Baudelaire hingegen, mit dem Flaubert zu dieser Zeit in enger Korrespondenz steht, wird zu einer Geldstrafe und Auslassung von sieben Gedichten verurteilt. Der Staatsanwalt hat seine Texte wirklich gelesen, der Dichter ist verarmt und sein privates Leben durch bekannte Opiumsucht nicht bürgerlich redlich wie das des Gutsherren Flauberts. Noch wird in Paris mit zweierlei Maß gemessen. Noch hat niemand begriffen, dass beide Schüler eines Geistes sind.
Im April 1857 wird Madame Bovary veröffentlicht und es bleibt Flauberts einziger Erfolg, nicht vergleichbar mit seinem heutigen Ruhm aber man kennt ihn. Seine Maxime: » L ́auteur dans son oeuvre doit être comme Dieu dans l ́ univers, présent partout et visible nulle part.«46 ( Der Autor muss in seinem Werk so sein wie Gott im Universum, überall gegenwärtig und nirgends sichtbar) wird zum Mantra des Flaubertisme. Das und das Streben nach Wahrheit, nicht nur Glaubwürdigkeit in einem Roman zeichnet Flauberts Realitätssinn aus. Da Subjektivität ein Filter, mitunter auch eine Blende ist, darf sie nicht in das Werk einfließen. Persönliche Überzeugungen haben ebenso wenig wie Geschmack oder eigene Erlebnisse einen Platz bei ihm. Der Autor muss das, was ist beschreiben und gleichzeitig Gefühle vermitteln, so als stünde der Leser im gleichen Raum, trüge das gleiche Kleid, feiere die gleiche Hochzeit.
Flaubert wehrt sich gegen den Begriff réalisme , nicht weil er sich für einen Idealisten oder Romantiker hält, sondern weil er die Wirklichkeit für tiefer erachtet als sie zu seiner Zeit dargestellt wird. Der Beginn des psychologischen Romans wird gemeinhin Stendhal zugesprochen, doch Flaubert geht weiter, da er auf jeglichen Kommentar verzichtet. In der Wirklichkeit gibt es schließlich auch keine Stimme, die erklärt, was der Leser sehen sollte. So detailgetreu wie er hat die Welt noch niemand abgebildet. Es genügt ihm nicht, sich in Madame Bovary einzufühlen, er will sie sein, ganz und gar. Das und nicht die Identität mit seiner Protagonistin ist gemeint, als er vor Gericht zu Protokoll gibt: „Madame Bovary, das bin ich.“ Eine Identifikation mit einer Ehebrecherin mit Mordabsicht und Selbstmörderin hätte ihn ins Gefängnis gebracht. Flaubertisme, im Gegenteil zu Balzac, bedeutet Freisein von jeglicher Meinung oder gar Sympathie mit einer Idee. Balzacs Realismus, die sich in dem epochalen „Comédie Humaine“ niederschlägt, wird getragen von einer gesellschaftlichen und politischen Vision, einem klaren Bekenntnis und persönlichen Überzeugungen des Autors. Bei Flaubert trifft dies alles nicht zu. „ In seiner ausweglosen Lage sieht Flaubert den Künstler des 19. Jahrhunderts die Hierarchien zugunsten des Ideals der Gleichheit eingebettet und damit die Voraussetzungen, die Kunst verschwinden macht.“47
Die Kongruenz von innen und außen entstammt im Ansatz der romantischen Schule, der absoluten Identität von scheinbaren Antinomien (These, Antithese, Synthese). Man könnte hinsichtlich des Absolutheitsanspruchs von Wirklichkeit auf Hegel schließen, wenn Flaubert ihn nicht so abgrundtief gehasst hätte. Für ihn geht es nicht um das Verstehen oder die Vernunft, sondern darum, die Notwendigkeit der Wirklichkeit im Einzelnen und im Besonderen, zu erfassen, das Absolute konkret und nicht abstrakt zu formen Konkreten zu erfassen. Gerade aufgrund der Erfahrung von 1848 teilt er Hegels Fortschrittsoptimismus, seine progressive Dialektik nicht, sondern setzt ihm Flaubertismus entgegen » une manière absolue de voir des choses, sans s ́engager«48 (eine absolute Art, Dinge zu sehen, ohne sich einzumischen), wie Flaubert schreibt.
Während Hegel die Materie und damit die Dingwelt aller Erscheinungen nimmt, um dahinter eine geistige Tätigkeit, eine Idee zum Vorschein zu bringen, geht es ihm um absolute Neutralität. Er bringt die Ideen zum Verschwinden, was bleibt sind Gefühle, Triebe, Dinge: « Une phrase est viable, quand elle correspond à toutes les nécessités de la respiration .« Ein Satz ist wahr, wenn er allen Notwendigkeiten der Atmung entspricht. Der Text ist organisches Gewebe, Flaubert vergleicht es mit einem Spinnennetz.
Seit der gescheiterten Revolution hält Flaubert die Hoffnung auf Veränderung oder gar Erlösung für eine ausgemachte Dummheit. Hermann Bahr (1890), quasi der Entdecker der Genialität des zu seiner Zeit kaum beachteten Sonderlings aus Rouen, bezeichnet Flaubert als Besessenen einen, „ für sein Werk sich opfernden Mönch und nur für das Schreiben lebenden Künstler, dem alles andere egal ist“ 49Ohne Flaubert ist die Wiener Secession undenkbar.
Mag diese Technik auch für „Die Erziehung des Herzens“ und in „Salambô“ gelten, der „Heilige Antonius“ geht darüber hinaus durch die Integration des Fantastischen. Der Autor sieht es als philosophisch unerfüllte Wahrheitssuche, keinesfalls als Eskapismus in reine Ästhetik, im Gegenteil, als pure Unbehaglichkeit an der Zeit: » Dans Saint Antoine j’étais chez moi. Ici, je suis chez le voisin. Aussi je n’y trouve aucune commodité .« „Im Heiligen Antonius blieb ich ganz bei mir. Hier bin ich beim Nachbarn. Auch habe ich keinerlei Behaglichkeit darin gefunden“ schreibt er an Louise Colet am 13. Juni 1852, als die zweite Version abgeschlossen ist. Würde Flaubert nicht eine innere Wahrheit gesucht haben, weshalb hätte er sich dieser Tortur einer dritten Version unterwerfen sollen?
Die von ihm geforderten und gesetzten Maßstäbe beurteilt auch Hermann Hesse als unerhörte Instanz für alle Schriftsteller. Die Geschichte tritt in den Hintergrund; einzig der Stil entscheidet über das Gelingen der Literatur. Tauscht man nur einen Satz aus, manchmal ein einziges Wort, ist der Flaubertisme, dieser einzigartige Sprachrhythmus, musikalischer als Musik, zerstört. 50„ Die Schule der Empfindsamkeit ist an sprachlicher Schönheit nicht zu überbieten oder zu übersetzen. Die ganze Pariser Moderne hat nicht annähernd so Großes hervorgebracht … Flaubert zeigt, dass Traum und Fantasie realer sein können als die Wirklichkeit.“51
Flaubert schildert die unausweichliche Kollision von Traum und Wirklichkeit. „Vier Seiten, wie sie die französische Literatur nicht besser hat“52 urteilt Stefan Zweig über dasselbe Werk und meint mit den vier Seiten die Begegnung mit der ergrauten Madame Arnoux alias Elisa Schlésinger. Aus dieser Synthese von Wirklichkeit und symbolischer Bedeutung für das Seeleninnere werden „ Bücher wie Statuen, kalt, ehern, unvergänglich, klassischen Angesichts ... nur bezeugend durch die Fehllosigkeit ihrer Kunst“.
Flaubert besitzt keine Theorie wie die Brüder Goncourt und Zola, vielleicht nicht einmal eine Meinung, aber er arbeitet methodisch, vertraut sich keinesfalls der Inspiration an wie Balzac oder Stendhal. Die Nichtigkeit der äußeren Wirklichkeit und das Nichts ihrer Ideen führen zu seiner Abkehr innerhalb der Beschreibung, die mit dem Realisten im Widerspruch steht. Sein Hass auf die Philister, allen voran Hegel, aber auch die Saint-Simonisten, auf die Theaterzensur und die politischen Institutionen, der Förderung von staatlichen Kunstwerkstätten und damit Subventionierung der Künstler unter staatlicher Kontrolle ist so gewaltig, dass er Politik komplett ablehnt. Setzt man Realismus mit rationaler Wiedergabe gleich, mit Faktizität der Geschichte, ist Flaubert kein Realist, was „ Salambô“ eindrucksvoll beweist. Dennoch hat er die Fakten studiert. Ihm ist die präzise Beschreibung einer Sandale oder des verwendeten Marmors bedeutender als die Historie selbst. Ganze Tage hüllt er sich in einen Mantel aus Kaschmir, um das Gefühl auf der Haut zu spüren, um sich ganz sicher zu sein, wenn er ihn beschreibt.
Flaubertisme erfindet nichts, er setzt nur aus Vorgefunden neu zusammen. Er sondiert Quellen, aber er transformiert die Realität in einer anderen Dimension als der Kausalität. Seine Grundüberzeugung, dass der Mensch unreif für die Demokratie ist und der da-aus entwickelte Kulturpessimismus haben auch nichts mit Schopenhauer gemein, wie man vermuten könnte. Flaubert interessiert sich allein für die Ästhetik, keinesfalls den Geschmack der Zeitgenossen, denn er fordert eine Scheidung zwischen der Geschichte, dem Schriftsteller und der Öffentlichkeit: » une divorce unique dans l ́histoire de l ́écrivain et du public «.
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