Drei Weißbekittelte kommen rein. Hantieren an Herrn S. rum. „So, jetzt wird’s gleich besser, Herr S.“, sagt ein dunkelhaariger Arzt. Ich sehe nicht, was sie mit dem offenbar älteren Herrn machen. Ganz langsam wird Herr S. ruhiger. Atmet wieder rhythmischer, wenn auch immer noch pfeifend. Dann sind wieder alle verschwunden. Bis auf einen der Feuerwehrmänner, der irgendwelche Zettel ausfüllt.
Ich singe in Gedanken ein Lied von dem leider viel zu früh verstorbenen Kazim Akboga, um mich zu beruhigen: „is‘ mir egaaal‘, egaaal‘, is‘ mir egaaal, egaal‘“ und weiter: ‚Roboter mit‘ „Seeeeenf“ … is‘ mir egaaal’– Ups! Hatte ich Senf jetzt laut gesagt?! Der Feuerwehrmann guckt mich an: „Ham‘ Sie was gesagt?“
„ANST“, nuschle‘ ich. Wie peinlich.
„Sie brauchen keine Angst zu haben, wird schon alles gut. Der Doktor kommt auch gleich zu Ihnen“, beruhigt mich der Lebensretter und geht raus. Ich versuche ein Lächeln. Wird nix.
‚Die sollen sich auch mal lieber um Herrn S. kümmern, dem geht’s echt nich‘ gut‘, denke ich, als eine blonde langsam welkende Schönheit mit Arschgeweih und String-Tanga, Kaugummi kauend ins Zimmer schlendert.
„Pinkeln“, röchelt Herr S. – das Ganze ist ihm wohl auf die Blase geschlagen.
„Jetzt nicht“, patzt die Blonde ihn an und geht wieder raus. „Pinkeln, bitte.“ Herr S. kann von seinem Bett aus nicht sehen, dass die Else wieder verschwunden ist. Ich will was sagen, klappt aber nicht. Meine Augen machen ebenfalls immer noch, was sie wollen. Die Zeit vergeht. Zwei Mal startet der automatische Blutdruckmesser an meinem Arm, also schätzungsweise 30 Minuten später, kommt mein Mann ins Zimmer. Jetzt wird alles gut, denke ich.
„Pippppi!“, sag‘ ich zur Begrüßung und will auf Herrn S. zeigen, was aufgrund meiner lahmen Arme nicht funktioniert.
„Musst du Pipi?“, fragt mein Mann ruhig und lächelt mich glücklich an. Mit seltsamen Äußerungen seiner Gattin zu unmöglichen Zeitpunkten kennt er sich aus - das schockt ihn also nicht. Außerdem freut er sich offenbar, dass ich überhaupt noch was sage.
„Nein. Daaaa“, stammle ich und zucke mit dem Arm in Richtung Nachbarpritsche zu Herrn S. Das Sprechen wird langsam besser. „Er muss mal. Schwesserolen.“ Mein Mann versteht, und verspricht jemanden zu holen. Er geht schnellen Schrittes raus. Eine Minute später kommt die Blonde wieder rein. Hantiert an Herrn S. rum. „Pinkeln. Schnell. BITTE!“, röchelt Herr S..
Jetzt wird sie ja wohl, denke ich.
„Jetzt nich‘, hab‘ ich gesagt“, motzt sie genervt und geht wieder raus. Nach weiteren Minuten höre ich ein Plätschern. Dann ein Schluchzen. Herr S. weint. Er konnte nicht mehr.
Die Tür geht auf. Ich sehe meinen Mann, eine andere Schwester und eine Pinkelflasche. Zu spät, denke ich. Die Blonde kommt dazu. Stöhnt laut auf: „Och, nööööh“, ranzt sie in Richtung von Herrn S. und rupft ein paar grüne Tücher aus einem Spender neben der Tür, um damit die sich langsam ausbreitende Pfütze unter der Liege des alten Mannes aufzusaugen.
Ich bin so wütend, dass meine Lebensgeister der Angst jetzt zeigen, wo Bartel den Most holt. In diesem Moment entscheide ich, dass diese blonde Ziege garantiert nicht das Letzte ist, was ich auf dieser Erde sehe. „So nicht, Frollein, jetzt wird nicht gestorben“, stutze ich mich innerlich zurecht. Nach und nach komm‘ ich wieder bei. Die Wut hilft mir dabei, so gut sie kann. Nachdem sich auch mein Blutdruck beruhigt hat und weder EKG noch Blutwerte Grund zur Besorgnis geben, bin ich nach ein paar Stunden wieder zu Hause. An Herrn S. denke ich manchmal heute noch. Ich frage mich, ob er noch lebt. Leider bleibt es nicht bei einem Besuch in dieser Notaufnahme …
Warum ich Orthopäden nicht leiden kann
Mein Nacken macht mich mittlerweile wahnsinnig. Rückenschmerzen habe ich, seit ich denken kann. Mal mehr mal weniger. Aber zum Orthopäden, wie mein Mann und gefühlt alle anderen Verwandten und Bekannten empfehlen, will ich einfach nicht gehen. Zu den approbierten Metzger-Typen mit klar erkennbaren real-sadistischen Zügen habe ich ein besonders gestörtes Verhältnis. Deshalb pauschalisiere ich an dieser Stelle und werfe einfach alle in einen Topf. Machen die ja auch so. Außerdem bin ich nicht ganz dicht und überempfindlich (das hab‘ ich schriftlich).
Das letzte Mal, dass ich einen Orthopäden aufgesucht hatte, war etwa 5 Jahre zuvor. Ich war in der 9. Woche schwanger, hatte schlimme Kreuzschmerzen. Meine Frauenärztin schickte mich zu einem Orthopäden mit chiropraktischer Zusatzqualifikation. Ich war verzweifelt genug, also suchte ich mir den Nächstgelegenen raus. Niemand aus der Familie hatte Zeit, mich zu begleiten, also ging ich notgedrungen alleine.
Die Behandlung dauerte nicht lange.
„Brille ab!“, feldwebelte der große Mann in Weiß, griff nach meinem Kassengestell und riss mir ein paar Haare dabei aus. Ich verfiel umgehend in die mir bekannte Kaninchenstarre. Innerlich flehte ich mich selbst an: „Bleib‘ ruhig, du bist schwanger. Denk an das Kind. Ganz ruhig.“
Wie ein überdimensionales, dickes Nackenkotlett wuchtete er meine stattlichen 110 kg auf der Pritsche von der rechten auf die linke Seite und stemmte sich ruckartig mit seinem ebenfalls nicht unbeträchtlichen Gewicht auf meinen Oberschenkel. Ich weiß nicht genau, was noch alles passierte, ich war wie weggetreten und mit meinem „Ganz Ruhig-Mantra“ ausgelastet. Gelähmt vor Angst lag ich da. Nur noch das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht tobten in mir herum. Daran, wie ich aus dem Behandlungsraum raus kam und die Arztpraxis verlassen hatte, kann ich mich nicht erinnern. Dissoziation nennen Traumatherapeuten so was. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nichts davon, dass meine Aussetzer und Gedächtnislücken mit einer handfesten Traumafolgestörung zusammenhingen.
Einen Tag nach der chiropraktischen Behandlung stellte meine Frauenärztin beim Ultraschall fest, dass das Kind in meinem Bauch nicht mehr lebte. Als sie mir das bewegungslose, weißliche Etwas mit dem Kopf und den Knubbel-Armen, die sich neulich noch so lustig bewegt hatten, auf dem Bildschirm zeigte, war ich auf einen Schlag wie leergelaufen. Mein kleines Gespenst (so hatte ich den kleinen Embryo bei der letzten Ultraschalluntersuchung genannt) war tot.
Als der Schmerz kommen wollte, weigerte ich mich, ihn zu fühlen - verdrängte ihn. Es fragte mich auch niemand danach. Fehlgeburten sind nicht besonders salonfähig in unserer Gesellschaft.
Obwohl ein kausaler, also ursächlicher Zusammenhang zwischen der Chiro-Nummer und der Fehlgeburt aus medizinischer Sicht schlecht zu belegen ist, muss ich mit der Korrelation, also dem gleichzeitigen Auftreten beider Sachen leben. Das ist schwer. Ich habe das immer noch nicht richtig verpackt.
Deshalb suche ich mir wegen meiner Kopf- und Nackenschmerzen jetzt einen Osteopathen, den ich mir wie eine Art „Light-Version“ des gemeinen Orthopäden und daher weniger „grausam“ vorstelle. Die Internetseite von Herrn R. macht einen guten Eindruck. Es ist von Evidenz, also nachgewiesener Wirksamkeit der Methode die Rede. Da bin ich dabei. Von Quacksalbern will ich nichts wissen.
Auf dem Weg in die Praxis, mitten auf der viel befahrenen Bundesstraße ohne Seitenstreifen, bekomme ich eine Panikattacke. Schaffe es dennoch, mit verheultem Gesicht pünktlich zu erscheinen. Auf den Termin habe ich lange gewartet und kurzfristig „grundlos“ absagen, ist nicht meine Art. Außerdem soll der mir ja helfen.
In der Praxis, in der leise ambientartige Musik läuft, steht ein kleines Schild auf der Theke: „Bitte einmal tief durchatmen“.
Das mach‘ ich sofort. Compliance (also die Bereitschaft, das zu tun, was der Arzt anordnet) ist mein zweiter Vorname.
Читать дальше