Im Club war es brechend voll. Lichter wirbelten über die hohe Decke und die Musik, die mit voller Lautstärke aus den Lautsprechern hämmerte, übertönte beinahe alles. Ein Schmunzeln schlich sich auf ihre Lippen. Ihr gefiel es hier.
Eines musste sie Lamero und Ricardo lassen: Sie besaßen Stil. Trotzdem mussten sie heute bezahlen.
Ihr Blick glitt über die dunkle Masse aus dicht nebeneinander tanzenden Menschen und sie entdeckte die beiden wie erwartet in einer Sonderecke des Clubs, umgeben von leicht bekleideten Frauen und mit mehreren Gläsern Alkohol vor sich. Von dem Anblick wurde ihr schlecht und ihre Miene verhärtete sich für einen Moment. Olivia mischte sich erstmal unter die Tanzenden, immerhin wollte sie hier ebenfalls ihren Spaß haben.
Auf der Tanzfläche blieb sie auch nicht lange allein. Als Erster kam ein Achtzehnjähriger auf sie zu, der schon sehr betrunken wirkte und an sie herantanzte, während er in ihr Ohr lallte. „Hey, Süße, ich habe dich beobachtet. Ich glaube, wir hätten viel Spaß zusammen. Wollen wir nicht verschwinden und herausfinden, ob ich recht habe?“
Sein Atem kitzelte die Haut unter ihrem Ohr, aber sie reagierte darauf nicht. Naiver Junge, dachte sie sich nur, du wirst schon sehen, was es dir bringt. Langsam drehte sie sich zu ihm um und zog ihn noch näher an sich heran.
„Aber ich kenn dich doch gar nicht.“ Ihre Worte klangen unschuldig, doch sie täuschten. Ein unschuldiges, kleines oder leichtgläubiges Mädchen war das Letzte, das sie war.
Daraufhin lachte er, und noch während er eine seiner Pranken an ihre Taille legte, zog er sie bestimmend von der Tanzfläche. Sie ließ es geschehen. So bereitete es ihr erheblich mehr Vergnügen.
In einer entfernten Ecke am Rande des Clubs, wo die Musik noch immer vieles übertönte, es aber etwas leiser war, drückte er sie gegen die nächstbeste Wand, beugte sich zu ihr herunter und begann, sie zu küssen. Nicht romantisch, aber energisch und fordernd. Sie hatte schon schlechtere Küsse über sich ergehen lassen. Ihre Lippen erwiderten seine nicht gerade prickelnd, aber er dürstete nach mehr. Das war meistens der Effekt, den sie auf Männer ausübte. Manchmal zu ihrem Vorteil und manchmal, an den düsteren Tagen in ihrer Vergangenheit, war es ihre Verdammnis gewesen.
Nach einer Weile wurde er gröber und plötzlich zeigten sich längst verdrängte Bilder vor ihren Augen, die sie innerlich erschrecken ließen. Erinnerungen, die nicht zu ruhen gedachten, die Tag und Nacht in ihrem Kopf umhergeisterten. Die Schatten ihrer Vergangenheit, mit der sie endlich abschließen wollte. Sie quälten sie, doch in diesem Moment erinnerten sie Olivia an ihr Vorhaben für heute Abend.
Geschickt drehte sie ihn so, dass er mit dem Rücken zur Wand stand, und vertiefte den Kuss, was ihm zu gefallen schien. Als er eingenommen von ihr kaum noch atmete, löste sie sich schließlich von ihm. Der Kerl blickte zunächst verwirrt drein und wollte sie dann erneut küssen, doch bevor er auch nur den Hauch einer Gelegenheit dazu hatte, rammte sie ihm ihr Knie in die Stelle, an der er besonders empfindlich war. Vor Schmerzen krümmte er sich zusammen. Der Gesichtsausdruck, der ihr Antlitz zierte, war komplett teilnahmslos. Irgendwie musste sie ihn schließlich loswerden.
Da die Ecke beinahe in völliger Dunkelheit lag und nur hin und wieder von einem der wandernden Scheinwerfer kurz und schwach erleuchtet wurde, bemerkte sie niemand. Der Junge lag am Boden und sie betrachtete ihn von oben. Morgen würde er sich kaum noch daran erinnern können, dafür würde der Alkohol in seinen Adern schon sorgen. Und in Anbetracht der Umstände war das äußerst vorteilhaft.
Ein letztes Mal beugte sie sich zu ihm hinunter. Während sie ihm in die weit aufgerissenen Augen blickte, erklärte sie: „Sorry, Süßer, aber ich bin nicht wegen dir hier.“
Achtlos ließ sie ihn am Boden liegen und steuerte wieder auf die Mitte der Tanzfläche zu, die im Blickfeld von Lamero und Ricardo lag. Schließlich war Spaß nicht ihre oberste Priorität gewesen, als sie den Club betreten hatte. Reizvoll bewegte sie sich zum Rhythmus der Musik, und obwohl sie ihre beiden Feinde beobachtete, war sie innerhalb weniger Augenblicke schon wieder von Interessenten umringt, an die sie jedoch keinen Blick verschwendete.
Als sie erspähte, wie Lamero jemanden zu sich rief und ihm diskret einen Zettel zusteckte, wusste sie bereits, dass der für sie gedacht war. Und sie wusste auch, dass Lamero es noch bitter bereuen würde, ihn geschrieben zu haben.
Jetzt fängt der amüsante Teil des Abends an, schoss es ihr durch den Kopf, während der Überbringer sich durch die dichte Menschenmenge einen Weg zu ihr bahnte. Er war ungefähr in ihrem Alter und hatte eine charakteristische Narbe an seiner Schläfe. Dieses Motiv würde sie überall wiedererkennen. Sie zeichnete nämlich dasselbe. Nicht im Gesicht, ihre Narbe war größer und sie besaß sie aus anderen Gründen, aber es war das gleiche Zeichen. Weil es bei ihm zwar im Gesicht, aber nicht eindeutig sichtbar lag, vermutete sie, es war die Bestrafung für eine Dummheit oder einen mittelmäßigen Fehler gewesen.
Bei ihr angekommen überreichte er ihr das Stück Papier, welches sie grob überflog. Zwischen ihren Fingern fühlte es sich wie Feuer an, denn das, was sie mit Hilfe dieser Einladung nun tun konnte, war gefährlich und unberechenbar wie ein loderndes Flammenspiel.
Wenn sie diesem Typen folgen sollte, wenn sie diesen Pfad einschlagen sollte, konnten die Flammen entweder ihre Widersacher oder, wenn der Wind sich drehen sollte, auch sie selbst verschlingen. Doch Rückzieher waren nicht ihre Art, solange sie ein Ziel vor Augen hatte.
Dem Boten war, obwohl er sich bemühte, es zu verstecken, aus dem Gesicht abzulesen, dass er sie am liebsten für sich allein gehabt hätte. Wie leicht Kerle doch zu durchschauen waren. Fast hätte sie gelacht – aber nur fast. Stattdessen lächelte sie unheilvoll und folgte dem Mittelsmann durch ein paar spärlich beleuchtete Gänge in eine Privatlounge.
Rache war, wonach sie trachtete, und dafür würde sie jeden noch so verworrenen und dunklen Pfad einschlagen.
Zeit, alte Rechnungen zu begleichen.
Olivia wurde in ein lichtloses Hinterzimmer gebracht, das mit einigen schwarzen Chaiselongues und einem Podest samt Stange ausgestattet war. Trotz der edlen Möbel hatte dieser Raum etwas an sich, das sie an die ruchlose und schmutzige Atmosphäre des Kartells erinnerte. Ihre Haut reagierte auf dieses groteske Flair mit einem Prickeln, als würden winzige Stromstöße über sie wandern. Olivia wehrte die Erinnerungen, die jederzeit bereit waren, an die Oberfläche zu kommen, gekonnt ab und begrüßte stattdessen eine gewaltige Vorfreude und Aufregung.
Lamero ließ nicht lange auf sich warten. Einige Augenblicke vergingen und dann trat eine der Zielpersonen dieses Abends endlich ein. Er trug ein locker sitzendes Seidenhemd, dazu ein offenes Jackett und eine Anzughose, die genau wie sein Haar anthrazitschwarz waren. Sein Dreitagebart unterstrich seine harten Züge. Sein dreckiger Blick glitt an ihr herab und mit jeder Sekunde wurde sein krankes Lächeln größer.
Er würde sie nicht erkennen. Oder doch? Nein, denn für Zweifel war in ihrem Leben kein Platz, wenn sie gewinnen wollte. In diesem Spiel, das keine Regeln kannte und in dem einem jedes Mittel recht sein musste, um zu siegen.
Er wies sie an, sich zu setzen, doch sie schüttelte nur stumm den Kopf und bedeutete ihm stattdessen, sich niederzulassen. Das tat er auch.
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