Showtime, dachte sie sich nur, als sie auf das niedrige Podest stieg und anfing, um die Stange herum zu tanzen. Ihre Arme schlang sie um das Metall über ihrem Kopf und ihre Hüften sprachen ihre eigene Sprache. Schnell merkte sie, dass es seine Wirkung nicht verfehlte. Lameros Augen weiteten sich und er rückte immer weiter nach vorne. Zentimeter um Zentimeter näher an seine potenzielle Mörderin heran, bis er unmittelbar vor der Erhebung kniete, den Blick nicht von ihr wendend. Die Sekunden zogen sich hin und die Luft lud sich auf. Wie eine Maus, die nur den Käse bemerkt und nicht nach rechts und links blickt, hockte er in ihrer Falle. Sie musste nur noch zuschnappen. Olivia biss sich auf die Lippe und das war der Moment, in dem das Verlangen übermächtig wurde, in dem für die dumme Maus nur noch der Käse zählte, das Gebilde außen herum ausgeblendet wurde und er sich nicht mehr halten konnte. Lamero preschte nach vorn, drückte sie gegen den Stab und begann, sie wie wild zu küssen, während seine Hand oben anfing und immer weiter nach unten wanderte.
Kurz stockte ihr der Atem und der Raum schien kleiner zu werden, doch sie fing sich schnell wieder. Es dauerte nicht lange und die Wut über seine Taten war wieder in ihr, entfacht durch einen einzigen, fordernden Kuss. Rasend pulsierte sie, erweckte ihre ganze Kraft und als sein Atem sie erneut traf, wurde sie übermächtig und drohte, Olivia zu zerstören, wenn sie nicht freigelassen wurde.
Wie ein Sturm wütete sie hinter ihren dunklen Augen.
Und dann hielt sie nichts mehr zurück.
Sie riss ihn an den Haaren nach hinten, rammte ihren Ellbogen in seinen Hals, das Knie voller Wucht in seinen Bauch und während er aus seiner Starre erwachte, hatte sie ihn schon zu Fall gebracht. Mit einem dumpfen Knall landete er auf dem Boden, rappelte sich jedoch schnell wieder auf, während sie vom Podest sprang.
Beide liefen langsam im Kreis umeinander herum, wie zwei Feinde in einer Arena. Denn genau das waren sie. Blut rann aus seiner Nase und bedeckte Teile seines Kopfes und seines Gesichts. Er versuchte, nicht verwirrt zu wirken, doch sie konnte sehen, dass er sie noch nicht erkannt hatte. Dann konnte sie die Bombe jetzt genüsslich hochgehen lassen.
Ihren nächsten Worten verpasste sie einen spöttischen Unterton. „Lamero, voreilige Schlüsse zu ziehen, war noch nie eine kluge Idee von dir gewesen.“ Der Spott wich einer leichten Arroganz. „Wie gut, dass ich da anders bin.“
Wenige Sekunden bis zur Explosion.
„Eine der wenigen hilfreichen Eigenschaften, die ich von meinem Vater habe.“
Und boom.
Olivia legte eine Pause ein, bevor sie hinzufügte: „Aber das weißt du ja nur allzu gut.“
Einige Haarsträhnen fielen in ihr Blickfeld, während ihre Augen weiterhin jede seiner Bewegungen verfolgten. Ihr entging nichts. Das schnelle Heben und Senken seines Brustkorbes, der Unglauben in seinem Blick und besonders die Angst, von der er nun überschwemmt wurde.
Olivia blickte ihm in die weit aufgerissenen, in diesem Licht fast schwarz wirkenden Augen und redete einfach weiter. „Du erinnerst dich. Das ist wirklich gut für mich, aber weißt du, was wirklich schlecht für dich ist? Wenn man außer Acht lässt, dass ich stärker denn je und ganz offensichtlich nicht zum Kuscheln hierhergekommen bin?“
Spaß hatte sie an dieser Situation definitiv. Auf eine Antwort wartete sie erst gar nicht, weil sie aus seinem geschockten Gesicht ablesen konnte, dass er nicht in der Lage war, ihr zu antworten.
„Ich kann mich auch erinnern …“
Ihre Augen funkelten wie geschliffene Diamanten.
„… an absolut alles.“
Bilder fluteten ihren Kopf.
„An jede grausame Sekunde, in der ich gelernt habe, das Wort ‚Schmerz‘ ganz neu zu definieren.“
Ihre Vergangenheit hatte zwar Narben hinterlassen, doch das ließ sie nicht von ihrem Plan abkommen. Unbemerkt holte sie hinter ihrem Rücken ein Messer hervor, dessen Klinge im dumpfen Licht bedrohlich glitzerte. Jedes ihrer Kleider besaß unauffällige, eingenähte Taschen, in denen sie kleinere Waffen verstecken konnte. Mit der Hand umschlang sie den Griff des Messers langsam, aber sicher. Er hielt währenddessen ihrem vernichtenden Blick stand.
„Ich spüre deine dreckigen kleinen Finger heute noch auf mir. Meine Schreie hallen heute noch in meinen Kopf nach und die Qual, mit der du mich als Erster bekannt gemacht hast, wird mich vielleicht nie wieder loslassen. Du warst der Allererste. Sozusagen der Schütze, der die Jagdsaison eröffnet hatte. Aber wer denkt an das Reh, das aus seinem schönen, unbehelligten Leben gerissen wird? Keinen von euch hat es jemals interessiert, welchen körperlichen und seelischen Höllenqualen ihr mich ausgesetzt habt. Aber weißt du, was das Schlimmste ist?“
Die Luft war zum Zerreißen gespannt.
„Ich kann es nicht vergessen.“ Das leichte Zittern, das ihre Worte begleitete, bemerkte er zum Glück nicht. „Nicht nur das, was du getan hast, sondern jeden einzelnen Tag, an dem ich zwischen Mauern aus Schmerz und Leid gefangen war. Es ist schon so tief in mir, hat sich festgeklammert und mein Herz zu Stein verwandelt. Ich muss die Erinnerungen verdrängen, sonst drohen sie, mich zu zerreißen. Und es braucht nur eins, damit sie Ruhe geben …“
Das bösartige Grinsen schlich sich an seine gewohnte Stelle, während sie weiterredete.
„Rache, Lamero.“
Ihre Worte schienen den Raum einzufrieren und jagten ihm eine ungewohnte Gänsehaut über den Rücken. Sie fasste das Messer fester. „Rache an allen. Dich eingeschlossen. Doch wie soll ich mich rächen, wenn ich doch will, dass ihr denselben Schmerz spürt wie ich damals?“
Die Antwort würde er wohl nie erfahren, denn sie nutzte den Moment der Ablenkung, in dem er sich zurückerinnerte, und schoss mit dem Messer in der Hand vor. In einer flüssigen Bewegung stach sie es ihm in die Brust, und als sie es umdrehte, ging er zu Boden. Blut spritzte auf die schwarze Wand hinter ihm und hinterließ Spuren ihrer Rache.
Während sie sich über seinen noch warmen Leichnam beugte, konnte sie das erste Mal seit Wochen wieder richtig einatmen. Sie genoss es und entspannte sich sichtlich, bis Schritte auf dem Gang hinter der Tür sie an ihr zweites Ziel für diesen Abend erinnerten.
Lameros schwerer, lebloser Körper hinterließ eine Blutspur auf dem dunklen Vinylboden, doch das kümmerte sie nicht, als sie seinen Leichnam hinter das Podest zog. Dann positionierte sie sich in der düsteren Ecke neben der Tür und wartete ab. Das Adrenalin begann erneut, ihren Körper zu fluten.
Die Schritte kamen näher und näher und ihr Herzschlag beschleunigte sich, während ihre Hand das leichte Messer weiterhin umklammerte. Blut tropfte von dessen Spitze wie die Körner einer Sanduhr, die von oben nach unten fielen und die Sekunden zählten, die Ricardo noch ruhig leben konnte. Schließlich öffnete sich die Tür. Olivia atmete angespannt ein und vernahm seinen herben Geruch nach Alkohol. Ricardo schloss die Tür vorsichtig, wie wenn er die Gefahr in diesem Raum, die von ihr ausging, bereits spürte.
Als er einen Schritt nach vorn machte, schabten seine Schuhe über den Boden, und das Geräusch, das sie dabei machten, war in der Stille des Raumes überdeutlich zu hören. Es hallte von den Wänden wider wie das Echo in einer riesigen Höhle.
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