In dem Moment, in dem er sich in ihre Richtung drehte, offenbar Lamero suchend, stürzte sie sich auf ihn, schnitt ihm tief in die Schulter und legte ihm sorgfältig die Schneide des Messers von hinten an den Hals. Er gab erstickte Laute von sich, doch verstummte, als sie fester zudrückte.
„Ricardo.“ Sie flüsterte seinen Namen fast. „War ja klar, dass ich auch dich hier finde.“ Kalt lachte sie in sein Ohr.
Dies war der Augenblick, in dem er sie erkannte. Sie und die Rache, die sie forderte. Die, die sie meinte, zu Recht zu verlangen.
Er blieb ruhig, weil er ahnte, dass sie bei der kleinsten Bewegung zustechen würde. Ricardo war clever und so wusste er in Sekundenschnelle, mit wem er es zu tun hatte und auch, dass sie ihn umbringen, vorher jedoch noch etwas loswerden wollte. Er ließ es zu. Schließlich war für ihn im Moment alles besser als der Tod, so viel wusste er.
„Lamero hat seine Strafe bereits erhalten.“
Er entdeckte die Blutspur auf dem Boden. Die Angst packte ihn. Er wollte noch nicht sterben, deswegen fing er an, sie herauszufordern, zu provozieren, zu überreden. Erbärmlich feilschte er um sein Leben.
„Wieso? Wieso willst du uns töten, Olivia?“ Ihren Namen spuckte er aus wie etwas Verdorbenes.
Erneut lachte sie. Ihr Atem traf sein Ohr, während ihm ein Schauer den Rücken hinunterlief. Er bereute die Frage bereits, als die Klinge seine Haut einritzte.
„Hast du es etwa vergessen? Was Lamero mir angetan hat, war zwar schrecklich, aber was du mir angetan hast, hat eine sichtbare Narbe hinterlassen, die ich nie wieder loswerde!“
Seine Angst war völlig neu für sie.
Völlig neu und so wunderschön.
„Jedes verdammte Mal, wenn ich meine Schulter anschaue, jedes einzelne Mal, wenn ich sie im Spiegel sehe, werde ich unfreiwillig an dich und die Schmerzen, die du mir zugefügt hast, erinnert. Es ist unverzeihlich, unvergessen und leider auch unauslöschlich. Nicht einmal die Zeit hatte die Macht, diese Wunde heilen zu lassen. Ich musste so viel durchstehen. Und wieso? Wegen euch!“ Der Zorn in ihrer Stimme war unüberhörbar. „Deshalb muss ich so weit gehen.“
Zuerst konnte sie seine Reaktion darauf nicht deuten, doch dann wurde ihr bewusst, dass es Abscheu war.
„Ich erwarte nicht, dass du es je verstehen wirst. Du hast es ja nicht am eigenen Leib gespürt. Das Leid, der Schmerz, der Hunger, die Einsamkeit und noch so vieles mehr zehren selbst an dem stärksten Kämpfer, saugen selbst aus den schwächsten Seelen noch den Rest Hoffnung, und der Schmerz, von ihm bin ich heute immer noch gezeichnet. Und du, du trägst deinen Teil dazu bei wie jeder andere dort auch.“
Das Messer grub sich noch tiefer in seine raue Haut, während sie zischte: „Und jetzt, Ratte, frag noch einmal, wieso ich mich nach Rache verzehre.“
Ein paar Zentimeter noch und sie würde ihm die heftig pulsierende Halsschlagader durchtrennen. Das Blut lief bereits in rot-glitzernden Schlieren an ihm herab und leckte am Boden, während der Strom immer stärker wurde.
„Ich kann erst wieder aufatmen und entspannt leben, wenn ich weiß, dass jede alte Rechnung beglichen ist. Ich will leben, doch bin gefangen in den Erinnerungen, die ihr geschaffen habt, wie in einem Käfig. Ich werde wieder frei atmen können, doch das wirst du nicht mehr mitbekommen. Denn Rache zu verlangen, ist das eine, aber sie zu bekommen, das andere. Keine Sorge, du wirst in der Hölle nicht lange allein bleiben.“ Mit diesen Worten schnitt sie ihm die Kehle durch und ließ ihn leblos auf den Boden prallen.
Die Genugtuung durchflutete sie kurz darauf wohltuend in einer einzigen großen Welle, nahm ihr für einige Momente die Schmerzen der Vergangenheit und erschuf in ihren Gedanken eine Zukunft ohne jegliche Form von Leid. Als sie tief einatmete, vernahm sie den Geruch von beglichenem Blut. Er heilte sie. Zumindest einen kleinen Teil ihrer zersplitterten Seele, doch das war für den Augenblick genug.
Lange brauchte Olivia nicht, um ihre Spuren verschwinden zu lassen. Niemand würde sie verdächtigen, wenn das Kartell die Leichen finden würde. Zwar war das Spurenverwischen nie ihre größte Stärke gewesen, doch sie hatte Mittel und Wege gefunden, es genauso gut zu erledigen wie ein Profi.
Als sie die Tür öffnen wollte, konnte sie das glückliche Lachen, das ihre Kehle hinaufschlich, nicht mehr zurückhalten. Und so lachte sie. Getragen vom Adrenalin hallte es von den Wänden des Raumes wider und fühlte sich an wie der erste Schluck Wasser nach einer langen Dürre. Es tat ihr gut.
Dann trat sie mit ernster Miene hinaus. Entscheidend war nun, schleunigst zu verschwinden. Aus sicheren Quellen wusste sie, dass im gesamten Club, wieso auch immer, keine Kameras vorhanden waren. Dennoch war das Zimmer hinter ihr zum Tatort geworden. Klugerweise hatte sie ein Kleid an, dessen Farbe sich mit den Blutspritzern auf ihm reibungslos deckten.
Immer noch erfüllt von innerlicher Freude machte sie sich auf den Weg zum Ausgang. So endete der Tag doch gut.
Die Menschenmasse auf der Tanzfläche war dichter und um einiges größer geworden, was es ihr zusammen mit der lauten Musik nicht leicht machte, sich hindurchzukämpfen. Doch sie war es gewohnt, zu kämpfen.
Wenigstens das, eine sinnvolle Sache, hatte ihre Vergangenheit ihr beigebracht. Sie hatte Olivia geprägt, ihren Geist geformt und sie vieles gelehrt, doch sie hatte es nie geschafft, ihren Willen vollständig zu brechen.
Und niemals würde sie das, so viel war sicher.
Plötzlich rempelte sie jemand an, sodass sie gedankenversunken nach hinten stolperte. Sofort setzte sie zur Attacke auf den unmöglichen Idioten an. Sie hielt ihn am Arm fest und drehte ihn zu sich um, während sie gegen den Lärm der Musik anschrie. „Hey, Vollidiot! Hast du etwa keine Augen im Kopf?!“
Als sie ihn sich genauer anguckte, bemerkte sie erschrocken, dass es Zayn war. Zayn, der überhebliche Typ von heute Mittag. Er trug eine Jeans und ein lockeres, weißes Shirt, welches seine Silhouette betonte. Schockiert musste sie zugeben, dass er echt gut aussah. Das mahagoni-farbene Haar fiel ihm in die Stirn und brachte seine saphirblauen Augen betörend zur Geltung. Das war ihr heute Mittag gar nicht aufgefallen. Auf einen Schlag wirkte er ganz anders auf sie.
Davon ließ sie sich aber nur kurz beirren. „Zayn, dass du keine Augen im Kopf hast, hätte ich mir ja denken können. Trotzdem wundert es mich, wie du in diesen Club gekommen bist. Welche kreativen Beschuldigungen gegen den Türsteher musstest du dir dafür denn ausdenken?“
Amüsiert funkelten ihre Augen. Sie liebte es, zu spielen. Besonders mit Jungs wie ihm. Olivia sah die Überraschung in seinem Blick kurz aufflackern, bevor er etwas tat, womit sie nicht gerechnet hatte: Er lachte.
Unwillkürlich lief ihr ein wohliger Schauer über den Rücken, während der Laut seines Lachens in ihr ein warmes, angenehmes Gefühl auslöste. Sie war verwirrt von sich selbst. So etwas fühlte sie sonst nie. In ihrem hasserfüllten Leben fand sich dafür schlichtweg kein Platz. Kurzzeitig war sie sprachlos.
Zayn konterte währenddessen allzu selbstbewusst: „Was ist? Habe ich dir etwa die Sprache verschlagen? Wenn allein mein Aussehen dich derart fesselt, was wirst du dann erst machen, wenn ich dich mit meinem Charme vollkommen eingenommen habe?“ Herausfordernd blickte er sie an.
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