Es war still. Nur hin und wieder fuhr draußen ein Wagen vorbei, was klang wie das Summen einer Mücke. Deshalb hatten sie damals dieses Grundstück gekauft: wegen der Ruhe. Weil es hier am Wald so schön abseits der Straße lag, dass man sie fast vergessen konnte.
Beim ersten Motorgeräusch hatte er noch geglaubt, sie käme zurück, wäre wieder zur Besinnung gekommen. Als der Fahrer aber keine Anstalten machte, langsamer zu werden und der Motor nicht lauter wurde, sondern leiser, begriff er allmählich, was geschehen war. Sie hatte ihn verlassen. Sie war weg, endgültig weg. Mit den Kindern.
Jetzt war es, als reiße ein Knoten in ihm, und er begann zu weinen. Die Tränen rannen ihm nur so die Wangen hinunter, brannten auf seiner Haut und schmeckten scheußlich. Er wollte sie wegwischen, wagte es nicht, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Noch immer war er außerstande, sich zu bewegen. Stattdessen schniefte er nur und blieb sitzen wie ein Angeklagter, über den ein unbarmherziges Urteil gesprochen worden ist.
Eine Mücke summte heran. Er konnte ihre Flugbahn mit den Augen verfolgen, aber es war ihm unmöglich, auch nur den kleinen Finger zu rühren, geschweige denn, den Arm, um sie wegzuscheuchen. Das Mistvieh schwirrte noch eine Weile um seinen Kopf, als überlege es, ob Gefahr bestand. Schließlich ließ es sich auf seiner Unterlippe nieder. Anscheinend war es zu dem Ergebnis gekommen, dass es ungefährlich war. Dann bohrte es seinen Saugrüssel in seine dünne, von Tränen aufgeweichte Haut. Paul konnte es spüren, aber er konnte nichts dagegen tun. Die Mücke blieb, bis sie sich vollgesogen hatte. Dann flog sie davon, deutlich träger als zuvor. Ihr Bauch war rot und fett.
Nach und nach löste sich seine Starre. Zuerst spürte er in den Zehen und Fingern, dass Leben in ihn zurückkehrte. Er begrüßte diese Empfindung und wackelte mit ihnen. Und während er das tat, löste sich auch die Starre im Rest seines Körpers. Endlich konnte er aufstehen. Wie ein Blitz rannte er zum Fenster und sah auf die Straße. Doch es war zu spät. Sie war schon weit weg.
Arme und Beine kribbelten noch, als wären sie gerade eben erst erwacht, während er noch am Fenster stand und hilflos hinausschaute. Die Straße war, abgesehen war von wenigen Autos, leer und trostlos. Er schwitzte plötzlich, obwohl es gar nicht warm war. Dennoch lief ihm die Brühe nur so runter, als wäre er ein Gewichtheber, der in der zwölften Wiederholung eine Zweihundertkilo-Hantel stemmt.
Gedankenverloren starrte er in den Garten, beobachtete, wie der Wind mit den Blättern spielte, sie ausgelassen umhertrieb. Wie schnell die Dinge sich verändern konnten. Gerade eben noch hatte er an seinem Schreibtisch gesessen und seine Welt war in Ordnung gewesen, und jetzt, nur Minuten später, musste er mit ansehen, wie sein Leben vor seinen Augen zu Trümmern zerfiel. Hastig drehte er sich um und verließ das Zimmer, wobei er sich immer noch an allem, was er erreichen konnte, festhielt.
Auf einmal war seine Kehle trocken und rau wie Sandpapier. Er begrüßte dieses Gefühl fast, denn es lenkte ihn ab von den seelischen Schmerzen. Mit jeder Sekunde wurde es unangenehmer, und er befürchtete schon, jämmerlich zu verdursten, wenn er nicht bald etwas zu trinken bekam. Also stürmte er in die Küche, öffnete den Kühlschrank, glotzte hinein und griff schließlich nach dem erstbestem, was ihm in die Finger kam – eine Flasche Cola. Die Kohlensäure kribbelte in seiner Kehle, und er trank gierig. Er spürte Schmerzen wie spitze Dolche hinter seiner Stirn. Es war eindeutig zu kalt, aber er konnte nicht mit dem Trinken aufhören. Das Ziehen und Stechen hinter seiner Stirn wurde stärker, aber es war einfach zu köstlich, fühlte sich zu gut an, um aufzuhören. Leider verging dieses Wohlgefühl schnell, und zurück blieb nur eine quälende, dunkle Leere.
Paul sah noch einmal in den Kühlschrank. Diesmal wollte er etwas Härteres, etwas, das seine Stimmung hob. Zuerst übersah er es und wollte schon lautstark fluchen. Es war aber auch schwer zu finden – vor allem hinter tonnenweise Pudding und halbleeren Punica-Flaschen. Dann, auf den zweiten Blick, sah er es endlich. Als ob die Flasche Jack Daniels sich vor ihm verstecken könnte, ha, da lachten ja die Hühner! Mit einer einzigen Bewegung war der Verschluss abgeschraubt, die Flasche zum Mund geführt und ein langer Schluck genommen. Obwohl der Whiskey eiskalt war, brannte er im Hals, und als er endlich in seinen Magen schwappte, glaubte er, ein Buschfeuer brodele in ihm. Wärme durchströmte seinen Körper, und bevor sie nachlassen konnte, schüttete er noch etwas hinterher.
Obwohl er wusste, dass es eine bescheuerte Idee war, wollte er sich hemmungslos besaufen. Er wollte die ganze Flasche trinken. Und, falls er dann noch aufrecht stehen konnte, eine zweite.
Ohne darüber nachzudenken, was er tat und warum, schlich er durchs Haus. Es war ein großes Haus, zu groß für ihn allein. Aber so war es ja auch nie gedacht gewesen. Sie hatten es damals mit der Absicht bauen lassen, den Kindern Platz zum Spielen zu geben. Jetzt waren sie alle weg: Jeannine, die Kinder. Alle waren verschwunden, und das Haus war ebenso verlassen wie er selbst.
Die Schritte hallten in den großen Räumen – ein seltsames Geräusch, eines von der Sorte, das nicht hierhergehörte. Hier sollte fröhliches Kinderlachen ertönen, ausgelassenes Quietschen und Kreischen, aber nicht die schlurfenden Schritte eines verlassenen Mannes. Er lief durch das ganze Haus. Überall stieß er auf Splitter, schmerzende Bruchstücke seines Lebens. Seines zerstörten Lebens.
Der Anblick der großzügigen Küche (Jeannine hatte sie immer als ihr Revier bezeichnet) schmerzte, als würde ihm ein rotglühender Stab ins Herz getrieben werden. Auf dem großen Tisch hatte sie immer das Essen serviert. Sie hatte es geliebt, für ihn zu kochen, und ihm hatte es immer geschmeckt. Wann hatte er ihr das zum letzten Mal gesagt? Er hatte nicht die Spur einer Ahnung.
Jetzt stand er im Flur, nicht weit vom Schlafzimmer. Wollte er hineingehen? Paul schauerte vor dieser Tollkühnheit. Aber wovor hatte er Angst? Es war doch nur ein Schlafzimmer, das Zimmer, in dem er die Nächte mit Jeannine verbracht hatte. In dem sie sich geliebt hatten, in dem aber auch schon mal die Fetzen geflogen waren. Es war nur ein Zimmer, weiter nichts. Dennoch hatte er mehr als nur Angst vor dem, was ihn dort erwartete.
Der Raum war dunkel und angenehm kühl. Die Vorhänge waren zugezogen. Eine neue Welle aus Schmerzen sauste heran wie eine Dampflok, zischend und fauchend. Sie warf ihn fast zu Boden. Seine Tränen, schon fast getrocknet, flossen abermals. Sein Herz hämmerte und drohte zu explodieren. Er wollte zurück, wollte den Raum verlassen, zu groß, zu gewaltig waren die Erinnerungen, die auf ihn einstürzten. Aber er biss die Zähne zusammen und blieb.
Seine Augen durchstreiften das Zimmer. Alles, alles hier erinnerte ihn an den Verlust: Die schneeweißen Gardinen. Sie hatte sie ausgesucht und eigenhändig angebracht. Er erinnerte sich genau. Er hatte ihr helfen wollen, und sie hatte ihn davongejagt wie einen tollwütigen Hund. Ja, so war sie, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Ist schon komisch, was einem so einfällt, wenn das eigene Leben den Bach runtergeht. Das bequeme Wasserbett, das mitten im Zimmer stand, links und rechts am Kopfende gesäumt von einer künstlichen Palme: Hier hatten sie sich geliebt. Hier war ihre Spielwiese gewesen.
Langsam näherte er sich dem Bett, wobei er darauf achtete, dem Kleiderschrank nicht zu nahe zu kommen. Dabei fragte er sich, warum seine Türen offen standen. Einen Augenblick später wusste er es: Sie hatte ihre Kleider mitgenommen. Alles. Von den Socken bis zu den T-Shirts, von den Hosen bis zu den innig geliebten Hüten. Sogar den BH, den er ihr vor Jahren geschenkt hatte, der ihr aber viel zu groß war.
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