Im muckelig warmen Behandlungszimmer berichte ich von der Panik, von meinen Nacken- und Kopfschmerzen. Versuche, locker zu bleiben und antworte möglichst frisch heraus auf die vielen Fragen des ehrlich interessiert wirkenden Mittvierzigers mit dem wissenden Blick. Auf manche habe ich gar keine Antwort. Andere versuche ich mit humorigen Einlagen zu übergehen. Der Osteopath lacht aber nicht über meine Witze.
„Atmen Sie bitte einmal tief ein“, sagt er bei der körperlichen Bestandsaufnahme.
Ich atme.
„Richtig tief einatmen.“
Ich atme noch mal.
„Ok. Tiefer geht nicht?“, fragt er.
„Nein“, sage ich.
„Gucken Sie mal, wo sie hinatmen“, weist er mich an. Ich gucke zu meinem stattlichen Wanst.
„Die Lunge ist hier oben. Da tut sich aber gar nichts“, stellt er fest, während er auf meinen Brustkorb zeigt.
Ich staune. Über meine Lunge habe ich explizit noch nie nachgedacht.
„Ihr Zwerchfell ist das Problem“, erklärt Herr R.
'Mein Zwerchfell? Ich hab‘ doch Nacken!', denke ich.
Herr R. erklärt mir die anatomischen Zusammenhänge von Zwerchfell, Körperhaltung und Nackenschmerzen. Der Zug, der sich da nach vorne und unten über die Jahre aufgebaut hat, ist offenbar enorm. Viel kann Herr R. an diesem Tag nicht erreichen. Dennoch ist er zuversichtlich: „Eine russische Balletttänzerin werden wir nicht aus Ihnen machen, aber wir können etwas verbessern“, verspricht er.
„Das ist gut“, sage ich.
„Wie viel Zeit mehr können Sie ab sofort für sich selbst nutzen, um sich zu entspannen? In Prozent“, fragt er dann.
Ich überlege. Schaufele Aufgaben und Pflichten im Kopf hin und her.
„So 10 Prozent vielleicht?“, sage ich nach langem Schaufeln, überzeugt, dass das eine ganze Menge ist.
„Das ist zu wenig“, stellt Herr R. ruhig fest. „Sie müssen ihr Leben radikal ändern, sonst haben Sie nicht den Hauch einer Chance.“
Ich schweige. 10 Prozent am Tag zum Rumlungern für MICH finde ich ganz schön radikal.
„Fünfzig Prozent. Minimum“, setzt er nach.
Plötzlich ist da dieser Kloß in meinem Hals. Tränen steigen auf. Ich will sie unterdrücken, weil ich nicht weiß, was sie wollen. Geht aber nicht. Sie kullern aus meinem Gesicht heraus. Scheiße, ich Jammerlappen, denke ich.
„Sorry, geht gleich wieder“, entschuldige ich mich.
Herr R. sagt ruhig aber bestimmt: „Das ist jetzt authentisch. Nicht dieses ‚Ha, ha, ha und hi, hi, hi, is‘ alles gar nicht so schlimm‘ von eben. Merken Sie das?“
„Ja“, sage ich tonlos. Ich fühle mich merkwürdig ertappt, aber nicht bloßgestellt. Ich lass‘ es jetzt aus dem Gesicht rauslaufen. Jetzt is‘ eh zu spät. Kurz nachdem ich mir das OK zum Heulen gebe, hört es auf.
„Ich kann das nicht. Mehr Zeit einbauen. Ich hab‘ ’nen kleinen Sohn und meinen Mann …“, stammle ich eher zu mir selbst.
„Ihr Sohn braucht eine gesunde Mama. Keine, die funktioniert bis sie umfällt. Ihr Mann genau so“, sagt Herr R. ruhig. Etwas in mir weiß, dass er recht hat – der Rest in mir stellt sich stur. Der vermeintliche „Light-Orthopäde“ ist vom gemeinen Orthopäden so weit weg, wie man nur sein kann. Das ist auch gut so.
Zum nächsten Termin schaffe ich es ohne Panikattacke. Allerdings auch ohne nennenswerte Veränderungen in meinem Tagesablauf. Andere schaffen das doch auch, halte ich mir vor. Ich muss mich wohl nur mehr anstrengen, denke ich.
Nachts schlafe ich selten mehr als vier oder fünf Stunden. Nicht am Stück, sondern in 1-2 Stunden-Päckchen. Bis 3 Uhr morgens. Dann wache ich nassgeschwitzt mit Herzrasen und Magenschmerzen auf.
„Ändern Sie was!“, sagt Herr R. eindringlich bei unserem dritten Termin.
„Schlaf ist das Wichtigste. Sie MÜSSEN vernünftig schlafen!“, redet er weiter auf mich ein.
„Ich versuch’s ja“, versichere ich.
„Ihnen ist noch nicht klar, dass Sie ein richtiges Problem haben. Das Nächste, was kommt, ist ein Bandscheibenvorfall oder zwei oder drei“, orakelt Herr R. ruhig aber eindringlich. „Sie können ihr Problem nur lösen, wenn sie die Ursachen erforschen. Das physische können wir hier bearbeiten, aber Sie brauchen auch Experten für die psychische Seite. Suchen Sie sich jemand Gutes. Den besten, den Sie kriegen können“, beschwört er mich geradezu.
Zu Hause denke ich darüber nach. Sehr lange. In der Zwischenzeit schlafe ich weiter schlecht und ärgere mich darüber, dass ich zu doof zum Schlafen bin.
Ich tue es ungern, aber ich gehe wieder zum Arzt wegen meiner immer schlimmer werdenden Kopf- und Nackenschmerzen. Diesmal zu einem anderen, vielleicht geht es dann voran. Ohne einen Kommentar oder weitere Fragen zu stellen, greift der nette Doktor, der in einer schönen Villa praktiziert, zum Blutdruckmessgerät. „Ich habe Angst vorm Blutdruckmessen“, sage ich, damit er Bescheid weiß.
„Ach, was!“, lacht er, grapscht nach meinem Arm und legt los. Ich halte die Luft an. Verfalle wieder in die Kaninchenstarre. Es tut weh. Danach hab‘ ich ’nen blauen Fleck am Oberarm. Ich spüre mein Herz bis unter die Schädeldecke. Ich will hier nur noch raus.
„Ja, viel zu hoch!“, frohlockt der Mediziner. Den passenden Gesichtsausdruck zur Ergebnisverkündung haben diese netten Ärzte offenbar alle aus dem gleichen Lehrbuch. Immerhin gibt es nach 30 Sekunden „Gespräch“ eine Diagnose: Bluthochdruck.
„Ich habe wirklich Panik“, kann ich noch raus quetschen.
Keine Reaktion. Der Arzt hämmert in die Tasten seines PCs wie Jerry Lewis in „The Typewriter“.
Nach weiteren 30 Sekunden habe ich ein Rezept für weitere Blutdruckmedikamente (Amlodipin und Ramipril) in der Hand und der Doc seine Gebühr für eine „Gesprächsleistung bei einer lebensverändernden Erkrankung“ nach GOÄ (Gebührenordnung für Ärzte) im Sack. Das lese ich später in den Abrechnungsunterlagen der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung, die ich mir seit einiger Zeit jedes Jahr in Kopie zuschicken lasse.
Meine Nackenschmerzen – kein Thema mehr. Aber das liegt ja auch an mir. Ich verstumme schnell und gründlich, wenn ich Angst habe.
Nach ein paar Wochen sind meine Füße derart geschwollen, dass sich aufgrund des reibenden Schuhwerks die Fußnägel der kleinen Zehen ablösen. Mein Blutdruck hat sich auf muntere 90 zu 54 eingependelt. Kopf- und Rückenschmerzen unverändert mit Tendenz zu schlimmer. Dazu Schwindel, Übelkeit, Ohrensausen.
Ich gehe wieder zum Arzt. Seine Lösung (nachdem er noch mal den Blutdruck gemessen hat, der natürlich wieder zu hoch ist): Mehr von den Tabletten und abnehmen. Gegen die Kopf- und Rückenschmerzen: Spazierengehen und abnehmen. Dauer des Gesprächs: 3 Minuten.
Abrechnung wie letztes Mal.
Alles klar.
Mehr von diesen Tabletten nehme ich nicht – so viel bin ich mir noch wert. Spazieren gehe ich sowieso jeden Tag. Zum Thema Abnehmen später mehr …
Ich warte, bis der nette Arzt Urlaub hat. Gehe zu seiner Vertretung, um noch mal eine andere Meinung zu hören und vielleicht doch noch Hilfe bzgl. der Kopf- und Rückenschmerzen zu bekommen, ohne, dass der nette Arzt böse auf mich ist, weil ich seine Anordnungen nicht korrekt befolge.
Das mit den Ödemen in den Füßen sei doch kein Problem, sagt die nette Vertretung: Statt Amlodipin nehmen wir ein Entwässerungsmedikament. OK.
Der Effekt: Noch mehr Schwindel und noch mehr Kopf-und Rückenschmerzen. Dazu: Muskelkrämpfe.
Nach ein paar Tagen nehme ich nur noch das Ramipril (Compliance ist ja mein zweiter Vorname). Zu den Kopf- und Nackenschmerzen gesellt sich nun ein lästiger Reizhusten …
Als meine Nackenschmerzen immer schlimmer werden und ich meinen linken Arm nicht mehr richtig bewegen kann, schleift mein Mann mich nun doch zum Orthopäden. Wir gehen gemeinsam in das Behandlungszimmer. Alleine traue ich mich nicht.
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