1 ...6 7 8 10 11 12 ...18 W enig später urteilt er, es handle sich um eine »mélancolie non suicidante, non blasphématrice, une tristesse qui n´est pas sans douceur.« ( eine nicht selbstmörderische Melancholie, nicht gotteslästerlich, eine Traurigkeit, die nicht frei ist von Süße). Seine eigene Willens-und Genussphilosophie kollidiert mit Flauberts Passivität und Determinismus, aus der Lebensekel spricht.
Wenn man Nietzsches Emanzipation von Schopenhauer und Wagner betrachtet, dann fällt es nicht schwer, die Vorbehalte gegenüber Flaubert nachzuvollziehen: mit Schopenhauer verbindet ihn leitmotivisch Pessimismus, eine lebensverneinende Grundhaltung und Ressentiment, die mit dem Argument der Dummheit xenophobe Züge annimmt. Darüber hinaus schrieb Flaubert meist verächtlich über die Frauen und gefiel sich im Sarkasmus. Die alles ist mit der Konzeption von amor fati unvereinbar. Mit Wagner verbindet Flaubert ein eingeengtes und auf Feindbilder beschränktes Weltbild, die sich nicht mit dem europäischen Geist und Liberalismus in Einklang bringen lässt.
1 II. Der Schriftsteller Flaubert
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2 II. 1. Das Herz eines Irren – Mémoires d´un fou
„ Ich liebe den Herbst. Seine Traurigkeit stimmt mich gut zu Erinnerungen .“ 37November-Fetzen trunkener Blätter und absterbender Triebe. Notizen eines einfachen unglücklichen Herzens. Un coeur simple , wie Flaubert über sich selbst schreibt, das der Titel seiner bekanntesten Erzählung wird. Jenes einfache Herz, das er im Inneren schlagen hört. Alles wiederholt sich in seinem Leben, doch die besten Worte, um es zu sagen, spart er sich auf für das Ende. Die Normandie ist die graue Grenze seiner Welt. Es ist der Herbst 1837, der Herbst seines Lebens, der Sechzehnjährige weiß es nur nicht. Er hat sich verliebt, die Sommerfrische von Trouville an der normannischen Meeresküste. Flaubert durchträumt die Tage und liegt in den Nächten fiebrig wach, schwer atmend, manchmal den Tod erwartend, um sich dann eilig Notizen zu machen, schreibend gegen sich und die Langeweile und die schwere Leere einer Zeit, die nur sich selbst gehören will. Er sieht sich vor ihr stehen, wie ein eingefrorener See, eine im Sand sich vergrabende Muschel oder ein zu Boden fallendes taumelndes, im Herbst vermoderndes Blatt, wenn sie sich ihm nähert. Einer Erscheinung aus Licht, gebrochen in einem Raum, der das Fenster hinaus mit Blick auf das weit freigibt. So sehr rast sein Herz, das er nicht aufhören kann, an das Gefühl im Inneren, das ihn zerschmettert, zu glauben, der dann im Regen stehen bleibt, stundenlang, sich und die Zeit vergessend, einer Regung nachspürend, die er nicht loszuwerden vermag und nicht loslassen will: Der Eindruck eines hellblauen Sommerkleides, wie es in der Düne von Trouville vor sich hin flattert. Erinnerung an die Gischt des Meeres, die Wellen, ihren Schaum, durchstoßen von der porzellanweißen Hand, einer feindgliedrige an Porzellan reichende Hand, die meist ein Handschuh ziert, mit sandfarben Perlen daran. Erinnerungen an den Saum ihres Kleides, aufgeschäumt wie Milchkaffee, das Hellblau, getragen vom Duft einer Frau, deren Geschmack alle Sommer hin-durch ihn begleitet. Schwere sanfte feine Locken, dunkel gerollt, von einer Haarnadel mit Bernsteinfassung gebändigt und Mandolinen-Augen mit venezianischem Klang. Ein Geschmack, in dem die Welt tanzt und sich spiegelt, so vollkommen rein, dass er es nicht wagt, diesen Geschmack zu verunreinigen mit seiner Gestalt.
Die Suche nach des Herzens erster Regung gleicht dem Versuch, Unsagbares, Unsägliches vielleicht in Buchstaben zu kleiden wie Futter eines Mantels; innere Realität, die sich in nach außen kehrt. Eine Badeausflug, das das schäumende Meer, Belichtung seiner Erinnerung. „ Jeden Morgen ging ich weite Wege, nur um sie baden zu sehen. Ich beobachtete sie fern vom Wasser, ich beneidete die sanfte und friedliche Welle, die ihren Körper berühren durfte und die wogende Brust mit ihrem feuchten Schaum berühren durfte.“38
Auf solche Art beginnt Gustave zu lieben, während er von Flaubert beobachtet wird. Manche Liebende vermögen nur einmal lieben und dann wiederholen sie oder versuchen ihre Gefühl von einst zu wiederholen und zurückzukehren zu diesem ersten Mal wie sie zu einem Strand zurückkehren, um nach den Spuren im Sand zu suchen, die sie hier irgendwo vergraben haben. Der Verliebte spürt nur, wie etwas Unerhörtes und Unstillbares von seinem Herzen Besitz ergreift. „ Als ich sie sah, fühlte ich zum ersten male mein eigenes Herz und ein geheimnisvolles mystisches Gefühl unerreichbarer Ferne darin, als hätte ich einen neuen Sinn empfangen. Durchströmt von diesen zärtlichen Empfindungen war ich gleichsam wahnsinnig .“ Trouville, der feine Sand und ein blauer Hermelin.
Er sieht zum ersten Mal Elisa Foucault, die später auf den Namen Madame Schlésinger hört. Hauch einer fernen, anderen, unbetretbaren Welt, die ihm alles ist. Sie kennt ihren stillen Begleiter nicht, der ihr überallhin mit seinen Blicken folgt, der sie aufsaugt, in den Gärten seiner erwachten Lust, der auf ihren Spuren im Sand geht, bevor sie die Flut zu sich nimmt, der ihre Lippen studiert, so dass er ihr jede Silbe aus der Entfernung abpflückt, der ihren Schatten aus der Ferne ausgräbt, jede Münze, die sie bei einem Kauf hinterlässt, im eifrigen Tausch dem Krämer gegen eine größere einzuhandeln versteht, indem er wenig später denselben Laden betritt, eine Kleinigkeit kauft, um genau jene Münze zu erhalten, die ihre kleine Hand zuvor verlassen hat. Sein Herz, eingefroren von Träumen und Sehnsucht, einem kühlenden Feuer gleich den im Meer zerfließenden Strahlen im Sonnenuntergang. Die leere Schwere seiner Erinnerungen vereitelt das erfüllte Glück in der Gegenwart, weil alles verblasst gegen die Vorstellung vom wahren Glück eingefrorener Gefühle. Gleich Ampullen liegen sie bereit, wie das Meer weit und breit vor ihm liegt. Er träumt einen Traum, von dem er nie erwacht mit Trouville, dem blauen Kleid, dem Schaum und Elisa als unauflösbare Einheit.
Elisa wird zu Maria in „ Mémoires du´un fou“. Dort, wo Himmel und Meer miteinander verschmelzen, ist sein Land, sein Glück, sein ganzes Herz. „ Es gibt Dichter, deren Seele ganz voll von Düften und Blumen ist, die das Leben als Morgenröte des Himmels betrachten. Jeder von uns hat ein Prisma, durch das er die Welt wahrnimmt.“39
Erinnerungen eines Verrückten, er ist gerade einmal 17 Jahre alt . Die Zeit vergeht, so schön, dass er glaubt, dass Herz wird ihm zerspringen, wird es nicht mehr, nie mehr . Er liest, ohne Befriedigung, besucht ein Bordell mit seinem Freund Maxime du Camp, ohne das zu machen, was andere dort tun, es ist noch wie mit dem Lesen, er kann nicht alles verstehen, was er fühlt. Etwas zwingt ihn, mehr zu lesen, er sieht viele Dinge vor sich, greift danach, doch nichts berührt ihn wirklich. Was ihn berührt, kann man nicht mit Händen greifen. Es ist in ihm und nur in ihm. Wenn er versucht, es zu beschreiben, gelingt es ihm nicht, das Papier füllt sich, doch es ist nur Tinte, nicht mehr.
Nach Elisa kommt das Abitur und nach der Matura beginnt er sein Jurastudium in Paris. Der Vater will es so und Vater, ein mächtiger Chirurg, ist Gott, dem kann man nicht wiedersprechen, der herrscht über Leben und Tod. Er verzweifelt, die Paragraphen tanzen, er bekommt sie nicht zu fassen, immer ist da das dunkle volle Haar, die Locken auf dem himmelblauen. In sein Tagebuch schreibt er: „ Ich werde auf alle Fälle Jura studieren, ich werde meine Zulassung als Anwalt erlangen und sogar meinen Doktor machen, um ein Jahr länger bummeln zu können. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich niemals plädieren werde, es sei denn, es handle sich darum, einen sehr berühmten Verbrecher zu verteidigen oder um eine entsetzliche Untat.“
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