwindung von Konflikten in uns selbst sein, die uns besser in die Lage versetzt, all unsere Energien zu bündeln und die Welt um uns herum mit größtmöglicher Weisheit anzupacken. Unser Verständnis von Erwachen kann sich auch hauptsächlich aus Geschichten wie der des Buddha ergeben: aber das ist auch ein Bedeutungsverständnis, das in unserem Körper gründet, da wir eine inspirierte Reaktion auf die Person zeigen, der wir begegnen. Da diese Integration mit einer gewissen Skepsis einhergehen muss, können wir nie davon ausgehen, dass die Integration vollständig ist, weder unsere eigene noch die des Buddha. Dennoch macht der Umstand, dass sie unserer Erfahrung zugänglich ist, sie bedeutungsvoll.
Wenn Erwachen eines dieser Dinge (und vielleicht auch viele andere Dinge) bedeutet, dann besteht es in Bedeutung. Das bedeutet nicht nur, dass „Erwachen“ ein Wort ist, das wir in der Kommunikation verwenden können (was auch immer es, wenn überhaupt, anderen mitteilt), sondern auch eines, das eine emotionale Wirkung auf uns hat, das uns bewegt. Diese Wirkung ist unabhängig von irgendwelchen Überzeugungen, die wir darüber haben. Tatsächlich sind die Überzeugungen, denen wir anhaften, wahrscheinlich eine Folgereaktion darauf, dass wir sie mit einem Netz konzeptueller Informationen in Verbindung bringen. Wir können sie verwenden, um vorläufige, nicht-absolute Überzeugungen zu formulieren, die durch Erfahrung einfach überprüft werden können, wie etwa, dass „Buddhisten Erwachen mit dem Buddha assoziieren“. Dennoch verwenden Buddhisten und andere es auch häufig, um absolute Überzeugungen zu formulieren, die sich nicht unbedingt in gleicher Weise mit Erfahrungen in Verbindung bringen lassen, wie etwa „Der Buddha erkannte die höchste Wahrheit“ oder „Der Buddha sah die Dinge, wie sie wirklich sind“ oder „Der Buddha befreite sich aus dem Kreislauf der Wiedergeburten“. Diese Überzeugungen sind kein notwendiger Aspekt, um das Erwachen inspirierend zu finden – sie sind ein Nebengedanke, der von einer Reihe abstrakter Annahmen abhängt, denen wir die unmittelbare Bedeutung von „Erwachen“ zugeordnet haben. Häufig sind sie ein Weg, um in eine Gruppe aufgenommen zu werden, die solche Überzeugungen als Abkürzung zu gesellschaftlicher Akzeptanz nutzt. Sie haben in der Währung dieser Gruppe wesentlich mehr Bedeutung als in der persönlichen Erfahrung spiritueller Praxis.
Absolute Überzeugungen über Erwachen sind eindeutig unvereinbar mit dem Mittleren Weg, wie Siddhartha ihn entdeckt hat. Siddhartha ging gerade wegen der Verabsolutierung von Annahmen in diesem traditionellen Umfeld aus dem Palast fort. Er erkannte, dass dies seine Fähigkeit, auf die Bedingungen um ihn herum einzugehen, stark einschränkte. Aus den gleichen Gründen lehnte Siddhartha die absoluten Annahmen der spirituellen Lehrer und der Askese ab. Werden wir wirklich das frühe Leben des Buddha durcharbeiten, diese Punkte vor dem Erwachen würdigen und sie dann gegen ein Paar Ad-hoc-Rationalisierungen eintauschen, wenn wir zum Erwachen gelangen? Werden wir das Erwachen wirklich in einer völlig inkonsistenten Weise behandeln, verglichen mit dem Rest der Geschichte?
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf wollen wir uns die Passagen im Pali-Kanon ansehen, die Buddhas Erfahrung des Erwachens beschreiben. Lassen Sie uns dies tun, während wir darüber nachdenken, was sie zur Bedeutung des Erwachens für uns beitragen könnten, und vielleicht auch, welche vorläufigen Überzeugungen sie rechtfertigen könnten.
Die Ausführlichste Beschreibung des Erwachens im Pali-Kanon findet sich in der Mahasaccaka Sutta.{36} Sie beginnt mit Buddhas Aufstieg durch die vier niederen Jhanas, wobei er auf jeder Stufe hinzufügt: „Aber jenes angenehme Gefühl, das in mir aufstieg, drang nicht in meinen Geist ein und blieb nicht dort“.{37} Dies lässt vermuten, dass die zunehmend verfeinerten und angenehmen Erfahrungen nicht verabsolutiert wurden, und der Buddha seine ausgeglichene und forschende Herangehensweise an seine Erfahrungen beibehielt. Seine Verwirklichungen begannen erst dann, als „mein konzentrierter Geist auf solche Weise geläutert, klar, makellos, von Unvollkommenheit befreit, formbar, geschmeidig, beständig und zur Unerschütterlichkeit gelangt war“{38}: eindeutig ein hochgradig integrierter Zustand.
Die Verwirklichungen des Buddha werden dann in Form der „drei Schauungen“ erläutert, die jeweils einer von drei Nachtwachen zugeordnet sind. Diese bestehen aus „Wissen von der Erinnerung an frühere Leben“, „Wissen vom Sterben und Wiedererscheinen der Wesen“ und „Wissen von der Auslöschung der Befleckungen“.
„Frühere Leben“ werden natürlich normalerweise kosmologisch interpretiert: als Buddhas Erinnerung an alle früheren biologischen Leben in einer Folge von Wiedergeburten. Doch genau wie das Leben des Buddha als solches nicht historisch sein muss, um wertvoll für die Entwicklung von Einsicht zu sein, ist es auch ohne Belang, wann diese früheren Leben stattgefunden haben. Es ist auch unerheblich, ob es sich um biologische Wiedergeburten oder psychische Erfahrungen zyklischer Prozesse innerhalb eines Lebens handelt. Wichtig ist, dass der Buddha aus seinen früheren Erfahrungen gelernt hat. Jhana kann einen durchaus unerwartet mit Erfahrungen aus der Vergangenheit in Kontakt bringen, vielleicht, weil über bisher nicht genutzte synaptische Verbindungen ein neuer Zugang für Energie entsteht. Der Buddha konnte seine vergangenen Erfahrungen Revue passierten lassen und das bot ihm eine großartige Reflexionsquelle (wie ein Wissenschaftler es ausdrücken könnte, eine große Datenmenge). Über diese Informationen nachzudenken half ihm zu erkennen, in welcher Weise das Verharren in begrenzten Anschauungen ihn in einem Kontext sich verändernder Bedingungen einschränkte oder schädigte. Es zeigte auch, wie er in der Lage gewesen war, auf dem Pfad einen Schritt voranzugehen, indem er die Verabsolutierung von Annahmen in diesen vergangenen Situationen vermieden hatte und in der Lage war, seine Reaktion in die Rahmenbedingungen zu integrieren. Über unsere früheren Erfahrungen nachzudenken kann uns in ähnlicher Weise dabei helfen, den Mittleren Weg zu verstehen.
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