„I feel pretty …“ – TK-Programm „Schmerzfrei leben“
Nach fünf Wochen Arbeitsunfähigkeit und der Diagnose „HWS-Prolaps in C5-C6 und C6-C7“ muss es endlich vorwärts gehen. Meine Geduld ist am Ende. Ich melde mich für das integrierte Versorgungskonzept bei Rückenschmerzen „Schmerzfrei leben“ meiner Krankenkasse an. In einem schönen bunten Flyer wird erklärt, dass „ausgewählte Fachärzte, Verhaltens- und Physiotherapeuten dabei eng und effektiv zusammen [arbeiten] und so die Heilungschancen [erhöhen].“ - Das will ich. So geht’s voran.
Mit dem Orthopäden, der mir nicht sagt, was seine Spritzen anrichten können und seinen unfreundlichen Theken-Schlampen war ich mittlerweile fertig. (Darf man Schlampen sagen? Es ist angemessen, also bleibt es stehen. Außerdem bin ich nicht ganz dicht, übersensibel und in einem emotional labilen Zustand. Da muss man mit so was rechnen.)
Ich finde mich also zu einem diagnostischen Screening in einer ultramodernen Praxis ein. Es fühlt sich wie ein Bewerbungsgespräch an. Hier wird entschieden, wer bei dem Programm mitmachen darf. Die mir zugeteilte Praxis ist nicht nur auf Rückenschmerzen spezialisiert, sondern auch auf Migräne und Schmerztherapie im Allgemeinen. So pflückt die in der Praxis angestellte Frau Dr. B., in deren Behandlungszimmer ich alsbald sitze, mein gesamtes Schmerzerleben in Nullkommanichts auseinander und erklärt mir die kausalen Zusammenhänge der unterschiedlichen Baustellen in meinem Körper.
Einige meiner Beschwerden seien ganz klar auf meine, seit der Kindheit bestehende Migräne zurückzuführen. Nervus trigeminus heißt der Schlingel, der da vorwiegend in meiner linken Gesichtshälfte seinem Namen alle Ehre macht und rumnervt. Ein großer Teil der Nackenschmerzen, Schwindel und Gefühlsstörungen seien dadurch erklärbar. Das ist mir neu. Hat mir noch keiner gesagt. Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich das Gefühl, dass da einer Bescheid weiß und seinen Job gut macht.
Armtaubheit und Schulter-Schmerzen hingen eher mit den Bandscheibenschäden zusammen. Die kriege man bestimmt in den Griff. Hinzu kämen allerdings die psychosozialen Faktoren, die das gesamte Schmerzerleben und die Migräne triggern und beeinflussen können. „Ganz wichtiger Punkt“, sagt sie. Klingt plausibel.
Eine Stunde später hab‘ ich den Therapieplatz und ’nen Sack voll Hoffnung.
Ich freue mich, obwohl sich mir allein bei dem Gedanken an die Fahrten zu den Therapeuten der eh schon rebellische Magen umdreht. An manche Fahrten kann ich mich nicht erinnern. Zu den ersten Terminen fährt mich mein Mann, der gerade Urlaub hat. Geplant war eigentlich, diese Zeit gemeinsam am Meer zu verbringen. Jetzt stehen wir drei Tage lang gemeinsam auf der B224. Danach zwinge ich mich, alleine zu fahren. Ich will nicht dauernd um Hilfe fragen.
Unzählige Male bleibe ich auf der Strecke stehen, um meine Panik- und/oder Schwindelattacken zu bewältigen. Mein Mann coacht mich bei diesen Fahrten telefonisch über die Freisprecheinrichtung. So ganz ohne Hilfe geht es nicht. In meinem Auto riecht es penetrant nach Lavendel (Tipp von Herrn E. zur Beruhigung). An jeder Hand habe ich einen Akupunktur-Ring (zur Fokusumlenkung). Ich hasse mich für meine Unselbstständigkeit, hasse die anderen, weil sie mich im Auto weinen sehen, hasse die ganze Welt, weil sie mir das antut. Aber: Ich kapituliere nicht! Ich singe: „I feel pretty … oh so pretty …“ wie im Film „Die Wutprobe“ (Originaltitel: Anger Management). Ich bin Jack Nicholson und Adam Sandler in Personalunion.
Die Physiotherapie des Programms tut mir gut. Vor allem die Fango-Matten und die manuelle Therapie bringen ein bisschen Erlösung. Mein programm-immanenter Physiotherapeut ist ein kräftig gebauter, nicht sehr großer Mann mit lustigen Augen und einem Bauchansatz. Das macht ihn neben den drahtig, sportlichen Surfer-Typen, die sich sonst als Physiotherapeuten verdingen und anderen gerne die Welt erklären, für mich besonders sympathisch.
Er warnt mich: „Machen Sie nicht zu schnell wieder zu viel.“
Ich verstehe nicht, was er meint. Ich tue doch alles, was ich tue nur, damit ich schnell wieder einsatzbereit bin. Damit ich wieder funktioniere und alles wieder ist wie früher …
In der zweiten Programmwoche geht gar nichts mehr: Migräne. Die üblichen drei bis vier Tage „Kopfschmerz mit Rahmenprogramm“ legen mich lahm. In der Schmerzpraxis bekomme ich das erste Mal Aspisol i.V. – schon nach fünf Minuten geht es besser. Ein Wunder! Wie ich an diesem Tag wieder nach Hause komme? Keine Ahnung. Außerdem ist mir schlecht und mir tut der Bauch weh, sehr weh …
Ich lerne: Aspisol (= Aspirin = Acetylsalicylsäure) in ausreichender Dosierung von 1000mg intravenös (i.V.) verabreicht, kann als Migräne-Akutmedikation eine tolle Sache sein. Die Kehrseite der Medaille sind die Nebenwirkungen, die sich bei entsprechend empfindlichen Personen vor allem im Magen bemerkbar machen: Sodbrennen, Magenschleimhautentzündung, Magengeschwüre bis hin zu Magenbluten sind die möglichen unerwünschten Nebeneffekte dieser medikamentösen Schmerz-Therapie. Es gibt auch Fälle, in denen nach der Gabe von Aspirin ein Hörsturz vorkam. Na, Bravo!
„Das Schlimmste“ oder BallaBalla
Am Anfang der dritten und letzten Programmwoche meines Rückenschmerz-Programms geht es bei 37 Grad Außentemperatur und gefühlten 47 im Wartebereich der Arztpraxis zur Sache:
„Die Hitze – das ist das Schlimmste!“, höre ich eine pummelige Dame mit braunen Locken, weißer Popelinehose und sich langsam auflösenden Bast-Schühchen zu einem Herrn sagen. Der schleppt sich grade (mühsam auf seine Krücken gestützt) zwei Meter über den Flur zu der dort platzierten Sitzgruppe.
Die Pummel-Frau steht auf, setzt sich auf einen anderen Platz neben einen anderen Herrn – den kennt sie wohl bereits. „Das Warten – das ist das Schlimmste!“, schnaubt sie und wischt sich mit einem kleinen Handtuch durchs Gesicht. Eine Tür geht auf. Das Startsignal für mich und fünf weitere Schmerzpatienten zur psychotherapeutischen Gruppensitzung. Frau Pummel ist auch mit von der Partie. Die Therapeutin bittet uns, ein kleines Piktogramm an das aufgestellte Flipchart zu zeichnen. Es soll unseren momentanen Gemütszustand beschreiben.
Herr Bärtig malt einen gelben Smiley, lächelnd – läuft. Bei Herrn Vokuhila läuft’s gar nicht: Er malt eine orangefarbene Mundwinkel-nach-unten-Version. Herr Ringelpulli: Grüner Haken – alles tutti. Herr Handballer: Blauer Smiley, wellenförmiger Mund und Kugelaugen – geht so. Ich male einen schwarzen Smiley mit Fragezeichen als Nase – mal gucken. Frau Pummel springt auf und kritzelt unter alles ein großes, schwarzes Fragezeichen.
„Die vielen Fragen – das ist das Schlimmste!“, zetert sie und drückt sich das kleine Handtuch ins Gesicht.
Die Therapeutin hatte für diesen Termin ursprünglich eine Einführung in die „Progressive Muskelentspannung“ nach Jacobson plus Wärmeübung vorgesehen. Die Begeisterung in der Gruppe hält sich in Anbetracht der Wetterlage in Grenzen. Stattdessen soll die „Übung mit dem Ball“ folgen. Keiner wehrt sich. Nur Herr Vokuhila wirft ein:
„Was?! Bälle fangen?! Wir ham doch alle Rücken!“, regt er sich auf.
Herr Vokuhila ist neu in der Gruppe. Er weiß noch nicht um die universalenergetisch positive Wirkungsweise des Lederballwerfens mit mehreren Bällen in der immer gleichen Abfolge: Herr Ringelpulli zu mir, ich zu Herrn Bärtig, Herr Bärtig zu Herrn Vokuhila, Herr Vokuhila zu Herrn Handballer, Herr Handballer zu Frau Pummel, Frau Pummel zur Therapeutin, die Therapeutin zu Herrn Ringelpulli, der wieder zu mir und so weiter …
Wir legen los. Bällchen fangen macht Spaß und alle sind total gut drauf. Von Wurf zu Wurf werden die kleinen Bälle klebriger. ‚Jetzt haben ALLE ALLES‘, denke ich und stelle mir die Heerscharen von Bazillen vor, die jeder von uns an seinen schweißnassen Händen kleben hat. Jetzt bloß nicht ins Gesicht fassen!
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