1 ...7 8 9 11 12 13 ...18 1842. Er ist 21, volljährig. Wenn er mit Prostituierten schläft, schließt er die Augen und stellt sich den Hermelinmantel vor oder die weißen Porzellanhände und er hört nichts anderes als das Rauschen von Trouville. Er spricht wenig, seine Zunge stolpert wie über Pflastersteine von Paris. Dem Saum des Vaters kann er nicht entkommen, sein Wille ist überall, in den Kathedralen und auch unter seinem Bett. Er fühlt sich gesichtslos, die kurzen Stöße befriedigen nicht, Bordellbesuche machen ihn arm. Über jeden Sous, den er ausgibt, verlangt der Vater Rechenschaft. Er ist ein Bittsteller in ewiger Schuld, wünschte, er wäre tot, dieser kalte Gott in weiß, der immer nach Äther riecht. Misstrauisch über die hohen Summen der vermeintlichen Buchausgaben besucht Achille Flaubert den missratenen Jungen in seiner Mansarde, als er gerade von einer Dirne kommt. Um sie sich leisten zu können, hat er seine juristischen Bücher verkauft. Kein Wort zwischen ihnen fällt, sie starren leere Regale an. Jede einzelne Falte seiner Haut gräbt sich tief in sein Gedächtnis ein. Er kann einfach nichts vergessen, keinen Knopf, keine Zahnlücke, erst recht nicht Elisas Lächeln, das ist sein Schicksal. Schweigen. In den Augen seines Vaters spiegelt sich das Urteil: Idiot.
„ Wenn ich drei Stunden meine Nase in das Gesetzbuch gesteckt habe, während derer ich nichts begriffen habe, ist es mir unmöglich, noch weiter fortzufahren: ich würde sonst Selbstmord begehen. Am nächsten Tag muß ich mit dem wieder anfangen, was ich am Tag vorher gemacht habe, und in diesem Tempo kommt man kaum vorwärts. Wie ein Schwimmer in starker Strömung mag ich einen noch so kräftigen Stoß machen, die Schnelligkeit der Strömung bringt mich um zwei zurück, so daß ich noch unterhalb meines Ausgangspunkts lande.“
Wenn er nur Talent zum Selbstmord hätte. Aber zu einem Freitod gehört die Freiheit wie zu einem Selbstmord das Selbst. Trotzig meint er, einzig das Schreiben gehöre ihm. Nichts davon ist für die Öffentlichkeit bestimmt. Aber seine Neugier zu wissen, wie es die Freunde finden, zwingt ihn, seine literarischen Versuche doch zu teilen. „Smarh“ wird ins prasselnde Kaminfeuer geworfen. Zum Dramatiker à la „Hernani“ taugt er also nicht.
Er ist vernichtet. Absolut. Vorerst. Man könnte ja, vielleicht. Die Poesie bleibt sein Geheimnis, eine heimliche Braut unter der Robe des Justiziars. Er stottert, fällt durch das erste Examen. Tant pis . Für den Vater eher eine Bestätigung seiner Ansicht, weniger ein Ärgernis. mehr Genugtuung als Überraschung, die er ohnehin nicht schätzt. Zum Anwalt taugt der Idiot nicht. „ Das Studium der Rechte verbittert meinen Charakter im höchsten Maße: ich knurre unaufhörlich, wettere, murre und brumme sogar gegen mich selbst und auch wenn ich ganz allein bin. Vorgestern Abend hätte ich hundert Francs (die ich nicht besaß) darum gegeben, wenn ich irgend jemand eine Tracht Prügel hätte verabreichen können. Stattdessen ließ ich fünfzig bei einer Dirne. “
Es ist passiert. Ein weicher Sturz, fast wie im Nebel, eine Spirale, auf deren Grund er hat blicken können. Wer hat das Meer gemacht? fragt er sich, als er aufwacht, seine Lippen noch feucht vom Schaum aus seinem Inneren. Wer hat es aufgetürmt in seinen wogenden Wellen? Spricht er plötzlich ohne Stottern? Ist das Meer dazu bestimmt, den Sonnenuntergang zu spiegeln? „ Die einen entdecken in der Schöpfung einen erhabenen Plan, die anderen nur eine obszöne Farce. Kunst ist von allen Lügen doch die am wenigsten verlogene.“
Wenn es nach der Mutter geht sollte er Theologie studieren, damit der Segen sicher ist, der Vater hat das Nächstliegende vor Augen, die Medizin. Krankheit ist immer, krisensicher. Man hat sich in der Mitte geeinigt und das bedeutet Rechtswissenschaft. Im Kreis der Familie gilt er als unfähig, besonders, nachdem er erneut durch sein Examen fällt. Da kommt der erste epileptische Anfall gerade recht. Er ist gerettet – vorerst . „Nach solchen Anfällen öffnete sich das Leben für mich wieder in der ewigen Monotonie seiner Stunden.“ Gegen dieses grauenerregende Grau hilft einzig das Schreiben. Er lernt, die Feder wie ein Skalpell zu führen.
Die Seine führt wieder Hochwasser. Der Gare du Nord wird eingeweiht, bald wird er mit dem Zug nach Rouen fahren und nur noch einige Stunden unterwegs sein, die Pferde werden keine Droschken mehr ziehen, sondern zu Wurst für die Fahrgäste verarbeitet. Manche Tage beginnen hell und enden dunkel, so, als ob die Nacht nie enden wollte. Der 15. 1. 1846 ist so ein Tag. Die Schwester liegt in ihren letzten Wehen, niemand hat den heftigen Blutverlust vorhergesehen, das Kind liegt falsch in ihrem Leib und am Ende kommt es atmend, schreiend zur Welt, nur die Mutter, fast ein Mädchen noch, die ist still und stumm und sagt kein Wort, nie mehr. Der Vater, Gott von Beruf, kann ihr nicht helfen. Als sein Kleinod ihm unter den machtlosen Händen wegstirbt, entscheidet er sich und lässt sich neben sie sinken. An einem Tag zwei Tote und ein Neugeborenes, während Gustave heftig niest und ein Dampfbad nimmt, irgendwo in Paris, zwei Karten für die Uraufführung von Halévy liegen auf einem Nussbaumtisch, die Musketiere des Königs, er wird sie nicht sehen, sondern die Grabrede hören.
Die Schritte im Kies werden Trauermusik, wie sie zu alten Friedhöfen gehört, ein Knirschen, das mit den kratzigen Arien der Krähen harmoniert. Viele umgesunkene Kreuze, doppelte Ruinen, die der Gräber und die der vergessenen Körper. Alles duftet nach einem verschwundenen Frankreich, den Spinnweben des 19. Jahrhunderts; schmal und weiß wirkt die Fläche neben dem breiten, Aushub, aus dem dunkle Erde quillt. Das seiner Schwester, um der Symmetrie willen ist wieder schmal, auf der anderen Seite wird er dann liegen, ebenso schmal, alle zusammen von einer kleinen Einfriedung umgeben, so muss es sein.
Beim Anblick ihrer Särge wird ihm gewahr, dass die Bourgeoisie immer mächtiger sein wird als er, der ihr entkommen will und er muss lachen, keiner kann das verstehen, er ist ein Idiot, er weiß es, aber Louis, der alte Sack, der lacht mit. 40Im selben Jahr wird zweimal auf den König geschossen und verfehlt, das Schicksal hat andere Pläne mit ihm.
Der ältere Bruder trägt den gleichen Namen, das gleiche Gesicht, den gleichen Titel wie der Vater, er erbt seine Praxis und er, der Idiot der Familie erbt ein kleines Vermögen, das dafür sorgt, dass er nie arbeiten muss. Er ist nicht frei, seine Ängste und Zwänge halten ihn fest umarmt, doch unabhängig. Er kauft sich sofort eine Wohnung in Paris, so ist er nicht mehr auf Stundenhotels angewiesen, kann er endlich Besuche empfangen, auch von Damen. Seinen Vater hat er nur gefürchtet, keine Trauer mag sich einstellen. Die Schwester dagegen hat er fast verehrt, die kleine Göttin. Die ungeschminkte Wahrheit ist eine Provokation. Er möchte nur schreiben, was er denkt. Ein paar schöne Stiefel, das genügt doch schon, das ist die eigentliche Wahrheit, die er fassen, begreifen und wieder wegstellen kann. So wie die lästigen Gesetzestexte. Das Studium bricht er ab. „ Ein paar schöne Stiefel, ein schönes schlankes Frauenbein, gleichviel. Unser Erdball, ein großer oder kleiner, aber doch bunter Dreckhaufen .“
Die Poesie verleiht ihm Flügel. Draußen stottert er meist, stößt gegen diesen Stein oder tritt in jene Pfütze, Abbild eines gewissen Charles Bovary, den er noch nicht erfunden hat. Bis zu ihrem Tod lebt er bei der Mutter, ganz wie Charles. Sein Herz ist früh verzweifelt, das Gesicht alert rasend schnell. „ Niemand ist frei. Von Geburt an sind wir väterlichen Gebrechen und mütterlichen Torheiten unterworfen .“ Er ahnt bereits, dass er dem despotischen Vater im Sarg immer ähnlicher wird. Viele Jahre später wird ein irregeleiteter Brief seine Ahnung vom Fluch des Blutes bestätigen, dass auch sein Vater oft in Bordellen verkehrt hat. Er findet eine Notiz aus dem Jahr 1838, die er noch im Stadium der Unwissenheit geschrieben hat, damals als er siebzehn und Elisa Foucault de la Motte neunundzwanzig Jahre alt: „ Alles was dich umgibt, spiegelt nur dein Selbst nach jenem Vergleichsschema und dem Maß, das du in dir trägst. Bist du es, der deine Erziehung leitet?“
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