Andererseits begreift er Flaubert als Teil und „ Sitz der geistigen und raffinierten Cultur Europas“ und betont seinen Geschmack für das Schöne der Grammatik und seinen Humor bzw. esprit . Ist Flaubert auch ein Genius der Sprache: „ Er hat das klingende und bunte Französisch auf die Höhe gebracht“, so argumentiert er pädagogisch unredlich durch sein „Bedürfnis nach Gelehrsamkeit und instinktivem Pessimismus “ 31.
Nietzsche vergleicht Flaubert mehrfach mit Baudelaire hinsichtlich des Begriffspaares spleen et idéal , was für seine Zeit, in der beide kaum über Paris bekannt sind, eine Pionierarbeit bedeutet. Durch zu viel Schopenhauer im Blut missrät beiden das Gleichgewicht aus dionysischem und apollinischem Kunsttrieb und somit mangelt beiden die Liebe zum Leben. Das letzte große Ereignis französischer Literatur und Maß der Dinge des 19. Jahrhunderts ist für Nietzsche Stendhal, als dessen Schüler er Flaubert rezipiert.
Le bon sens (der gute Geschmack) ist ein wichtiges Kriterium Nietzsches, wenn es um Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit geht. Vielleicht versteht man Nietzsches Hassliebe zu Flaubert am besten im Rückgriff auf Stendhal und mit Blick auf Dostojewski, die er als die bedeutendsten Psychologen betrachtet, auch weil sich in ihnen am Ende Liebe und nicht Verbitterung oder Hass triumphiert. „ Jene typische Verwandlung, für die unter Franzosen G. Flaubert unter Deutschen R. Wagner das deutlichste Beispiel abgibt: zwischen 1830 und 1850 wandelt sich der romantische Glaube an die Liebe und die Zukunft in das Verlangen zum Nichts. “ 32
Nietzsches immoralischer 33Kampf um Selbstbejahung schließt jede Form von Lebensfeindlichkeit und Moralisierung und Passivität kategorisch aus. Flaubert ist nicht frei vom Ressentiment, sondern scheint „ Rache für eine tief eingenistete Selbstverachtung nötig zu haben“ . Die Epoche begünstigt nihilistische Gleichgültigkeit dem Leben außerhalb der Kunst gegenüber. Er verabsolutiert das Nichts, wo Nietzsche das Gesetz ewigen Werdens statuiert und wirkt auf ihn als „ Reizmittel, in dem selbst das Hässliche und Ungeheure Emotion erweckt. “ Nietzsche spricht vom Gesetz der Entropie als Bestehen der Energie und ewiger Wiederkehr in steter Verwandlung, Flaubert hingegen begnüge sich mit destruktiver Kritik. „ Flaubert hielt weder Mérimée noch Stendhal aus ... Der Unterschied liegt darin: Beyle stammt von Voltaire, Flaubert von Victor Hugo. Die Männer von 1830 (- Männer?) haben eine unsinnige Vergötterung mit der Liebe getrieben … auch mit der Ausschweifung und dem Laster.“ 34 Nietzsche zitiert einen pathetischen Appell Flauberts im Nachruf auf Hernani, mit dem Hugo 1830 das romantische Drama begründet. Bei der Aufführung kommt es zu einem Skandal, den auf deutschen Bühnen nur Schillers „Räuber“ gleichkommt; Flaubert begeistert sich als Vorpubertierender für das Stück. Dieser pubertierende Trotz ist ihm nach Ansicht des Philologen geblieben.
Nietzsche verweist auf den fundamentalen Unterschied der Generation um Napoleon, zu der u. a. Stendhal gehört, wohingegen der neunzehn Jahre jüngere Hugo zur Übergangsgeneration vor Flaubert gehört, mit dem das moderne Zeitalter der Dekadenten und des Nihilismus beginnt. Stendhal steht noch für eine Wertekultur und als Sympathisant Napoleons für eine elitäre Geistesaristokratie. Flaubert hingegen durchläuft eine Phase der Demokratie, um nach dem Scheitern der 48er Revolution in apolitische Starre zu verfallen. In seiner Haltung, jegliches Ideal zu verspotten, erscheint er Nietzsche vergreister als Stendhal, der sich noch im hohen Alter zu begeistern vermag. Es ist jener Optimismus, das Leben zu feiern, die der Generation Flauberts fehlt. Die „ Literatur-Pessimi sten“ setzen ihr außergewöhnliches Talent falsch für die mélancholie contemporaine ein. Dieser Rückfall in Romantizismus hat nichts mit jener von Nietzsche geforderten Heiterkeit und Leichtigkeit gemein, jenem Maßhalten der griechischen Tragödie. Die einseitige Desillusionierung ist ihm zu wenig.
Mit „rien“ zu enden entspricht „ le sens mal “, (dem schlechten Geschmack), einer „ historischen Kran kheit“, an die der Mensch zugrunde geht. Ressentiment und Langeweile prägen die Moderne, die Generation der gescheiterten Märzrevolution: „Der Typus von 1830: … Die politischen Ideen von 1848 haben ihn einen Augenblick wieder in Fieber gesetzt. Seitdem die Langeweile und die Nichtbeschäftigung seiner Gedanken und Aspirationen. Ein distinguierter Geist, an einem friedlichen Heimweh nach einem Ideal in Politik, Literatur, Kunst leidend, sich mit halber Stimme beklagend und nur an sich selbst rächend für die Vision der Unvollkommenheit der Dinge hier unten.“ 35
Ein derartiger Rückzug ins Private führt zur Resignation und fördert die Langeweile; jene von der Politik gelangweilten Schriftsteller stammen aus dem bürgerlichen, nicht der aristokratischen Gesellschaft und zehren das Geld ihrer verhassten Väter auf. Da sitzen sie friedlich auf Bänken, spielen Karten oder besuchen Bordelle und erfinden geistreiche Bonmots. Harmlose Biedermänner, verkleidet, keine „Übermenschen“, die „nach neuen Meeren Ausschau halten“- geschweige denn bereit sind, sie zu überqueren. Weil sie nichts wagen, erregen sie Nietzsches Missfallen. Flaubert verweilt lieber auf festem Boden irgendwo in der behaglichen Provinz und wähnt die Liebe für abgeschafft. Verliebt in factice et artificiel ... analytisch-phantastisch … mehr von der Geschichte im Kopfe erzählend als von der im Herzen. “ (fatice: unecht, artificiel: künstlich)
Nietzsche zitiert einen Brief Flauberts an die Brüder Goncourt der belegt, dass eine hoffnungs-und antriebslose Haltung nur fördre, was man verachtet: Langeweile. Mit Menschen wie Flaubert ist keine Revolte zu machen. „Er hat den Saft der Bäume in den Adern.“ Nietzsche rezitiert Flauberts Kritik an Hugo und unterstellt ihm Eskapismus: » Après tout, le travail c ́est encore le meilleur moyen d´escamoter la vie. « (Alles in allem ist Arbeit noch der beste Weg, dem Leben zu entkommen).
Die romantische Kunst ist eine Folge des Ungenügens am Wirklichen, Realismus eine Folge der Dankbarkeit genossenen Glücks. Nietzsche kritisiert auch Flauberts Tartüfferie. In seinen Romanen tritt er als Verächter der Geldgier, des Geizes und des Konsumverhaltens, übt teilweise marxistische Kritik und stellt die Kirchenvertreter bloß. Im eigenen Leben erweist er sich als kleinkariert, bigott und eitel. Er sammelt Trödel, Kitsch und Klischee, während er echte Künstler verspottet, unter ihnen Vater und Sohn Dumas. Er gibt vor, die Nostalgie zu verachten, doch sind seine Werke ohne sie kaum zu denken.
So verkörpert Flaubert die „ bloße Ökonomie des Künstlers mit der Unendlichkeit im Busen“ ohne Vitalität, Fruchtbarkeit und kreativer Zeugungskraft. „ Man bemerke, daß die delikateren Naturen in ihren Abneigungen vergröbern, die starken in ihren Abneigungen verdünnen, verzärteln, verkränkeln.“36
So stehen Wagner und Goethe für den vitalen Eros und Vereinbarkeit von Kunst, Genuss und Leben, Baudelaire und Flaubert hingegen, wenngleich unterschiedlich, für eine Form der Selbstaufgabe durch Hingabe an die Kunst. Der Vergleich der „Madame Bovary“ mit Wagners intensiver Libido mag befremden, doch bezieht sich der Vergleich auf die Kunst zu komponieren. Wagner, wie Flaubert beginnen mit dem Mittelstück und suchen von ihrem Leitmotiv aus nach einem Anfang und einem Ende. Es handelt sich aber lediglich um subjektive Wertgefühle, die sich hinter der Maske der Objektivität tarnen.
Gott, so Nietzsches Credo, muss zumindest in der Form des guten Willens, der Redlichkeit und edlen Gefühle überleben, weil eine Welt ohne Glauben, Liebe und Wärme am Geist der Schwere zugrunde gehen muss. Diese Leichtigkeit fehlt Flaubert: „In Salambô kommt Flaubert zum Vorschein, geschwollen, deklamatorisch, melodramatisch, verliebt in die dicke Farbe.“
Читать дальше