Er schreibt ihr den längsten seiner Briefe, aber er enthält wenig Löbliches: wie „ Dieses Werk ist zur Veröffentlichung nicht reif ... entsetzlicher Pathos, der zur Monotonie erstarrt und das Lesen erschwert ... Dass Jean Jaques seine Kinder ins Waisenhaus gesteckt hat – was geht es Sie, was geht es uns an? Lernen Sie von seinem Stil ... es geht darum, Fakten darzustellen, aber wie Sie es tun, entbehren sie gänzlich der Kunst. Wir haben keine Rechte, nur Pflichten gegenüber der Kunst.“
Flaubert sitzt am nächtlichen Pult und schreibt, weil es Zeit zu schreiben ist, weil er schreiben muss. Er hat einen Brief von Louise erhalten, einen ihrer unzähligen parfümierten Liebesbeweise, die umso mehr Bosheiten besitzen. Sie befürwortet seine veränderte Fassung der „Première Education sentimentale“, rät aber zur Kürzung. Flaubert ist entsetzt: Nach all den Jahren ihrer Gespräche über Kunst sind es noch immer jene belanglosen Seiten, die Louise entzücken und die er streicht. Andere Sätze, die sie nicht versteht, weil sie die Handlung hemmen, findet sie geschwätzig. Sie hat kein Gespür für sein Konzept der impassibilité ; jener Ästhetik, die in der Unfähigkeit wurzelt, das wahre Leben zu empfinden und lieber davon zu träumen
Ihre Bewunderung gilt der heroischen Banalität, wo er die Empfindungsfähigkeit durch Passivität steigert. Sie liebt den an Kolorit reichen Kontrast, wo er weiche Konturen zeichnet. Louise findet, er schreibe zu viel über Henri und zu wenig von dem Poeten Jules, der ohnehin besser zu Madame Renaud passe. Sie könnte auch schreiben: Du musst dich mehr mit mir beschäftigen, so offensichtlich ist ihre Identifikation mit der Romantik. Weshalb nicht gleich alles auf Renaud angleichen? „ Man muß im Auge behalten, wie das Buch konzipiert ist. Der Charakter von Jules ist nur durch den Kontrast mit Henri einleuchtend.“
Die Doppelgeschichte zweier, sich in verschiedene Richtungen entwickelnden, Freunde bildet eine Analogie zu den Herzkammern und gegenläufigen Trieben. Ein Ich ist sentimentale Begeisterung für die rauschhafte Brandung der Lyrik, das andere Ich realistische Anwalt der Fakten. Wie die Charaktere, so führt er zwei Schreibweisen aufeinander zu und wechselt den Rhythmus, die Art des Schauens beim Erzählen. Louise sieht nicht, dass die zwei konkurrierenden Arten des Schreibens seine Form des Liebens bedingen: Die Suche nach Wahrheiten und Ideale demaskiert die geschworene Liebesschwüre. Die Grammatik macht keinen Unterschied zwischen blau und himmlisch, aber himmelblau ist ein Pleonasmus. Er macht alltägliche Dinge körperlich, die geistigen Dinge sichtbar.
Nie hat er die Unmöglichkeit sich mit Louise zu verständigen deutlicher verspürt, als sie ihm dazu rät, den Realisten Henri dem Romantiker Jules zu opfern. „ Ich weiß, wie man es machen muß – wenigstens in der Kunst, meine Teuerste, vielleicht nicht im Leben und in der Liebe .“ Die Ironie ist doch die: der eine verachtet die Wahrheit und lebt doch in ihrer prosaischen Form, der andere sucht unablässig und verschleiert sie durch seine Poesie.
Er glaubt nicht an Wahrheit, doch die wahre Kunst muss es. Wie silberglänzendes Besteck mit der Zeit schwarz oxidiert, entzaubert die Zeit den Schleier: Was einst gedankenvoll erschien, wird als Trug enttarnt. In der Liebe verlieren zwei nackte Leiber ihr Geheimnis, dem Alltag preisgegeben schlagen sinnlichen Lippen in einen profanen Mund mit Zähnen um, die langsam verfaulen. Alle sehnen sich nach Dauer und dem großen glück, doch wenn es an der Tür klopft, Öffnen wir nicht, aus Angst, es könnte schon verschwunden sein.
Jeder Vergleich zerstört das Glück, es nicht bewahren zu können. Die Liebe verweilt nicht, sie entschwindet gleich einer verblühenden Rose, von heiligem Regen berührt. Nach ihr muss er häufig ins Bordell und die Ironie will, dass er sich bei seinen Gedanken über das Glück in Beatrix Person verliebt, einer Schauspielerin im Odéon, kaum fünf Minuten Fußweg von Louise Colets Wohnung entfernt. Das Schönste an ihrer Beziehung ist das Warten, das Ankommen und das Fortgehen, nicht das Bleiben und die wirkliche Berührung von ihr. Paris erscheint ihm nur erträglich, wenn es ein Wartezimmer seiner Vorstellung bleibt.
Er sagt ihr, dass er „ ohne Sätze machen “ nicht existieren könne, wie groß die Qual des Schreibens und Regierens auch sei. Louise fühlt es nur zu gut: sie sagt Dinge, die weder poetisch noch geheimnisvoll klingen. Sie langweilt ihn. Es ist ein trister 7. April 1854. Louise spürt den Abgesang ihres Geliebten noch in der Feder, welche die Leidenschaft des jungen Henri beschwört. Le bonheur est un monstrosité . „ Das Glück ist eine Ungeheuerlichkeit; die es suchen, werden bestraft.“ An dieser Stelle konvergiert der Roman mit ihrer Beziehung.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.